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Richterin Hohmann-Dennhardt : Eine rote Dame für Daimler

  • -Aktualisiert am

Es ist erstaunlich, dass sich ein Autokonzern mit einer solch roten Dame schmückt: Richterin Hohmann-Dennhardt, bald bei Daimler Bild: dpa

Perfekt gestylt, modisch und mit Stil: Christine Hohmann-Dennhardt ist noch Richterin am Bundesverfassungsgericht, doch bald wird sie wohl die erste Frau im Daimler-Vorstand. Früher trat sie als Justizministerin dafür ein, weiche Drogen zu legalisieren.

          Auch wenn der Konzern es noch nicht offiziell bestätigt: Neue und erste Frau im Daimler-Vorstand wird wohl die 60-jährige Juristin Christine Hohmann-Dennhardt, Richterin am Verfassungsgericht, allerdings nur noch ein paar Tage. Hohmann-Dennhardt soll bei Daimler das neue Ressort mit dem unangenehmen Namen „Compliance und Integrität“ übernehmen, die Korruptionsbekämpfung innerhalb des Unternehmens, ein gefundenes Fressen für Juristen - und Juristinnen natürlich.

          Dass es endlich eine Frau geben sollte im Vorstand, das war schon seit einiger Zeit klar. Der Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche hatte sich schon lange das Ziel gesetzt, mehr Frauen in Führungspositionen zu holen. Doch Hohmann-Dennhardt hatte kaum einer auf der Liste.

          Und was für eine Juristin sich Daimler da holen will! Am besten lässt sie sich durch ein Bild charakterisieren, in dem passenderweise ein Auto vorkommt, allerdings ein BMW. Er ist knallrot, ein schickes Sammlerstück und trägt, wenn man den Erinnerungen von Verfassungsgerichtsmitarbeitern trauen darf, das Kennzeichen MTK - GG - 19. Er ist Hohmann-Dennhardts Auto. Mit ihm fährt sie morgens am Verfassungsgericht vor. Das Kennzeichen steht für Main-Taunus-Kreis - Grundgesetz - Artikel 19 und sagt viel darüber aus, wofür Hohmann-Dennhardts Herz schlägt: Gesetze und Paragraphen. Die rote Farbe zeigt die politische Richtung der Fahrerin: im Zweifel links. Und das Auto selbst ist ein Bekenntnis zu etwas, dem sie auch nicht abgeneigt ist: ein wenig Luxus und ein gut inszenierter Auftritt.

          Im Gerichtssaal: Christine Hohmann-Dennhardt (Dritte von rechts)

          Sie wurde belächelt, als sie „Brigitte“ las

          Für Letzteren scheint sie eine besondere Begabung gehabt zu haben. Schon in Artikeln über ihre Zeit als Justizministerin in Hessen Mitte der 90er Jahre wird ihr Hang zur modischen Inszenierung erwähnt - von männlichen Journalisten, wohlgemerkt. Und auch heute noch gehört zu den ersten Bemerkungen, die Menschen zu ihr einfallen: perfekt gestylt, modisch ganz weit vorne, mit ausgesprochenem Stil. Dass das so viel Aufsehen erregt, liegt vielleicht auch daran, dass es auf den ersten Blick gar nicht zu ihrer politischen Gesinnung passt.

          Eine Sozialdemokratin und überzeugte Feministin stellt man sich eher im Walle-Walle-Look vor denn in Prada. Aber das ist natürlich auch nur ein Vorurteil, dem Hohmann-Dennhardt gelassen entgegentritt. Schließlich hat es sie früher, in den studentenbewegten siebziger Jahren, auch nicht gestört, dass sie von Mitstudenten belächelt wurde, weil sie die „Brigitte“ las.

