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Abrechner in der Insolvenz : Apotheken können sich retten – zumindest vorerst

Apotheken sind in der Corona-Krise gefragt, haben aber mit der Insolvenz eines Rezeptabrechners zu kämpfen. Bild: dpa

Kredite, Stundungen, Hilfe von der Familie: Nach der Insolvenz des Rezeptabrechners AVP wenden die Apotheken das Schlimmste ab. Doch große Sorgen bleiben.

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          Die letzte Phase seines Berufslebens hatte sich der Apotheker aus dem Münsterland anders vorgestellt. Statt weniger zu arbeiten, steht er im Alter von 65 Jahren nun wieder 60 Stunden in der Woche hinter dem Tresen, arbeitet jeden Samstag und übernimmt auch die Nacht- und Notdienste selbst. „Mir bleibt nichts anderes übrig“, sagt er. Der Grund ist die Insolvenz des Rezeptabrechners AVP aus Düsseldorf, durch die ihm plötzlich der Umsatz eines ganzen Monats fehlte: rund 125.000 Euro. Der Apotheker hat jetzt hohe Schulden, die es abzustottern gilt.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Mit seinen Sorgen ist er nicht allein. Rund 2900 Vor-Ort-Apotheken sind von der Insolvenz des Abrechnungsdienstleisters betroffen. AVP sammelte als bisher größter privater Anbieter die Rezepte für verschreibungspflichtige Medikamente bei den Apotheken ein, reichte sie bei den Krankenkassen ein und überwies deren Zahlungen an die Apotheken.

          Anfang September floss jedoch auf einmal kein Geld mehr. AVP meldete Insolvenz an, und viele Apotheker standen von jetzt auf gleich vor großen finanziellen Engpässen, zum Teil fürchteten sie um ihre Existenz. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelt wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung, der Bilanzfälschung, des Betrugs, des Bankrotts und der Untreue.

          Bisher noch keine Apotheken in die Insolvenz gerutscht

          Wie geht es den betroffenen Apotheken heute, gut vier Monate später? Die gute Nachricht lautet: Zu Insolvenzen scheint es durch den Fall AVP bisher nicht oder zumindest nicht in größerem Umfang gekommen zu sein. Aussagekräftige Daten zu den wirtschaftlichen Folgen für die Apotheken gibt es zwar noch nicht. Doch einer Umfrage der F.A.Z. unter den Landesapothekerverbänden zufolge sind bisher keine Fälle von Apotheken bekannt, die aufgrund der Insolvenz des Abrechnungszentrums selbst in die Pleite gerutscht sind. Stattdessen konnten sich die meisten offenbar mit Krediten ihrer Hausbanken, Stundungen des Arzneimittel-Großhandels, eigenen Rücklagen und finanzieller Unterstützung durch die Familie über Wasser halten.

          Die Not der Apotheken ist damit allerdings erst einmal nur kurzfristig gelindert, denn das Geld müssen sie in der Regel zurückzahlen – mit entsprechenden Zinsen. Zu hören ist mal von 4 oder 5, mal von 6 bis 8 Prozent. Auch wenn es vielen Apotheken offenbar gelungen sei, die akute Zahlungsunfähigkeit zunächst abzuwenden, blieben doch langfristig hohe Verluste zu erwarten, heißt es vom Apothekerverband Westfalen-Lippe, der von 200 bis 250 betroffenen Apotheken in seinem Zuständigkeitsbereich ausgeht. Für die Apotheken sei nicht absehbar, wie lange das Insolvenzverfahren dauert, wann sie mit Auszahlungen rechnen können und wie hoch die Auszahlungsquote sein wird. Der durchschnittliche Verlust belaufe sich auf gut 220.000 Euro.

          Apotheker haften mit Privatvermögen

          Der Verband berichtet von einer Apothekerin, deren Familie Lebensversicherungen und einen Bausparvertrag aufgelöst habe, um ihr zu helfen – denn Apotheker haften als eingetragene Kaufleute mit ihrem Privatvermögen. Und von einem 63 Jahre alten Apotheker, der einen Kredit über acht Jahre aufnehmen musste, Personal abgebaut und seine Zahlungen für die eigene Altersvorsorge reduziert hat.

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