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Wegzug der Traditionskonzerne : Verlassensangst in Frankfurt

Wieder kehrt ein großes Unternehmen Rhein-Main den Rücken: Sitz der Deutschen Börse im Vorort Eschborn Bild: Reuters

Die Deutsche Börse zieht es nach London. Für Frankfurt am Main ist das ein Déjà-vu-Erlebnis: Die Region kann ihre großen Traditionskonzerne nicht halten.

          Als das Unternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet mit einem englischen Konkurrenten fusionierte, verlegte es seinen Sitz dorthin, wo der Vorstandsvorsitzende es wollte. Klingt nach Deutscher Börse? Denn die will mit der Londoner Börse fusionieren, und der neue Konzerne soll in der englischen Hauptstadt sitzen – wo Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter seinen Lebensmittelpunkt lange hatte.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber hier ist von einem Fall aus der Vergangenheit die Rede, auch wenn die Umstände anders gelagert waren. Der Wiesbadener Mischkonzern Linde beschloss 2007 einen Doppelschlag: Er übernahm den britischen Industriegasehersteller BOC und stellte die Gabelstaplersparte zum Verkauf – um sich künftig aufs Gasegeschäft zu beschränken. Vorstandsvorsitzender Wolfgang Reitzle setzte durch, den Unternehmenssitz nach München zu verlagern. Offizielle Begründung war, dass mit der Aufspaltung des Konzerns die Holding-Funktion entfalle – und das Gasegeschäft seinen bedeutendsten Standort in Höllriegelskreuth in der Gemeinde Pullach habe. Allerdings gibt es umgekehrt ebenso Fälle, wo Unternehmen von ihrer Produktion wegziehen (Beispiele: Gea, Philips). Fest steht: Es war auch höchst praktisch für Reitzle persönlich, weil er praktisch in München wohnte.

          Region kann große Traditionskonzerne nicht halten

          Linde und jetzt womöglich Deutsche Börse: Es sind nur zwei Fälle, in denen Großkonzerne dem Rhein-Main-Gebiet den Rücken kehren. Denn Frankfurt und seine Umgebung haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten schon eine Reihe solcher Unternehmen verloren. Die Gründe waren unterschiedlich – aber es fällt doch auf, dass die Region ihre großen Traditionskonzerne nicht halten kann.

          Vor allem in der Pharma- und Chemiebranche. Frankfurt war bis vor gar nicht langer Zeit ihr deutsches Zentrum. Der große Aderlass begann 1999 mit der Zerschlagung von Hoechst. Vorstandschef Jürgen Dormann verkaufte die Chemiesparten Stück für Stück, sie leben heute in unzähligen Kleinunternehmen fort oder in großen Wettbewerbern. Der Rest fusionierte mit Rhône-Poulenc in einer „Fusion unter Gleichen“, obwohl Hoechst erheblich höhere Vermögenswerte eingebracht hatte. Der neue Konzern Aventis nahm den Sitz in Straßburg ein. Dormann wurde erster Vorstandsvorsitzender, blieb es aber nur kurz, dann verloren die Deutschen immer weiter Einfluss. Schließlich wurde Aventis an den französischen Wettbewerber Sanofi verkauft.

          Frankfurt-Höchst ist heute einer von vielen Standorten und muss seine Existenz stets aufs Neue rechtfertigen. Zwar sind auf dem Höchster Gelände – vor allem bei Sanofi und anderen Hoechst-Nachfolgern – nach Angaben des Betreibers weiterhin 22000 Menschen beschäftigt. Aber Städtegeographen und Personalberater wissen: Konzernzentralen sind wichtig für eine Region. „Dort wird über die Investitionen entschieden“, argumentierte stets Karl-Gerhard Seifert, früherer Hoechst-Vorstand und ein scharfer Kritiker Dormanns. Um Zentralen herum siedeln sich kleine Zulieferer und Dienstleister an. Einer der Hoechst-Reste überlebte als eigenständiges Unternehmen an der Börse, aber auch nur kurz: Celanese wurde von der Beteiligungsgesellschaft Blackstone übernommen und aus finanztechnischen Gründen nach Amerika verlagert.

          Frankfurt hat am Umzug der Regierung nach Berlin gelitten

          Als zweites ur-frankfurterisches Unternehmen verschwand bald auch Degussa: Es musste auf Geheiß der damaligen Muttergesellschaft Eon, die frisch aus einer Fusion entstanden war, nach Düsseldorf umziehen. Inzwischen ist Degussa in Evonik aufgegangen und sitzt in Essen. Dann wanderte auch noch die Metallgesellschaft ab (die zuletzt MG Technologies hieß). Nach Machtkämpfen im Unternehmen und Vorstandswechseln wurden ihre Chemiesparten verkauft, der verbleibende Anlagenbau zog nach Bochum und hieß fortan Gea. Altana aus Bad Homburg musste auf Druck der Großaktionärin Susanne Klatten das Pharmageschäft an Finanzinvestoren abgeben – der kleinere Chemierest saß in Wesel, wohin dann auch der Konzernsitz verlegt wurde.

          Metallgesellschaft, Altana, Linde – sie haben ein gemeinsames Muster: Ein Mischkonzern verkauft Unternehmensteile, konzentriert sich auf den verbleibenden Teil und gibt die Holding auf. Frankfurt war ein idealer Holding-Standort wegen seiner zentralen Lage, dem Großflughafen und dem Bahnhof mit den besten Zugbverbindungen. Somit hat das Rhein-Main-Gebiet fünf Dax-Konzerne verloren, die Chemie und/oder Pharma betrieben: vier frühere (Hoechst, Metallgesellschaft, Altana, Degussa) und einen aktuellen (Linde). Und das, wo Frankfurt bis kurz nach dem Krieg die unangefochtene Zentrale der deutschen Chemie war: als Sitz der IG Farben, jenes Großkonzerns, in dem eine Zeitlang Hoechst, BASF und Bayer zusammengeschlossen waren.

          Erstaunlicherweise sind die Arbeitsplatzzahlen in Frankfurt dennoch gestiegen, und die Stadt konnte umgekehrt auch einige Unternehmen neu begrüßen. Aber vergleichbare Namen wie die weggezogenen waren nicht dabei. Und der Aderlass beschränkte sich nicht auf die chemische Industrie. Frankfurt hat die Deutsche Bahn an Berlin verloren, auch den bedeutenden Verlag Suhrkamp, von der Hauptstadt heftig umworben. Auch Branchenverbände sind in den Osten gezogen, als Schwergewicht etwa die Autolobby VDA. Frankfurt hat also ohnehin schwer am Umzug der Regierung nach Berlin gelitten, was bei den Diskussionen um Bonn und Berlin oft vergessen wird.

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