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Folgen der Digitalisierung : Was arbeite ich – und wenn ja, wie lange noch?

Fachleuten, die sich schon länger als Precht mit den Folgen der Digitalisierung befassen, klingen allerdings weit weniger alarmiert. Die Arbeitssoziologin Sabine Pfeiffer von der Universität Erlangen-Nürnberg hat in einer aktuellen Untersuchung gemahnt, dass die Beschäftigungseffekte der Digitalisierung überschätzt werden könnten. Viele Tätigkeiten, die als Routinejob eingestuft werden, seien viel komplexer als angenommen und nicht so einfach zu ersetzen. Ähnlich argumentiert Jens Südekum, ein führender deutscher Ökonom auf diesem Gebiet. Die vielzitierte Studie von Osborne und Frey sei von vielen missverstanden worden. „Sie sagt nichts darüber aus, wie viele Berufe und Arbeitsplätze tatsächlich wegfallen“, sagt er. Frey und Osborne hätten lediglich untersucht, in welchen Berufen es hohe Anteile von Tätigkeiten gibt, die theoretisch auch eine Maschine übernehmen könnte. Ob das dann auch tatsächlich passiert, stehe auf einem ganz anderen Blatt.

Südekum betont zwar ähnlich wie Precht, dass die Digitalisierung tatsächlich Probleme mit sich bringen wird – zum Beispiel eine stärkere Spreizung der Löhne und steigende Marktmacht bei wenigen großen Firmen. Hier müsse die Wirtschaftspolitik ansetzen. „Aber auf Massenarbeitslosigkeit deuten die bisherigen Erfahrungen überhaupt nicht hin“, sagt der Düsseldorfer Ökonom. Und selbst Christoph Butterwegge, ein linker Armutsforscher, der nicht im Verdacht steht, die Folgen des Kapitalismus zu beschönigen, warf Precht in einer „Deutschlandfunk“-Diskussion kürzlich vor, den Menschen unnötigerweise unheimliche Angst vor dem Arbeitsplatzverlust zu machen.

Ist Precht also ein Panikmacher? Vergleicht er die Digitalisierung deshalb auf den 283 Seiten seines neuen Buches wahlweise mit einem „Gespenst“, einem „Monster“ oder einem am Horizont heranrollenden „Tsunami“?

„Klima der Hilflosigkeit gegenüber der Digitalisierung“

Wer Precht damit konfrontiert, bekommt eine vehemente Antwort. Sein Anliegen sei es nicht, Panik zu schüren. Im Gegenteil, er wolle Optimismus verbreiten „angesichts eines Klimas der Hilflosigkeit gegenüber der Digitalisierung“, teilt er auf Anfrage mit. Es gehe ihm darum, die Dimensionen des Umbruchs richtig einzuschätzen und rechtzeitig Perspektiven und Lösungen zu finden – das bedingungslose Grundeinkommen zum Beispiel. Begriffe wie Gespenst oder Monster verwende er als literarische Anspielungen, aber keinesfalls als Dämonisierungen. Und der Dissens mit dem Armutsforscher Butterwegge drehe sich in erster Linie um Prechts Plädoyer für das Grundeinkommen, das Butterwegge für eine neoliberale Idee hält, die den Sozialstaat vernichten soll. „Hier macht niemand Kasse mit Alarmismus“, versichert Precht.

So klar er Kritik an seinen eigenen Thesen zurückweist, so deutlich übt er Kritik an anderen Wissenschaftsdisziplinen. Besonders im Blick hat er die Ökonomen. „Ich bemängle, dass sie sich insgesamt zu wenig um die gesellschaftspolitischen Dimensionen der Ökonomie kümmern“, sagt er. „Ganze Universitätsdisziplinen erscheinen nahezu lahmgelegt unter der zentnerschweren Last empirischer Forschung“, heißt es im Buch. Ökonomen und Gesellschaftswissenschaftler hätten dadurch ihren alten Kompass verloren.

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Forscher Südekum will das nicht auf sich sitzen lassen: Er fühle sich auf der Basis von Fakten deutlich wohler als in der Welt von Spekulation und Panik. „Und ich frage mich, wem so große Gesellschaftsentwürfe etwas bringen, wenn sie auf ganz verkürzter empirischer Grundlage basieren – seien sie auch noch so eloquent vorgetragen.“

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