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Rekordtransaktion : HRE startet „Bad Bank“

Sitz der „FMS Wertmanagement” in Unterschleißheim bei München Bild: dpa

An diesem Wochenende startet die größte Transaktion in der Geschichte des deutschen Bankwesens. In der Nacht zum Freitag ging die „Bad Bank“ der HRE an den Start. Zwei Jahre nachdem die HRE mit Milliardenhilfen vor dem Untergang bewahrt wurde, hat die heiße Phase der Aufspaltung begonnen.

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          Nun beginnt die riskante Phase der Übertragung von Wertpapieren, Krediten und ganzen Geschäftsbereichen des krisengeschüttelten Immobilien- und Staatsfinanzier Hypo Real Estate (HRE) auf die neue Abwicklungsanstalt, die FMS Wertmanagement. In der Nacht zu Freitag wurde der formal-juristische Eigentümerwechsel vollzogen. Doch nun folgen etliche tausend Transaktionen, die oft so kompliziert wie Verkäufe sind.

          Henning Peitsmeier
          (hpe.), Wirtschaft
          Manfred Schäfers
          (mas.), Wirtschaft

          Weil die Sache so heikel ist, hat der Bankenrettungsfonds Soffin zusätzliche Garantien von 40 Milliarden Euro bereitgestellt: die eine Hälfte für den grundsätzlichen Liquiditätsbedarf, die andere Hälfte als Risikopuffer, falls bei der geplanten Übertragung der "schlechten Teile" etwas schiefgehen sollte. Davon gehen Fachleute nicht aus, wenngleich beim Soffin darauf hingewiesen wird, dass "dies ein hochkomplexer und mit Blick auf das zu transferierende Volumen wohl einmaliger Vorgang" sei. Im Finanzministerium hält man den Vorgang ebenfalls für rekordverdächtig. Die Schaffung dieser "Bad Bank" sei die "größte und komplexeste Umstrukturierungstransaktion, die die deutsche Finanzgeschichte je gesehen hat", sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Steffen Kampeter (CDU).

          Vieles läuft automatisiert ab

          Im Bundestag beobachtet man das Geschehen aufmerksam. "Ich bin sehr gespannt, auch wenn ich keine Hinweise habe, dass es zu Komplikationen kommen könnte", sagt Florian Toncar. Der FDP-Politiker sitzt dem Gremium vor, das im Bundestag die Arbeit des Bankenrettungsfonds begleitet. 23,5 Milliarden Euro sind von dem jüngsten Garantierahmen per Ende September in Anspruch genommen worden. Die übrigen 16,5 Milliarden Euro sind damit verfallen, da das Angebot nur bis zum vergangenen Donnerstag galt.

          Fast auf den Tag genau zwei Jahre nachdem die HRE mit Milliardenhilfen des Bundes und privater Banken vor dem Untergang bewahrt wurde, hat die heiße Phase der Aufspaltung begonnen. 350 HRE-Mitarbeiter, in der Zentrale im Münchner Vorort Unterschleißheim und vor allem in Dublin, dem Sitz der Skandalbank Depfa, sind aktuell damit beschäftigt, mehr als 10.000 Bilanzpositionen zu buchen. Einiges läuft automatisiert ab. Vieles muss jedoch angestoßen werden. Betroffen seien etwa 2000 Vertragspartner in 69 Staaten, hieß es im Bundesfinanzministerium. Weil man nicht weiß, ob jede Überweisung ihr Ziel erreicht, ob es zu Datenverlusten kommt oder ob jeder Notar, der benötigt wird, greifbar sein wird, ist die Garantie notwendig. Sie ist allerdings auf drei Monate befristet. Vor dem Jahreswechsel wird sie auslaufen.

          Das Portfolio hat einen Buchwert von rund 191 Milliarden Euro

          Wie der Bankenrettungsfonds mitteilte geht es um ein zu übertragendes Portfolio im Buchwert von rund 191 Milliarden Euro. Da dem ein Stichtag vor der Übertragung zugrundelegt wurde, kann erst nach dem Procedere gesagt werden, wie groß die Positionen sind, die in den Büchern der Bad Bank einmal stehen werden.

          Gewiss ist nur, dass es etwas Vergleichbares in der Geschichte des deutschen Bankwesens noch nicht gegeben hat. Und ganz sicher wird das Volumen nicht dem zum Stichtag errechneten Buchwert von 191,1 Milliarden Euro betragen, weil in der Zwischenzeit andere Kurswerte und Währungsrelationen eingetreten sind und mögliche Rückzahlungen den Wert verändert haben.

          Die „Befüllung“ wird Tage oder Wochen dauern

          Die "Befüllung" der FMS Wertmanagement, wie es der Soffin bezeichnet hatte, wird voraussichtlich Tage, wenn nicht Wochen dauern, da ein Großteil der Finanzanlagen aus dem Ausland überwiesen wird. Durchschnittlich sollen die HRE-Wertpapiere noch eine Restlaufzeit von 16 Jahren haben, das längste läuft sogar noch 38 Jahre. Nicht alles, was in die FMS Wertmanagement übertragen wird, ist wertlos. Die toxischen Wertpapiere sind es aus heutiger Sicht bestimmt. Aber Fachleute weisen darauf hin, dass einige nicht-strategische Unternehmensteile sehr wohl werthaltig sind. Dazu gehören Kredite, die nicht durch den Pfandbrief refinanziert werden oder Finanzierungen von Infrastrukturprojekten. Genau solche Geschäfte macht die neue PBB Deutsche Pfandbriefbank, als Nachfolgeinstitut der HRE, künftig nicht mehr. Und selbst von Verlusten bedrohte Kredite für Immobilien, Schiffe oder Flugzeuge können wieder wertvoll sein, wenn sich die Lage des Schuldners bessert.

          Die Bad Bank selbst ist eine Anstalt öffentlichen Rechts, die nicht an die Bilanzregeln von Banken gebunden ist. Sie muss daher nicht ihre Wertpapiere permanent neu bewerten und nach Kursverlusten abschreiben. Sie agiert auch nur zum Teil wie eine Geschäftsbank, wenn sie etwa Kredite und Wertpapiere verkauft oder bis zur Endfälligkeit hält. Neugeschäft macht die Bad Bank nicht. Um mögliche Verluste bei der Abwicklung abzudecken, ist die FMS Wertmanagement üppig mit Eigenkapital ausgestattet: Aus der HRE fließen ihr 1,8 Milliarden Euro zu, und 2 Milliarden Euro kommen direkt vom Bund, so dass die Abwicklungseinheit auf Eigenmittel von 3,8 Milliarden Euro kommt.

          Die FMS Wertmanagement übernimmt nicht nur die Staatsanleihen aus hochverschuldeten europäischen Ländern, von denen die alte HRE besonders viele besitzt, sondern auch ihre Staatsgarantien. Nach dem Jahreswechsel, wenn die Zusatzgarantie von 23,5 Milliarden Euro ausgelaufen sein wird, werden es noch 102 Milliarden Euro sein. Doch auch diese werden im kommenden Jahr auslaufen. Deswegen kommt Toncar zu dem Urteil: "Das ist der Einstieg in den Ausstieg aus der Staatsgarantie." Wie der FDP-Politiker hervorhebt, gibt es einen guten Grund die Transaktion anzupacken, obwohl sie so kompliziert ist: "Ziel der ganzen Operation ist es, das Leiden der Steuerzahler zu verkürzen."

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