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Riesige Reserven : Ölkonzerne erobern das Polarmeer

Greenpeace Aktivisten in Berlin: Der Plan, in der Arktis nach Öl zu bohren, bleibt nicht ohne Kritik Bild: dpa

Die Vereinigten Staaten und Norwegen forcieren die Energiejagd in der Arktis. Erstmals seit 20 Jahren sollen dort wieder Bohrungen beginnen. Die Region zählt zu den letzten großen weißen Flecken auf der Weltkarte der Öl- und Gasindustrie.

          Jahrelang hat Europas größter Energiekonzern in Washington auf die Genehmigung gedrungen - jetzt scheint Shell am Ziel: Der amerikanische Umweltminister Ken Salazar kündigte bei einem Besuch in Norwegen an, es sei „sehr wahrscheinlich“, dass der britisch-niederländische Energieriese in den kommenden Monaten im amerikanischen Teil der Arktis vor der Nordküste Alaskas mit Ölbohrungen beginnen dürfe. Die Konkurrenten Conoco-Phillips und Statoil wollen folgen. Es sind dort die ersten Bohrungen seit zwei Jahrzehnten. Auch Norwegens Regierung forciert die Energiejagd im eisigen Nordpolarmeer. Bereits im kommenden Jahr würden die Lizenzen für die Suche in Dutzenden von Meeresabschnitten unter anderem in der arktischen Barentssee erteilt, sagte Ölminister Ola Borten Moe. Das Interesse der Energiekonzerne sei gewaltig.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die Region jenseits des nördlichen Polarkreises zählt zu den letzten großen weißen Flecken auf der Weltkarte der Öl- und Gasindustrie. Weite Teile sind bislang unerkundet. Politiker und Konzernchefs hoffen, hoch im Norden einen riesigen Energieschatz heben zu können. Geologen der amerikanischen Regierung vermuten, dass 13 Prozent der noch nicht aufgespürten globalen konventionellen Ölreserven, rund 90 Milliarden Fass (zu 159 Liter), in der Arktis lagern. Auch 30 Prozent der noch nicht lokalisierten Erdgasvorkommen werden dort vermutet. Die acht Staaten, zu deren Hoheitsgebiet die Arktis gehört - Dänemark, Finnland, Island, Kanada, Norwegen, Russland, Schweden und die Vereinigten Staaten -, hoffen auf einen Ölrausch im Eis.

          Angst vor einer neuen Ölpest

          Umweltschützer fürchten dagegen um eines der empfindlichsten Ökosysteme der Welt, wenn die Energiekonzerne erst im großen Stil loslegen. Die Versicherungen des amerikanischen Umweltministers beruhigen sie nicht. „Es wird keine Ölpest geben“, sagt Salazar. „Ich rechne nicht mit Problemen.“ Shell habe den Behörden vorgeführt, dass das Unternehmen über die technische Ausrüstung verfüge, um Ölaustritte ins Meer zu verhindern und notfalls wirkungsvoll einzudämmen. Allerdings will die Regierung in Washington die Vergabe weiterer Bohrlizenzen in der Beaufortsee im Norden Alaskas bis 2017 aufschieben.

          Noch vor zwei Jahren war die Skepsis viel größer. Nach der schweren BP-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hatten die Vereinigten Staaten und Kanada die Genehmigung von Bohrungen in der Arktis vorläufig ganz auf Eis gelegt. Ein Unfall im kalten Nordpolarmeer könnte zu wesentlich langfristigeren Umweltschäden führen als im warmen Golf, weil das Öl in den niedrigen Temperaturen der Arktis langsamer abgebaut wird. Schwere Unfälle in der Region gab es schon in der Vergangenheit. 1989 lief der Tanker Exxon Valdez vor Alaskas Südküste auf ein Riff und verursachte eine Ölflut ins Meer. 2006 liefen aus einer defekten BP-Pipeline in der Prudhoe Bay im Norden Alaskas große Mengen Öl aus.

          Die Suche nach Öl und Gas in der Arktis ist wegen der extremen Klimaverhältnisse besonders schwierig. Auf See kann oft nur während der Sommermonate gearbeitet werden. An Land dagegen sind Bohrungen häufig nur im Winter möglich, weil die nordische Tundra im Sommer zu einem riesigen Sumpf wird. Fachleute schätzen, dass die Erschließungskosten in der Arktis an Land bis zu doppelt so hoch sind wie in Texas. Zwar werden etwa die Lagerstätten in der Prudhoe Bay, die zu den größten in den Vereinigten Staaten zählen, schon seit mehr als vier Jahrzehnten ausgebeutet. Aber erst der rasante Ölpreisanstieg der vergangenen Jahre lässt die Ölsuche auch in vielen anderen Regionen der Arktis lukrativ erscheinen.

          Die westlichen Energiekonzerne rangeln um die besten Plätze. Im russischen Teil der Arktis werden die größten Öl- und Gasvorkommen vermutet. Exxon-Mobil („Esso“), die Nummer eins unter den privaten Ölgesellschaften der Welt, schloss im vergangenen Jahr eine Allianz mit dem russischen Staatskonzern Rosneft ab. Die Amerikaner stachen damit den kleineren Konkurrenten BP aus, der zuvor vergeblich versucht hatte, ein Bündnis mit Rosneft zu schmieden. Auch der italienische Eni-Konzern und das norwegische Staatsunternehmen Statoil haben sich mit Rosneft zusammengetan. Vor teuren Flops sind die Energiekonzerne allerdings auch nördlich des Polarkreises nicht gefeit: Das britische Unternehmen Cairn hat allein im vergangenen Jahr umgerechnet 750 Millionen Euro für die Suche nach Öl vor der Küste Grönlands ausgegeben - und doch nichts gefunden.

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