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Rio Tinto : Kalter Krieg um Rohstoffe

Rio Tinto ist der drittgrößte Bergbau-Konzern der Welt Bild: AFP

Dem Bergbaukonzern Rio Tinto droht ein Machtkampf mit Chinas Regierung, da er ein Aktien-Kauf-Angebot des Staatskonzerns Chinalco zurückwies. Der Fall ähnelt dem Streit zwischen Moskau und den Ölproduzenten Shell und BP.

          Zwischen Australien und China kracht es an allen Ecken, und ein Ende der Streitereien ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Es geht um chinesische Vorwürfe der Spionage und die Verhaftungen von Mitarbeitern des britisch-australischen Rohstoffkonzerns Rio Tinto in Schanghai, es geht um liquide Staatskonzerne aus dem Reich der Mitte und finanziell klamme Rohstoffunternehmen auf dem fünften Kontinent, es geht um Fusionen und Übernahmen, um Kontrolle, Macht und sehr viel Geld.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Was westliche Rohstoffkonzerne vor kurzem in Russland erlebten, scheint sich nun im Reich der Mitte fortzusetzen: ein kalter Krieg um Rohstoffe. Seit Rio-Tinto, der drittgrößte Bergbau-Konzern der Welt, Anfang Juni ein milliardenschweres Aktien-Kauf-Angebot des Staatskonzerns Aluminium Corp. of China (Chinalco) zurückwies und stattdessen sein ursprünglich angestrebtes Bündnis mit dem australischen Rivalen BHP Billiton forcierte, haben sich die atmosphärischen Spannungen zwischen Canberra und Peking zu einem gewaltigen politischen Tiefdruckgebiet aufgebaut.

          „Diebstahl von Staatsgeheimnissen“

          Als die Wettbewerbsbehörden in Canberra im Mai die Hürden für den Einstieg von Konzernen aus dem Reich der Mitte bei Unternehmen auf dem fünften Kontinent höher legten, sahen sich die Machthaber der kommunistischen Regierung erstmals gezwungen, lautstark an die Spielregeln des freien Marktes zu appellieren. Als die China Minmetals Corp. im Februar einen Kampf zur Übernahme der australischen OZ Minerals startete und Canberra das Vorhaben auf Druck konservativer Kreise in Australien ins politische Abseits laufen ließ, hielt Peking noch still. Doch mit der kürzlich erfolgten Absage der geplanten Allianz zwischen Rio Tinto und Chinalco brach bei den politischen Akteuren in China ein Sturm los. Er gleicht einem Taifun, den wohl auch verbal die abgewogenen diplomatischen Noten, die seit Tagen über den Pazifik hin- und hergehen, kaum noch bremsen können.

          Die australische Firma BHP Billiton hat den Zuschlag bekommen

          Wie einst bei großen europäischen Ölfirmen in Russland werden auch in China zunächst ausgewählte Mitarbeiter ausländischer Investoren unter Druck gesetzt. Unter dem Vorwurf der Industriespionage ließ die chinesische Regierung am Wochenende in den Geschäftsräumen einer Rio-Tinto-Niederlassung Computer mit Vertragsdaten beschlagnahmen sowie vier Mitarbeiter dieser Gesellschaft verhaften. Darunter befindet sich neben drei chinesischen Mitarbeitern auch der australische Chef der Rio-Vertretung in Schanghai, Stern Hu. Der Topmanager soll in den jüngsten Verhandlungen um Preise und Liefermengen australischen Eisenerzes an die großen Stahlwerke in China eine entscheidende Rolle gespielt haben. Die Behörden werfen ihnen Agenturberichten zufolge den „Diebstahl von Staatsgeheimnissen“ vor. Ein Vergehen, das in China mit einem lebenslangen Gefängnisaufenthalt bestraft werden kann.

          Einer der größten Abnehmer von Eisenerz

          Seitens der Chinesen hieß es, es handele sich bei der gesamten Aktion um einen individuellen Justizfall und sollte nicht politisiert werden. Australien dagegen bestellte den chinesischen Botschafter in Canberra ein. Daraufhin erlaubt China australischen Diplomaten nun, ihren Manager Hu Ende dieser Woche aufzusuchen. Der australische Außenminister wies öffentlich zurück, dass ein Zusammenhang bestehe mit Chinas gescheitertem Geschäft, seinen Aktienanteil bei Rio zu erhöhen.

          Dabei hatte Canberra dem in chinesischer Staatshand befindlichen Konzern Chinalco einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht, für knapp 15 Milliarden Euro seinen Anteil an Rio weiter aufzustocken und Schritt für Schritt die Kontrolle zu übernehmen. Peking war empört, düpiert und zeigte sich getroffen. Für Rio ist China einer der größten Abnehmer von Eisenerz. Für China ist Rio einer der wichtigsten Lieferanten der für das rasche Wachstum so wichtigen Rohstoffe.

          China scheint mit seiner Aktion einen Weg zu beschreiten, den Russland 2006 vorgezeichnet hatte. Moskau fing damals an, gegen europäische Ölkonzerne vorzugehen. Als erstes Ziel für seine Attacken wählte Moskaus ehemaliger Staatschef Wladimir Putin Shell aus. Der niederländisch-britische Konzern profitierte noch vor drei Jahren von einer Vereinbarung, die zu Zeiten von Putins Amtsvorgänger Jelzin ausgehandelt worden war und dem westlichen Betreiber eine Schlüsselposition bei der Erschließung des russischen Öl- und Gasfeld-Projekts „Sachalin 2“ zusicherte. An der dafür gegründeten Förder- und Entwicklungsgesellschaft hielt der Ölproduzent aus Den Haag 55 Prozent. Der Rest fiel den japanischen Partnern Mitsui und Mitsubishi zu.

          Hohe Steuernachforderungen und scharfe Umweltauflagen

          Putin war die vermeintliche Vormachtstellung von Shell in dem höchst lukrativen Energieprojekt ein Dorn im Auge, und er drückte einen Einstieg des russischen Staatskonzerns Gasprom durch. Direkte Interventionen des Staates in dem Projekt wurden von den zuständigen Regierungsstellen in Moskau bestritten. Stattdessen machten diverse Behörden durch Umweltauflagen oder den drohenden Entzug von Betriebslizenzen den Shell-Managern die Arbeit im Tagesgeschäft schwer. Putins Kalkül ging freilich auf. Shell musste seine Führungsrolle für „Sachalin 2“ an Gasprom abtreten.

          Ähnliche Widerstände des Kreml spürte auch BP. Im Gegensatz zu Shell zog der Ölkonzern aus London vor sechs Jahren die Gründung seines britisch-russischen Gemeinschaftsunternehmens TNK-BP zwar mit ausdrücklicher Genehmigung Putins durch. Doch mit zunehmendem Geschäftserfolg und der wachsenden Bedeutung von TNK-BP für die Öl- und Gasversorgung in Russland - das Unternehmen kontrolliert immerhin knapp ein Fünftel der Gesamtreserven - setzten staatliche Stellen in Moskau den Betreiber aus dem Westen durch hohe Steuernachforderungen und scharfe Umweltauflagen gezielt unter Druck.

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