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Industrie : Das Investitionsmysterium

Gibt es nicht umsonst: Industrieroboter aus dem Hause Kuka Bild: dpa

In der Industrie startet eine Revolution: die Vernetzung von Anlagen und Maschinen. Doch gleichzeitig sollen die Investitionen stocken. Wie passt das zusammen?

          Es klingt, als sei von zwei unterschiedlichen Planeten die Rede. Auf dem einen startet die nächste industrielle Revolution. In der digital vernetzten Welt der Industrie 4.0 kommunizieren Maschinen miteinander und mit dem Werkstück, sie kümmern sich eigenständig um Materialnachschub, lernen aus Fehlern und fertigen individuell nach den Wünschen der Kunden. All diese neuen Maschinen, Computerprogramme und Roboter müssen jetzt gekauft werden. Das Internetunternehmen Microsoft fordert die deutsche Wirtschaft in einem „Memorandum für ein Digitales Wirtschaftswunder“ zu erheblichen Investitionen auf. Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group hat einen zusätzlichen Investitionsbedarf von 250 Milliarden Euro bis 2025 errechnet. Experten errechnen 425 Milliarden Euro Mehrumsatz allein für Deutschland bis zum Jahr 2025. Für die EU liegt der mögliche Mehrumsatz bei 1,25 Billionen Euro für diesen Zeitraum.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Auf dem anderen Planeten herrscht Flaute. Die Ausrüstungsinvestitionen, so nennen Statistiker neue Maschinen und Fahrzeuge in den Betrieben, ziehen seit Jahren kaum an. Und auch die Aussichten sind eher trübe: „Eine kräftige Beschleunigung der Investitionen ist gleichwohl nicht zu erwarten. Die Investitionen dürften weiter überwiegend an Ersatz und Rationalisierung orientiert sein“, heißt es im Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Forschungsinstitute. Manche warnen gar vor einer „Investitionslücke“, was allerdings angesichts von Wachstumsraten um vier Prozent im Jahr überzogen erscheint. Auch der Präsident des Maschinenbauverbandes VDMA, Reinhold Festge, vermisst die „Investitionslaune“. Selbst in wichtigen Zukunftstechniken wie in der Energiewende herrscht Flaute. Siemens ist nicht der einzige Anbieter, der hier mit viel Zuversicht geschaffene Arbeitsplätze wieder abbaut – mangels Aufträgen.

          Das Paradoxe: In Wahrheit handelt es sich nicht um zwei, sondern um einen Planeten, um eine einzige Volkswirtschaft: die der Bundesrepublik Deutschland. Industrielle Revolution, Aufbruchstimmung und ideale Investitionsbedingungen einerseits sowie Investitionsflaute und ernüchternde Prognosen für Anschaffungen andererseits charakterisieren die deutsche Industrie im Jahr 2015 gleichermaßen. Dass sich beide „Megatrends“ widersprechen, ist offenbar selbst vielen Fachleuten bisher nicht aufgefallen. Volkswirte reagieren auf Fragen nach den Ursachen für diesen Widerspruch mit einem Schulterzucken, man arbeite daran. Andere Forscher gestehen ein, erst darüber nachdenken zu müssen.

          Volkswirte reagieren mit Schulterzucken

          Für das Investitionsrätsel gibt es somit bislang nur Ansätze von Lösungen. Der Chefvolkswirt der Förderbank KfW, die als Kreditgeber in Deutschland vor allem im Mittelstand aktiv ist, erklärt die paradoxe Situation unter anderem damit, dass die zunehmende Vernetzung nicht allein neue Anlagen und Maschinen im verarbeitenden Gewerbe erfordert. „Das Thema ist sehr viel breiter zu verstehen“, sagt Jörg Zeuner, „es geht zum Beispiel auch darum, Mitarbeiter für neue Aufgaben zu qualifizieren, technische Standards zu etablieren und die staatliche Infrastruktur aufzubauen.“ Solche Ausgaben zeigen sich nicht in den Investitionszahlen der Unternehmen. Und „wie sich der Investitionsbedarf durch die Digitalisierung tatsächlich verändern wird, ist derzeit noch schwer absehbar“, sagt Zeuner.

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