          Ihre sozialdemokratische Gesinnung liegt in der Familie. Ihr Großvater saß im sächsischen Landtag. Ihr Vater, ein Maurermeister, floh wegen seines gewerkschaftlichen und politischen Engagements 1951 mit der Familie aus der DDR. Hohmann-Dennhardt wuchs im Ruhrgebiet und in Schwaben auf, studierte schließlich in Tübingen und wurde die erste Akademikerin ihrer Familie. Ihre Promotion ließ sie sich teilweise von der gewerkschaftlichen „Stiftung Mitbestimmung“ finanzieren. Thema: „Entscheidungsstrukturen im Unternehmen und Arbeitnehmerinteressen“.

          Sie betrieb dezidiert linke Politik

          Ihr Berufsleben begann recht unspektakulär. Sie arbeitete einige Jahre lang als Richterin an Sozialgerichten, war schließlich Direktorin des Sozialgerichts Wiesbaden. Der erste politische Job kam 1989, als Sozialdezernentin in Frankfurt. Kurz darauf hob ihre Karriere ab. Im Jahr 1990 holte Hans Eichel sie als Justizministerin in sein Schattenkabinett für Hessen. Ein halbes Jahr später war sie es tatsächlich: Justizministerin, mit 40 Jahren.

          Gleich darauf erregte sie den Ärger der Opposition, denn sie betrieb dezidiert linke Politik. So trat sie dafür ein, weiche Drogen zu legalisieren und harte Drogen unter ärztlicher Aufsicht an Süchtige abzugeben - was selbst in ihrer eigenen Partei nicht alle freute. Als dann noch mehrere Häftlinge aus Hessens Gefängnissen entfleuchten, entwickelte die Juristin sich zum Lieblingsgegner der CDU. Doch sie blieb. Auch dann noch, als ihr Ministerium nach der nächsten Wahl an die Grünen ging. Für sie war nur das Wissenschaftministerium übrig. Damals sagte Hohmann-Dennhardt öffentlich, dieses Amt nur „aus Parteiräson“ angenommen zu haben. So kam es ihr wohl gerade recht, als ein paar Jahre später ein Posten als Verfassungsrichterin frei wurde. 1998 wechselte Hohmann-Dennhardt auf SPD-Vorschlag hin direkt aus dem Amt der Ministerin ans Verfassungsgericht. Dort übernahm sie ein Gebiet, das vor allem das Familienrecht umfasste.

          Sie hält den „Großen Lauschangriff“ für verfassungswidrig

          Sehr schnell zeigte die verheiratete Mutter zweier Kinder auch hier ihre klar linksliberale Haltung. So half sie entscheidend mit, dass die Familienpolitik der rot-grünen Regierung, insbesondere die rechtliche Besserstellung gleichgeschlechtlicher Paare, vor Gericht Bestand hatte. Zudem ergingen zu ihrer Zeit einige Urteile, die die Familienpolitik veränderten. Zum Beispiel die Entscheidung, dass alleinerziehende, unverheiratete Mütter und Väter den gleichen Unterhaltsanspruch gegenüber ihrem Ex-Partner haben müssten wie diejenigen, die verheiratet waren. Aufsehen erregte sie, als sie sich gemeinsam mit Renate Jaeger beim Urteil zum „Großen Lauschangriff“ gegen die Mehrheitsmeinung stellte - und ihn als komplett verfassungswidrig betrachtete.

          Es ist erstaunlich, dass sich ein Autokonzern mit einer solch roten Dame schmückt. Andererseits ist sie klug und durchsetzungsfähig - und eine einstige Verfassungsrichterin schmückt natürlich jeden Vorstand.

          Hohmann-Dennhardt selbst wird für den Wechsel neben einem guten Gehalt und „neuen Herausforderungen“ sicher noch einen Grund haben: Mehr Frauen an die Spitze, dafür ist sie immer eingetreten. Unter Juristen mokiert man sich allerdings über den schnellen Wechsel aus einem der höchsten Ämter im Staat in die freie Wirtschaft. Doch diesen Vorwurf wird sie - in ihrer gewohnt kontrollierten Damenhaftigkeit - einfach weglächeln.

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