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Nach Kalanicks Rücktritt : Ist Uber jetzt gerettet?

Travis Kalanick hat Uber groß gemacht und in die Krise gestürzt. Bild: EPA

Travis Kalanick hat den umstrittenen Fahrtenvermittler Uber erst groß gemacht und dann in eine tiefe Krise gestürzt. Was bedeutet sein Rücktritt für das Unternehmen? Eine Analyse.

          Am Ende war der Druck wohl einfach zu groß: Travis Kalanick, Gründer des Fahrtenvermittlers Uber, hat der Forderung von wichtigen Investoren nachgegeben und ist von seinem Posten als Vorstandsvorsitzender zurückgetreten. Erstaunlich daran ist vor allem, wie lange dieser Schritt auf sich warten ließ. Andere hätten schon für jeden einzelnen der Skandale, mit denen Uber in den vergangenen Monaten Schlagzeilen gemacht hat, gehen müssen – geschweige denn alle zusammen.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Insbesondere die Vorwürfe einer ehemaligen Programmiererin, sexuelle Belästigung und Mobbing seien in dem Unternehmen gang und gäbe, sorgten zuletzt für Aufregung. Eine Untersuchungskommission unter der Leitung des früheren amerikanischen Justizministers Eric Holder ging dem nach und förderte offenbar so erschreckende Erkenntnisse zutage, dass 20 Mitarbeiter umgehend entlassen wurden und sich einiges im Unternehmen grundsätzlich ändern soll:

          Führungskräfte sollen künftig stärker kontrolliert, die Unternehmenswerte neu festgelegt und Beschwerden von Mitarbeitern genauer überprüft werden, kündigte Uber in der vergangenen Woche an. Es war der Tag, an dem auch Kalanick bekanntgab, eine unbefristete Auszeit zunehmen, die er auch damit begründete, dass er Zeit brauche, um um seine Mutter zu trauern, die kürzlich bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen war. Aus seiner Email an seine Mitarbeiter konnte man allerdings seine Entschlossenheit herauslesen, wieder zurückzukehren.

          Ohne ihn wäre Uber nicht das, was es heute ist

          Nun kam es anders, denn offenbar haben einige einflussreiche Geldgeber die Geduld verloren: In einem Brief unter der Überschrift „Moving Uber Forward“ – zu deutsch: Uber nach vorne bringen – forderten die Investmentfirmen Benchmark, Lowercase, First Round, Menlo Ventures und Fidelity Kalanicks sofortigen Rückzug, berichtete die „New York Times“. Zusammen sollen sie ein Viertel der Anteile an Uber halten, das mit fast 70 Milliarden Dollar bewertet wird. Man kann sich vorstellen, wie schwer Kalanick der Rückzug gefallen ist, auch wenn er Mitglied im Verwaltungsrat bleibt. Schließlich hat er Uber mit seinem unbedingten Siegeswillen groß gemacht und gegen alle Widerstände für das Unternehmen gekämpft. Ohne ihn wäre Uber nicht das, was es heute ist.

          Das gilt im Positiven wie im Negativen. Auf der einen Seite hat Kalanick es geschafft, Milliarden Dollar Kapital einzusammeln und Uber zum wohl am schnellsten wachsenden Unternehmen überhaupt zu machen. In den vergangenen Monaten aber hat Kalanick sein wichtigstes Prinzip, sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen, allzu oft überreizt. Unter seiner Verantwortung kam es zu einem Exodus an Topmanagern, die teilweise sehr deutlich machten, dass sie das Unternehmen auch wegen Kalanicks Führungsstil verließen.

          Uber sieht sich auch einer brisanten Klage von Waymo, einer auf selbstfahrende Autos spezialisierten Tochtergesellschaft der Alphabet-Holding um den Internetkonzern Google, wegen des mutmaßlichen Diebstahls von Geschäftsgeheimnissen ausgesetzt. Zudem machte das Unternehmen mit einer Software namens Greyball auf sich aufmerksam, die die Nutzer der App ausspionierte und so half, potentielle Kontrollen von Behörden zu umgehen. So sehr im Silicon Valley auch gepredigt wird, es sei besser, sich hinterher zu entschuldigen als vorher um Erlaubnis zu fragen: Kalanick hat es ganz offensichtlich übertrieben.

          Ubers Zukunft ist keineswegs gesichert

          Wird nun also alles gut? Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Auch wenn nach seinem Abgang mehr Ruhe einkehren könnte, zeigte sich erst in der vergangenen Woche, wie tief die Probleme verwurzelt sind. Als Arianna Huffington, Mitglied im Verwaltungsrat des Unternehmens, in einer Mitarbeiterversammlung darüber sprach, dass es mehr Frauen in dem Gremium brauche, fiel ihr ihr Kollege David Bonderman ins Wort: Dadurch werde es nur wahrscheinlicher, "dass mehr geredet wird", sagte er – und trat kurz danach zurück. Eine Unternehmenskultur, das zeigt der Vorfall deutlich, ändert sich eben nicht von heute auf morgen.

          Und noch etwas kommt hinzu: Uber ist wirtschaftlich nach wie vor weit davon entfernt, auf einem soliden Fundament zu stehen. Das in mehr als 70 Ländern aktive Unternehmen mit mehr als 14.000 Mitarbeitern machte im vergangenen Jahr Medienberichten zufolge zwar einen Umsatz von 6,5 Milliarden Dollar, dabei aber auch einen Verlust von gut 2,8 Milliarden Dollar. Auch wenn Uber immer als der Überflieger des Silicon Valley angesehen und ein Börsengang von vielen schon lange sehnsüchtig erwartet wird, ist seine Zukunft also noch keineswegs gesichert.

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