https://www.faz.net/-gqe-7iasm

„Reverse innovation“ : Gemacht für Indien, verkauft in Europa

  • -Aktualisiert am

Medizingeräte, die in Indien verwendet werden, wären auch im Westen tauglich Bild: Eilmes, Wolfgang

Die Anforderungen an Medizinprodukte sind auf vielen Märkten unterschiedlich. Produkte, die speziell für Schwellenländer produziert werden, finden auch im Westen überraschend viele Abnehmer.

          Ein EKG-Gerät muss in Indien die Herztöne der Patienten ebenso gut erfassen können wie in Europa. Und eine Kniegelenksprothese soll alle Nutzer wieder auf die Beine bringen, ob es sich nun um Chinesen oder Amerikaner handelt. Dennoch sind die Anforderungen an Medizinprodukte auf vielen Märkten unterschiedlich. Ein EKG-Gerät für Indien muss nicht nur weniger kosten, es sollte für den Einsatz auf dem Subkontinent zum Beispiel auch robuster gebaut und einfacher zu bedienen sein.

          Auch eine Knieprothese muss für den chinesischen Markt eigenen Anforderungen genügen. Global operierende Konzerne wie General Electric (GE) oder auch der deutsche Mittelständler Otto Bock haben das längst verinnerlicht und versuchen deshalb, in den Schwellenländern mit Produkten zum Erfolg zu kommen, die auf die dortigen Belange maßgeschneidert sind. Überraschend dabei ist allerdings: Manche dieser Produkte lassen sich anschließend auch in den entwickelten Ländern gut absetzen.

          Die Rückkehr von Innovationen in den Westen

          So verkauft GE inzwischen eine große Zahl der für Indien konzipierten EKG-Geräte erfolgreich in Frankreich. „Und wir haben festgestellt, dass es für die in China konzipierten Knieprothesen auch Märkte in Brasilien und Frankreich gibt“, ergänzt Hans Georg Näder, der Eigentümer des Prothesenherstellers Otto Bock. „Reverse innovation“, also die Rückkehr von Innovationen aus den Schwellenländern in die westliche Welt, heißt dieses Phänomen. Noch handelt es sich um einzelne Beispiele und ist nur in wenigen Konzernen schon ein Teil der Unternehmensstrategie.

          Denn viele Betriebe haben gerade erst begriffen, dass sie in Fernost nicht einfach eine abgespeckte Version ihrer Produkte verkaufen können. Sie bauen dort nun erst ihre Forschung und Fabriken auf, um die lokalen Märkte künftig mit lokalen Produkten versorgen zu können. „Diese Entwicklung gewinnt in der Breite an Fahrt, steckt aber auch noch in ihren Anfängen“, sagt Oliver Knapp, Partner der Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants. Laut einer Umfrage seines Hauses könnte der Umsatzanteil mit solchen in Schwellenländern für den lokalen Markt produzierten Gütern von heute 12 Prozent binnen fünf Jahren auf 18 Prozent wachsen.

          Eine Maßnahme, „um die chinesische Konkurrenz auf Abstand zu halten“

          Der Folgeschritt indes, diese Produkte dann auch im Westen auf den Markt zu bringen, wird wohl noch längere Zeit benötigen, bis daraus ein breiter Trend wird. Aber: „Reverse Innovation ist ein junges, aber sehr ernst zunehmendes Phänomen“, sagt Oliver Gassmann, Wirtschaftsprofessor der Universität St. Gallen „Seine Bedeutung für Europa und Amerika wird in den nächsten Jahren stark wachsen“, prognostiziert er. Tatsächlich werden solche strategischen Ideen in namhaften Konzernen wie Zeiss, Bosch, Siemens oder General Electric immer häufiger angestellt.

          Nicht nur, weil man sich davon zusätzliche Einnahmen verspricht. Je mehr lokale Forschungszentren rund um die Welt aufgebaut werden, umso mehr Innovationen entstehen dort, die sich auch in anderen Teilen der Welt einsetzen lassen, heißt es im Hause Bosch – gemeint sind auch die etablierten Märkte. Das Potential der eigenen Forschung soll also weltumgreifend besser genutzt werden.

          Weitere Themen

          60 Satelliten auf einmal ins All Video-Seite öffnen

          Internet 2.0 von SpaceX : 60 Satelliten auf einmal ins All

          Die erdnahen Trabanten stellen die erste Stufe eines geplanten Netzwerks des Internetdiensts Starlink dar, das Hochgeschwindigkeits-Internet für zahlende Kunden auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen soll. Starlink ist ein Projekt des Unternehmers Elon Musk.

          Topmeldungen

          Lega-Chef Matteo Salvini

          Europawahl : Salvini verbucht Rekordergebnis in Italien

          Die ausländerfeindliche Partei Lega hat in Italien erstmals bei einer landesweiten Wahl die meisten Stimmen geholt. In einer Siegesrede verspricht Parteichef Matteo Salvini seinen Anhängern, „dass sich die Regeln Europas ändern werden“.
          Angst vor Populisten und der Wunsch nach einer anderen Klimapolitik haben die Menschen in Europa an die Wahlurnen getrieben.

          Die EU hat gewählt : Europas Ängste

          Zu wenig Klimaschutz, zu viel Nationalismus: Wegen dieser Sorgen haben sich viel mehr Bürger an der Europawahl beteiligt. Nicht in allen Ländern wurden die Rechtspopulisten jedoch ausgebremst.
          Großer Jubel bei Sebastian Wippel, dem AfD-Landtagsabgeordneten und Oberbürgermeisterkandidaten in der sächsischen Stadt Görlitz

          Europawahl : AfD siegt in Brandenburg und Sachsen

          Die AfD erreicht bei der Europawahl in Ostdeutschland große Zugewinne. In zwei Ländern ist sie nun stärkste Kraft – ein Fingerzeig für die Landtagswahlen im Herbst?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.