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René Obermann im Gespräch : „Die Telekom muss so schnell wachsen wie die Volkswirtschaft“

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Bis zu 29 Milliarden Euro Umsatz, ein Plus von 13 Milliarden Euro, so hieß es im Frühjahr des vergangenen Jahres, würden aus den neuen Wachstumsfeldern bis 2015 erwartet. Weil der Beitrag des Amerika-Geschäfts zum mobilen Internet entfällt, müssen diese Zahlen nun proportional nach unten korrigiert werden. Von den erwarteten Umsatzbeiträgen habe die Telekom 2010 aber schon mehr als 1,5 Milliarden Euro erreicht. „Unser Plan ist jedenfalls im ersten Jahr aufgegangen. Wir sind auf dem richtigen Weg, aber es ist schwierig, zumindest kurzfristig, den Umsatzverfall aus dem früheren Monopolgeschäft mit den traditionellen Netzdiensten überzukompensieren.“

Einiges von dem, was die Telekom vorhat, stecke noch in den Kinderschuhen, räumt Obermann ein - etwa der Markt für intelligente Stromnetze (Smart Grids), die Verbrauch und Stromproduktion besser aufeinander abstimmen sollen. Erste Kooperationsverträge für die Installation von hunderttausend intelligenten Stromzählern (Smart Meter) seien abgeschlossen. „Doch wir wollen nicht nur zählen, messen und übertragen, sondern auch bei der Entwicklung und dem Betrieb von IT-Plattformen für die Energiewirtschaft dabei sein.“ Vielversprechend entwickele sich auch das Geschäft mit Internetanwendungen für das Auto. Obermann will die Autohersteller überzeugen, die von der Telekom angebotenen Lösungen schon bald in die Erstausrüstung ihrer Fahrzeuge aufzunehmen.

Serviceverbesserungen für Entertain

Im Festnetz macht der Telekom weiterhin die Regulierung zu schaffen. Beim Ausbau der Glasfasernetze für Hochgeschwindigkeitsinternet tritt der Konzern deshalb kräftig auf die Bremse. Bis Jahresende sollen lediglich 160.000 Haushalte angeschlossen werden, während die Telekom noch im vergangenen Jahr angekündigt hatte, bis zu 10 Prozent der 40 Millionen deutschen Haushalte zu erschließen. Obermann macht dafür die Rahmenbedingungen verantwortlich. „Mit den noch immer bestehenden Unsicherheiten sind die alten Höchstziele schwieriger abzubilden“, sagte er. Trotzdem kämen im nächsten Jahr einige weitere hunderttausend Haushalte dazu. „Wir wollen in die Glasfaser investieren, um langfristig gegen die Kabelnetzbetreiber das beste Gesamtangebot zu haben.“ Ein flächendeckender Glasfaserausbau allerdings müsse nicht von heute auf morgen erfolgen. „Dazu fehlt es an Marktnachfrage, Anwendungen und auch noch an der Preisbereitschaft für solch hohe Leistungen.“

Für Entertain, das Internetfernsehen der Telekom, kündigte Obermann Serviceverbesserungen an. Es würde sich besser verkaufen, wenn Produktbereitstellung und Installation immer reibungslos funktionierten. Von der neuen Fernsehkonkurrenz durch Vodafone sei bei der Telekom noch nichts zu bemerken. Längerfristig rechnet Obermann aber damit, dass Vodafone den Wettbewerb verschärfen wird. Heftig wies der Telekom-Chef die Einschätzung zurück, das Innovationstempo des Konzerns lasse zu wünschen übrig. „Auch wenn Sie vielleicht einen anderen Eindruck haben: Wir sind es, die den Markt gestalten“, sagte Obermann.

Apple und Google sind nicht der Maßstab

Beispielhaft verwies er auf den neuen Online-Kiosk, über den die Telekom Zeitungen, Zeitschriften und Bücher digital vertreiben will. „Der ist zwar noch in der Beta-Phase und noch nicht in allen Punkten perfekt, aber das ist der richtige Weg“, sagte Obermann. „Die digitale Medien-Distribution darf nicht von einigen Geräteherstellern monopolisiert werden“, forderte er mit Blick auf die Stellung von Apple und Google. Die beiden Unternehmen seien aber nicht der Maßstab für die Telekom. „Sie machen andere Geschäfte als wir und verschaffen uns neues Geschäft“, sagte Obermann. Ihre Betriebssysteme und Geräte trieben die Netznachfrage. „Damit leben wir ganz gut im Moment.“

Die Hoffnung, dass Google eines Tages für den Datentransport an die Telekom zahlen wird, hat Obermann noch nicht aufgegeben. „Wir führen viele Verhandlungen in der Branche, es wird aber keine exklusiven Vereinbarungen mit einzelnen Unternehmen geben“, sagte er. „Sicher ist: Wir brauchen langfristig ein qualitätsdifferenziertes Netzmanagement und ein Preismodell, das sich nach der Servicequalität richtet, auch für die Endkunden. Anders lassen sich die explodierenden Verkehrsmengen, insbesondere aus Videoanwendungen, nicht bewältigen.“

Zur Person

René Obermann ist erst 48 Jahre alt, aber im Vorstand der Telekom der Dienstälteste. Von den Kollegen, die er dort im Herbst 2006 antraf, als er den Vorsitz von Kai-Uwe Ricke übernahm, ist niemand mehr da. Auch auf der zweiten Führungsebene hat es viele Wechsel gegeben: Mit Obermanns Tempo und Ungeduld, den behördenähnlichen Strukturen der Telekom so etwas wie Unternehmergeist einzuhauchen, konnte sich mancher Manager nicht anfreunden. Als sein Meisterstück gelten die Überwindung der Rivalitäten innerhalb des Konzerns und die Sanierung des Deutschlandgeschäfts.

Dass sich hinter dem meistens charmanten Auftritt eine gehörige Portion Härte verbirgt, zeigte sich im Konflikt mit der Gewerkschaft Verdi: Nach wochenlangem Arbeitskampf trotzte Obermann ihr niedrigere Löhne und längere Arbeitszeiten für 50.000 Servicemitarbeiter ab. Die Anfeindungen, auch die Kritik an der unbefriedigenden Entwicklung des Aktienkurses, haben Spuren hinterlassen. Obermann wirkt dünnhäutiger als vor einigen Jahren und fährt eher die Ellenbogen aus. Zusätzlich kratzten Skandale - vom Doping im gesponserten Radsportteam bis zur Bespitzelung von Journalisten und dem millionenfachen Diebstahl von Kundendaten - am Strahlemann-Image. Die Rückendeckung durch die Großaktionäre, den Bund und die Beteiligungsgesellschaft Blackstone, hat darunter nicht gelitten: Obermanns Vertrag wurde bis Ende Oktober 2016 verlängert.

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