https://www.faz.net/-gqe-8mgzp

Reiseveranstalter : Immer weniger wollen in die Türkei

Die Strände in Antalya waren in diesem Jahr deutlich leerer als sonst. Bild: dpa

Die ausgefallenen Türkei-Reisen verhageln den Reiseveranstaltern die Bilanz. Die Konzerne setzen jetzt auf andere Länder.

          3 Min.

          Der Ausweg führt nach Spanien. Ohne das Land mit den beliebten Inseln Mallorca, Gran Canaria und Teneriffa wäre das Urlaubsgeschäft in diesem Jahr noch viel düsterer verlaufen. Mehr davon, lautet daher die Devise des Reiseveranstalters Alltours für 2017. Außerhalb Spaniens war das Düsseldorfer Unternehmen auf eine Rutschbahn geraten. Mit der Türkei kam das zweitwichtigste Flugreiseziel der Deutschen in die Bredouille. Ägypten und Tunesien waren es schon vorher. Nach Angaben des Marktforschers GfK lagen in deutschen Reisebüros die bis Ende September eingegangenen Buchungsumsätze 7 Prozent unter dem Vorjahreswert. Das sind zwar nur die Ergebnisse einer Stichprobenmessung, doch der Trend ist eindeutig. Und Alltours zählte im touristischen Geschäftsjahr, das mit den Herbstferien endet, voraussichtlich fast 13 Prozent weniger Kunden.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Geschäftsführer Markus Daldrup hat nun als Ziel ausgegeben, 2017 rund eine Million Urlauber nach Spanien zu bringen. Dabei organisierte Alltours zuletzt insgesamt gerade für etwas mehr als 1,6 Millionen Menschen die Ferienreisen. 2017 werden somit etwa 60 Prozent des Umsatzes von Fans der Balearen, Kanaren und der Iberischen Halbinsel abhängen. Ein beachtlicher Ausblick, der aus einem Urlaubsvollsortimenter mit Angeboten für Türkei, Kuba und Thailand beinahe einen Spanien-Spezialisten macht.

          Türkei-Buchungen um bis zu 50 Prozent eingebrochen

          Der Großteil der Branche hat das Geschäftsjahr bereits vorzeitig abgehakt. Dass Kurzentschlossene mit Buchungen für Herbstschulferien noch für einen kleinen Aufschwung sorgten, wendete die Jahresbilanz nicht mehr zum Positiven. Und nach einem schweren Jahr stehen die deutschen Reiseveranstalter vor einer ebenso schweren Planung für 2017.

          Ob Urlauber den Putschversuch in der Türkei, die Anschläge von Istanbul und einen Raketeneinschlag nahe Antalya, bei dem glücklicherweise niemand zu Schaden kam, dann verdrängt oder vergessen haben, können die Pauschalreise-Kreateure nicht vorhersagen. Planen sie ohne die Türkei, geht möglicherweise die Erholung an ihnen vorbei. Setzen sie auf ein Ende der Türkei-Scheu deutscher Urlauber, droht eine Wiederholung der mäßigen Jahresbilanz, falls sie sich irren. Schon 2016 ist es der Branche nicht gelungen, die je nach Anbieter um bis zu 50 Prozent eingebrochenen Buchungen für Antalya, Belek und Marmaris durch andere Ziele zu kompensieren.

          Spanien und Bulgarien statt Türkei und Ägypten

          Dennoch steht fest: Zu Hause geblieben sind die Deutschen 2016 nicht. Seit langem verreisen Jahr für Jahr drei von vier Bundesbürgern. Und auch die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen sah bislang kein Anzeichen, dass die Zahl der Urlaubstouren deutlich unter die zuletzt ermittelten 69,1 Millionen gesunken sein könnten. Urlauber gelangten aber auf neue Wege. Wer Strand wünschte, wechselte von der Türkei am östlichen Mittelmeer nach Spanien im Westen. Wer es günstig wollte, wählte Bulgarien statt Ägypten. Wer die Abwechslung suchte, buchte statt mediterranen Orten inländische Orte – darunter immer wieder Ziele, die nicht zum Kerngeschäft der Reisekonzerne gehörten, zum Beispiel Ferienhäuser an der Ostsee oder Pensionen im Alpenvorland. Das zieht sich durch die Bilanzen der Reisekonzerne.

