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Ringen um eine Erklärung : Der Tiefpunkt der Karriere des Daniel Bouton

Wie konnte das passieren? Daniel Bouton in Erklärungsnöten Bild: dpa

Es ist ein rabenschwarzer Tag für Daniel Bouton, Chef der Société Générale. Ein einzelner Händler hat angeblich über Monate hinweg die Bank so getäuscht, dass am Ende fast 5 Milliarden Euro Verlust anfielen. Nun soll Bouton erklären, was er selbst für unerklärlich hält.

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          Der Chef der Société Générale, Daniel Bouton, ist blass und seine Lippen sind noch schmaler als sonst. Eine schwere Last trägt er mit sich herum. Daher geht er vor Beginn der Pressekonferenz nervös vor dem leeren Podium auf und ab, bevor er für die Fernsehkameras eine Erklärung über das abgibt, was er für unerklärlich hält: Ein einzelner Händler hat angeblich über Monate hinweg die Bank so getäuscht, dass am Ende fast 5 Milliarden Euro Verlust anfielen. So jedenfalls seine Darstellung und jene der Bank. Kurz darauf fällt das Mikrofon aus, und der angespannte Bouton muss sich mächtig zusammenreißen, um die Fassung zu bewahren. „Wenn man schon das Glück verloren hat, dann auch das mit der Technik“, sagt er.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          In die Anspannung schleicht sich Niedergeschlagenheit und ein Stück Reue. „Ich biete hiermit allen Aktionären und besonders allen Mitarbeiteraktionären meine Entschuldigung an.“ Dann versucht er, auf die Stärken der Bank zu verweisen, auf das Filialgeschäft in Frankreich und im Ausland, auf die spezialisierten Finanzdienstleistungen und auf die Kapitalerhöhung, die zwei amerikanische Banken garantiert hätten und damit den Ausweg aus der Krise ebneten. Doch die Journalisten wollen davon nicht viel hören, werfen ihre Fragen ihm und seinen Vorstandskollegen mehr im Brüll- als im Gesprächston zu.

          Am Ende nur offene Fragen

          „Wie konnte das passieren?“, wollen alle wissen. Bouton gibt selbst zu, dass er die Vorgänge im ersten Anlauf nicht verständlich machen kann, setzt ein zweites Mal zur Erklärung an und lässt am Ende aber doch nur offene Fragen zurück. An diesem rabenschwarzen Tag bleiben ihm nur Gesten: So wollen er und die Nummer zwei der Bank, Philippe Citerne, „mindestens bis Mitte des Jahres“ auf alle Bezüge einschließlich Aktienoptionen verzichten.

          Der 57 Jahre alte Bouton ist nach einer Bilderbuchkarriere auf seinem beruflichen Tiefpunkt angekommen. Mit 17 legt er das Abitur ab und durchläuft im Schnelldurchgang die Eliteschulen Sciences Po und ENA. Mit 23 Jahren wird er Frankreichs jüngster Finanzinspektor, eine Edelklasse des französischen Beamtentums. Mit 36 Jahren macht ihn der damalige konservative Budgetminister und spätere Premierminister Alain Juppé zum Kabinettsdirektor, und Bouton bleibt im Budgetministerium, als zwei Jahre später der Sozialist Pierre Bérégovoy es übernimmt.

          Bouton setzt auf Eigenständigkeit

          Außerhalb der Arbeit reüssiert er auf dem Golfplatz und wird zudem als Opernkenner geschätzt. 1991 holt ihn der damalige Bankchef Marc Viénot zur Société Générale. 1997 wird er dessen Nachfolger. Die erste große Prüfung wartet auf ihn 1999: Nachdem die versuchte Übernahme des Konkurrenten Paribas scheiterte, griff der Erzrivale BNP nach Paribas und der Société Générale. Bouton verteidigt in einer heftigen Schlacht die Unabhängigkeit der Bank.

          Seither setzt er auf Eigenständigkeit, trotz aller Kritik, dass die Bank hinter ihren Möglichkeiten zurückbliebe. Lange gab ihm die Entwicklung recht. So stieg der Börsenwert der Bank seit 1999 von 13 auf zeitweilig mehr als 60 Milliarden Euro. Doch seitdem ist dem Kurs jegliche Luft entwichen. Am gestrigen Donnerstag notierte der Marktwert noch bei rund 32 Milliarden Euro. Die Anleger vermuteten seit geraumer Zeit, dass die Bank stärker unter der Hypothekenkrise leide, als sie zugibt. Zu Recht, wie man heute weiß, denn neben dem Betrug gab sie 2 Milliarden Euro neue Belastungen aus der Subprime-Krise bekannt.

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