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Lebensmittel in 10 Minuten : Rewe verbündet sich mit Lieferdienst Flink

  • -Aktualisiert am

Ein Kurier von Flink fährt durch Berlins Straßen. Bild: dpa

Das Geschäft mit der schnellen Lieferung von Nahrungsmitteln wächst so stark, dass nun auch der einst skeptische Handelsriese Rewe einsteigt. Flink kann derweil weitere 240 Millionen Euro Risikokapital einsammeln.

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          Der Berliner Essenslieferdienst Flink bekommt im Kampf mit Wettbewerbern wie Gorillas frisches Kapital und die Unterstützung eines großen Lebensmittelhändlers. Die Rewe-Gruppe wird Vertriebspartner für das Start-Up, das wie viele derzeit schnell expandierende Jungunternehmen damit wirbt, die Bestellungen innerhalb von 10 Minuten zu seinen Kunden zu bringen.

          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          „Der Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland hat in der Corona-Krise eine Verdopplung des Liefer- und Abholservice-Geschäfts erlebt“, sagte Rewe-Chef Lionel Souque in einer Mitteilung des Unternehmens von Freitag. Der Kölner Lebensmittelhändler plane auch in den folgenden Jahren mit seinem eigenen Abhol- und Liefergeschäft hohe Investitionen. „Zugleich erkennen wir, dass sich das Liefergeschäft mit Lebensmitteln in Deutschland aktuell sehr stark ausdifferenziert“, sagte Souque. Durch eine Minderheitsbeteiligung und die Warenkooperation könne Rewe sowohl zum Erfolg von Flink beitragen als auch „von der Entwicklung des Marktsegments profitieren“.

          Für das Start-Up dürfte der Zugriff auf die Waren wichtiger sein als die finanzielle Unterstützung: In dem umkämpften Markt ist Risikokapital derzeit kaum eine Schwierigkeit. Flink hat am Freitag verkündet, 240 Millionen Euro von Investoren wie Prosus, Bond und Mubadala Capital zu bekommen. Damit ist das Jungunternehmen genauso ein Einhorn wie der bekanntere Wettbewerber Gorillas, also ein Start-Up mit einer Bewertung von mehr als 1 Milliarde Euro.

          Finanzierung ist kein Problem

          Der türkische Schnelllieferdienst Getir hat am Freitag den Abschluss einer Finanzierungsrunde über 550 Millionen Dollar mitgeteilt. Genau wie die Essensbestellplattform Delivery Hero will das Unternehmen auch nach Berlin expandieren. Die Kuriere fahren meist mit E-Bikes die Waren aus. Trotz der Ballung der Wettbewerber in dem Markt sehen alle große Wachstumschancen – bislang seien nur rund 3 Prozent des deutschen Lebensmittelmarkts vom E-Commerce abgedeckt.

          Die Oetker-Gruppe hat zuletzt das Münsteraner Start-Up Flaschenpost übernommen, um es mit dem eigenen Lieferdienst Durstexpress zu verschmelzen. Der größte deutsche Lebensmittelhändler Edeka hatte sich kürzlich von seinem Lieferdienst Bringmeister verabschiedet und ihn an Finanzinvestoren verkauft. Dafür setzt Edeka stärker auf das niederländische Unternehmen Picnic, das nach dem Milchmann-Prinzip Lebensmittel zu festen Zeitfenstern in Straßenauszügen ausfährt.

          Rewe sah das Geschäft bislang kritisch

          Aus dem Schnellliefer-Wettbewerb hält sich Edeka aber noch heraus. Auch Rewe war dem Geschäft bislang eigentlich eher kritisch gegenüber eingestellt: „Ich glaube weiterhin, dass Start-Ups, die nur Lebensmittel verkaufen, zwar guten Umsatz erzielen können, aber nie Geld verdienen werden. Die werden dann von einem Investor an den nächsten verkauft“ ,sagte Rewe-Chef Souque noch im vergangenen Jahr im Interview mit der F.A.Z. Gleichwohl gab er zu, dass der Extraservice für die Kunden auch für Rewe sinnvoll sei.

          Mit dem Abhol- und Lieferservice sind die Kölner noch die größten Anbieter von Online-Lebensmittellieferungen hierzulande, aber der Wettbewerb wird schärfer. Durch die Corona-Pandemie hat sich die Einstellung der Konsumenten – und der Lebensmittelhändler – verändert: Supermärkte und Discounter haben zwar auch im Lockdown durchgehend geöffnet, trotzdem haben es einige Konsumenten bevorzugt, ihre Lebensmittel direkt vor die Tür geliefert zu bekommen.

          „Befragte haben vor allem Lebensmittel als neue Produktkategorie für sich entdeckt“, heißt es in einer aktuellen Studie der Beratungsgesellschaft KPMG. Knapp jeder dritte Deutsche kauft demnach schon jetzt Lebensmittel und Getränke mindestens gelegentlich im Internet und lässt sie sich nach Hause liefern. Ein weiteres Drittel könne sich den Kauf bei Online-Supermärkten vorstellen. Die Ergebnisse beruhen auf einer repräsentativen Umfrage mit mehr als 3000 Befragten.

          Nach Zahlen des Verbands der Online-Versender BEVH ist das Online-Shopping von Lebensmitteln im ersten Quartal 2021 um 84,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal gewachsen. Damit erzielte das Segment einen Umsatz von 666 Millionen Euro. Keine Produktgruppe wächst online so schnell wie Lebensmittel. Kunden seien auch zu mehr Kompromissen bereit, sagt Rainer Münch, Handelsexperte und Partner bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman in München – sei es in der Angebotsqualität, ungeschickt gelegenen Lieferfenstern oder gar höheren Preisen. „Das führt bei vielen Anbietern zum Umdenken“, sagt der Handelsexperte. „Lieber kannibalisiere ich mich selbst, als dass es die Wettbewerber tun.“

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