          Kurz vor seinem Geschäftsjahresschluss zählte der TUI-Konzern 2 Prozent weniger deutsche Kunden. Weil die etwas mehr ausgaben, blieb ein Umsatzrückgang von einem Prozent für den Konzern, der mit Ferienhäusern und Kreuzfahrten Alternativen zum Ferienclub im Sortiment hat. Schauinsland-Reisen meldete Stagnation mit 1,4 Millionen Urlaubern und 1,1 Milliarden Euro Umsatz. In den Vorjahren hatte das Duisburger Familienunternehmen mit zweistelligen Wachstumsraten zur Spitzengruppe der Branche aufgeschlossen. „Wir sind sehr froh, dass wir dieses umkämpfte, turbulente Jahr ohne Teilnehmer- und Umsatzverluste abschließen werden“, sagte Inhaber Gerald Kassner. TUI und Schauinsland haben keine Kunden dazugewonnen, der Marktführer aus Hannover verfehlt sogar seine internen Gewinnvorgaben für den deutschen Markt. Trotzdem sind die beiden Reiseanbieter Jahressieger. Auf einem schrumpfenden Veranstaltermarkt stockten sie ihre Marktanteile auf.

          Trüber fiel das erste Resümee für Neckermann-Reisen, Öger-Tours und ihren Mutterkonzern Thomas Cook aus. Weil das Reiseziel Türkei dort einen höheren Stellenwert hat, betrug das Buchungsminus von Kunden aus Deutschland 6 Prozent. Alltours hat in seiner Mitteilung den Prozentwert erst gar nicht ausgerechnet. Dort ist von 1,629 Millionen Urlaubern die Rede, 241000 weniger als 2015. Immerhin soll sich der Einbruch nicht im Vor-Steuer-Gewinn niederschlagen, der abermals mindestens 52 Millionen Euro erreichen soll. Vorsorglich hatte Alltours nämlich aufgehört, komplette Flugzeuge zu chartern. In guten Zeiten ließen sich so Wettbewerber vom Zugriff auf günstige Flugsitze aussperren. In schlechten Zeiten würden leere Plätze die Bilanz verderben.

          Für 2017 kündigen Schauinsland-Reisen und Alltours erwartungsgemäß an, wieder wachsen zu wollen. Um wie viel, lassen sie offen. Denn das hängt auch von der Entwicklung in der Türkei ab. Auf Mallorca mehreren sich unter Einheimischen die Stimmen, denen der Urlauberansturm zu mächtig wird. Die Hoteliers dort reagieren mit Preisaufschlägen.

          Weitere Themen

          Bis zu 6300 Euro Entschädigung für VW-Kunden Video-Seite öffnen

          Dieselskandal : Bis zu 6300 Euro Entschädigung für VW-Kunden

          Die Einigung von VW und Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) im Dieselstreit sieht auch weiterhin ein Vergleichsangebot in Höhe von 830 Millionen Euro vor. Kunden, die sich in das Klageregister eingetragen haben, bietet VW eine Einmalzahlung an.

          Trump wirft Medien Panikmache vor

          Coronavirus : Trump wirft Medien Panikmache vor

          Amerikas Präsident hat abermals die Gefahr des Coronavirus kleingeredet – und den Medien Vorwürfe unterbreitet, sie würden dramatisieren. Dabei hat es außerhalb Chinas zuletzt mehr neu gemeldete Fälle gegeben als in der Volksrepublik selbst.

          Topmeldungen

          Trump während seiner Pressekonferenz im Weißen Haus zum Coronavirus.

          Coronavirus in Amerika : Wenn das mal gut geht

          Das Coronavirus stellt Amerikas Gesundheitssystem auf eine schwere Probe. Testkits taugen nichts – und viele Amerikaner können sie sich ohnehin nicht leisten.
          Was nun?

          Scherbaums Börse : Was können Anleger jetzt tun?

          Das Coronavirus dominiert das Geschehen an den Börsen. Die heftigen Kursverluste von Aktien und der im Gegenzug gestiegene Goldpreis überrascht Experten nicht. Und nun?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.