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Reisen in Coronazeiten : Was wird aus dem Sommerurlaub?

Keine Urlauber: Strandkörbe auf Sylt Bild: dpa

Müssen wir in den Sommerferien alle daheimbleiben? Die Urlauber sind verunsichert, die Reisebranche wird zunehmend ärgerlich. Und Urlaub im Inland zur größten Hoffnung.

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          Binz auf Rügen oder Ballermann auf Mallorca, Bergsteigen im Karwendel oder Baden auf Kreta – in der Corona-Krise sind Urlaubspläne von der Frage überschattet, ob und wohin eine Reise noch möglich ist. Den größten Dämpfer setzte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, als sie zu Sommerurlauben sagte: „Ich rate dazu, mit solchen Plänen noch zu warten.“ Die Reaktionen aus dem Tourismus waren harsch. „Wir brauchen niemanden, der den Sommerurlaub ins Aus katapultiert“, antwortete Norbert Fiebig, der Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV).

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch Gewissheit für Ziele und Unterkünfte fehlt: Öffnet Griechenland eher als Spanien? Für Hellas zählt die Johns-Hopkins-Universität nur 2400 Fälle, für Spanien 208.000. Oder sind Urlauber in deutschen Mittelgebirgen besser aufgehoben? Oder sollten sie Reisen gleich auf den Herbst vertagen? Für Italien, das in Europa mit am stärksten vom Coronavirus betroffen ist, gilt Sommerurlaub als unwahrscheinlich. Schweden hat hingegen die Einreise nicht unterbunden, über Dänemark kann man aber aktuell mit dem Auto nicht dorthin fahren.

          Die spanische Regierung rechnet mit einem langsamen Anlaufen des Urlaubsgeschäfts in der zweiten Jahreshälfte, möchte aber gern Ausländer draußen lassen – zum Missfallen der Hoteliers auf Mallorca. Während die Pandemie auf dem Festland Tausende Opfer forderte, blieben die Folgen auf den Inseln überschaubarer.

          In Deutschland sind die Infektionszahlen im sonst beliebten Alpenvorland höher als in anderen Teilen der Republik. Inseln in Nord- und Ostsee von Sylt bis Usedom sind zumindest aktuell für Touristen geschlossen – eine wie auch immer geartete Öffnung wird aber angestrebt.

          Auf „Buchen“ klicken die wenigsten

          Zumindest wenn es um die Entscheidung geht, nach Wochen mit Kontaktbeschränkungen gar nicht zu reisen, dürfte der Reiseverband viele Bürger auf seiner Seite haben. Auch wenn Kunden eher an die eigene Erholung statt an das Wohl der Unternehmen denken. Sonnenschein und Urlaub – diese Paarung funktioniert seit Jahrzehnten. Kaum verwunderlich, dass mit den aktuellen Sonnentagen die großen Ferien in den Blick kommen. Reise-Marktführer TUI beobachtet, dass viele Menschen auf den Konzerninternetseiten recherchieren. Bloß auf „Buchen“ klicken die wenigsten.

          Gleichzeitig harren Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen Kunden aus, die früh vor dem Virus-Schock gebucht hatten. Sie bangen um ihre Reisen oder um die Erstattung ihrer Zahlungen. TUI hatte den buchungsstärksten Januar in der Konzerngeschichte gemeldet. In der Urlaubswelt wächst die Ungeduld und das Gefühl, in der Krise im Unklaren gelassen zu werden. Das spüren Reisebüros durch energische Nachfragen von Kunden. Die Büros vermissen Informationen von Reisekonzernen. Die verweisen auf die Bundesregierung.

          Sicher ist nur, dass bis zum 3. Mai gar keine Reise beginnt. Solange gilt die globale Reisewarnung des Auswärtigen Amts – Verlängerung möglich. Schon für den 4. Mai – in weniger als zwei Wochen – fehlt Urlaubern die Gewissheit. In ungewohnt scharfer Form kritisierte DRV-Präsident Fiebig Außenminister Heiko Maas (SPD). „Wenn auch in Zukunft allgemein vor Auslandsreisen gewarnt wird, wird das der Realität nicht gerecht“, sagte er. Bislang galten die Reisewarnungen als Richtschnur für die Branche und wurden nur im Hinterzimmer diskutiert.

          Vorerst gleicht die Wahl des Ziels einem großen Rätselraten, in das sich immer mehr Stimmen einbringen. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erklärte: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Urlaub in anderen Ländern im Sommer möglich ist, stellt sich aus gegenwärtiger Sicht eher als unwahrscheinlich heraus.“ Dahinter steckt wohl auch die Hoffnung, dass Herbergen im Inland – und somit auch in Bayern – Geschäft nachholen können. CSU-Parteikollege und Entwicklungshilfeminister Gerd Müller sagte hingegen, nicht nur in Deutschland könne Sommerurlaub wieder möglich sein. „Ich glaube auch, dass es in der Mittelmeer-Region eine Chance dazu gibt – einschließlich in Nordafrika“, sagte er der Funke-Mediengruppe. In Ägypten gibt es weniger als 4000 Corona-Fälle, insgeheim vermuten aber selbst Touristiker, dass das Virus erst durch Urlauber dorthin gebracht wurde.

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