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Remondis und RWE-Umwelt : Megafusion in der Entsorgungsbranche

  • Aktualisiert am

Neuer Branchenriese: Remondis schluckt RWE-Umwelt Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die deutsche Entsorgungswirtschaft steht vor einer Megafusion: Remondis darf RWE-Umwelt schlucken. Das Bundeskartellamt hat jedoch Auflagen mit Folgen für die gesamte Branche verhängt.

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          Die deutsche Entsorgungswirtschaft steht vor einer Megafusion, welche die gesamte Branche durcheinanderwirbeln wird. Das Bundeskartellamt wird Anfang dieser Woche den Zusammenschluß von Remondis (früher Rethmann) und RWE-Umwelt genehmigen, dabei jedoch unerwartet scharfe Auflagen verhängen.

          Wie aus dem der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegenden Beschlußentwurf hervorgeht, muß sich der neue Branchenriese von einem beträchtlichen Teil der bisherigen Beteiligungen, unter anderem am Kölner Entsorgungskonzern Interseroh AG und mehreren Unternehmen für die Glasaufbereitung, trennen und bestehende Verträge mit dem Dualen System Deutschland (DSD) kündigen. "Die Karten in der Entsorgung werden teilweise neu gemischt", sagte ein Branchenkenner.

          Nummer zwei schluckt Nummer eins

          Trotz der Auflagen erwächst aus der Fusion ein Entsorgungsgigant, der viele mittelständische Unternehmen einen Verdrängungswettbewerb fürchten läßt. Remondis mit Hauptsitz in Lünen war bisher hinter RWE-Umwelt, einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft der RWE AG aus Essen, die Nummer zwei auf dem deutschen Markt. Einschließlich der internationalen Beteiligungen kam Remondis mit 22.000 Mitarbeitern 2003 auf einen Umsatz von mehr als 1,5 Milliarden Euro.

          Der Zusammenschluß beschränkt sich auf 70 Prozent des Gesamtgeschäftes von RWE-Umwelt, das 2003 bei 1,94 Milliarden Euro Umsatz lag. Die verbleibenden 30 Prozent müssen vor der Fusion ausgegliedert und an einen unabhängigen Dritten abgegeben werden.

          Marktanteile werden begrenzt

          Auf der vom Kartellamt zusätzlich angeordneten Verkaufsliste stehen die RWE-Aufbereitungsanlagen für Kühlgeräte in Langhagen, Baumholder und Wangerland. Das Amt begründet die Auflage damit, daß Rethmann bereits mit deutlichem Abstand Marktführer sei und als einziger Wettbewerber bundesweit über Aufbereitungskapazitäten verfüge. Dieser Markt wird wegen der gesetzlichen Verpflichtung zur fachgerechten Entsorgung von Elektroaltgeräten rasch an Bedeutung gewinnen. Die Auflagen begrenzen den künftigen Remondis-Marktanteil auf höchstens 28 Prozent.

          Auf dem Markt für die Aufbereitung von Altglas muß Remondis die 26-Prozent-Beteiligung an der Ruhrglas Recyling GmbH und die Anteile an der Rhenus-Sero-Recycling GmbH abgeben. Auch die Beteiligungen von RWE-Umwelt an den Glasaufbereitungsanlagen in Worms, Dormagen-Nievenheim und Neuburg müssen vor der Fusion verkauft werden. Hierdurch sollen auch bestehende Verflechtungen zwischen Remondis und den Wettbewerbern Cleanaway und Reiling aufgelöst werden. Zudem muß Remondis zahlreiche DSD-Verträge über die Entsorgung von Glasverpackungen mitsamt den dafür benötigten Behältern, Fahrzeugen, Anlagen und dem Personal abgeben.

          Der Verkauf der kompletten Infrastruktur soll sicherstellen, daß möglichst rasch ein neuer Wettbewerber tätig wird. Insgesamt betrifft dies zwölf Städte und Kreise, darunter Wiesbaden, Dortmund, Ludwigshafen, Rheingau-Taunus und Bergisch Gladbach. Der Marktanteil im Großraum Nordrhein-Westfalen wird durch die Auflösung der Verträge und die Verkaufsanordnung nach Angaben des Kartellamtes auf rund 27 Prozent reduziert. In Rheinland-Pfalz steige der Marktanteil zwar an, bleibe aber unter der Schwelle von dreißig Prozent.

          Auflösung personeller Verflechtungen verlangt

          Für Remondis besonders einschneidend ist, daß es sich auf Drängen des Kartellamtes von seinen Anteilen an dem Kölner Entsorgungskonzern Interseroh AG trennen muß. Das Familienunternehmen aus Lünen hält knapp 15 Prozent an dem Konzern, der im vorigen Jahr mit Rohstoffhandel, der Entsorgung von Gewerbeabfall sowie Recycling rund 900 Millionen Euro umgesetzt haben dürfte. Zusammen mit Remondis/RWE-Umwelt käme Interseroh bei der Entsorgung von Gewerbeabfall auf einen Marktanteil von bis zu fünfzig Prozent, während von den übrigen Wettbewerbern kein einziges Unternehmen zehn Prozent erreicht.

          Das Kartellamt verlangt ebenfalls die Auflösung "sämtlicher bestehenden personellen Verflechtungen" zwischen der "Interseroh AG und mit dieser verbundenen Unternehmen". Remondis-Gründer Norbert Rethmann und Vorsitzender des Aufsichtsrates von Interseroh muß aus dem Gremium ausscheiden. Der Rückzug von Remondis eröffnet dem wichtigsten Anteilseigner, der Berliner Alba AG, die Chance, ihre Position bei Interseroh über den Aufsichtsrat oder eine höhere Beteiligung auszubauen. Alba hält gegenwärtig 25 Prozent; insgesamt liegen nach Angaben des Kartellamtes 65 bis 70 Prozent der Interseroh-Anteile bei Entsorgungsunternehmen.

          Noch vier Unternehmen mit bundesweiter Bedeutung

          Interseroh soll Remondis künftig auf den wettbewerbspolitisch kritischen Feldern Elektroschrott, Glaserfassung für das DSD und Glasaufbereitung stärker Paroli bieten. Käufer dürften mit Remondis weder personell noch durch Kapitalbeteiligung verbunden sein, und sie müßten nachweisen, daß sie mit Interseroh auf jenen Gebieten den Wettbewerb "erhalten" wollten, heißt es in der Beschlußvorlage. Die mit der Fusion verbundene stärkere Konzentration auf dem Markt für die Sammlung und den Transport für Restmüll nehmen die Wettbewerbshüter ohne weitere Auflagen hin. Der Zusammenschluß werde auf keinem der betroffenen räumlichen Märkte zur Bildung oder Verstärkung einer marktbeherrschenden Stellung führen.

          Nach der Fusion wird es in Deutschland nur noch vier Entsorgungsunternehmen mit bundesweiter Bedeutung geben. Neben Remondis sind dies Sulo/Altvater, Sita und Cleanaway. Von diesen ist jedoch nur Remondis in allen Ländern und fast allen Sparten aktiv.

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