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Reisekonzern : Peinlicher Buchungsfehler belastet TUI

Von der Panne in London kalt erwischt: Tui-Zentrale in Hannover Bild: BLOOMBERG NEWS

Der Touristikkonzern TUI hat großen Ärger mit seiner Tochtergesellschaft in Großbritannien. Jahrelang unbemerkte Falschbuchungen führen zu hohen Wertberichtigungen und stellen das Vertrauensverhältnis zwischen Hannover und London in Frage.

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          Das Urteil der Börse war eindeutig: Gut 3 Prozent verlor die Aktie der TUI AG am Donnerstagmorgen an Wert. Die Anleger reagierten damit auf die peinlichen Bilanzierungsfehler der britischen Tochtergesellschaft TUI Travel, die zum Abschied von Finanzchef Paul Bowtell führten und auch in der Bilanz der TUI Spuren hinterlassen. Zwar wirken sich die überraschenden Wertberichtigungen voraussichtlich nicht auf die Ergebnisse im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr 2009/10 (30. September) aus. Gleichwohl belastet der ganze Vorgang, der einhergeht mit einer Bilanzkorrektur im Eigenkapital der TUI AG, das Vertrauensverhältnis zwischen Deutschen und Briten – zumal TUI Travel offenbar erst auf Druck des Mutterhauses tätig geworden ist und die Fehler aufgedeckt hat.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Aber der Reihe nach: Im Zuge der 2007 erfolgten Fusion mit dem englischen Reiseveranstalter First Choice hatte die TUI AG aus Hannover ihr Reisegeschäft in der börsennotierten TUI Travel plc. gebündelt. Und dieses Unternehmen hat nun – drei Jahre nach dem Zusammenschluss – festgestellt, dass es in seinem britischen Reisegeschäft (und nur dort) gravierende Fehler im Buchungssystem gab. Wenn ein Kunde in einem britischen Reisebüro eine TUI-Travel-Reise buchte, ging automatisch eine Umsatzmeldung an den Veranstalter heraus. Wenn der Kunde diese Reise am nächsten Tag hingegen wieder stornierte, wurde die Absage nicht automatisch nachgemeldet und korrigiert. Ähnlich verhielt es sich mit von Reisebüros gewährten Rabatten. TUI Travel hat in Großbritannien in der Vergangenheit also weniger Umsatz gemacht als bisher angenommen.

          Die Fehler beim Abgleich von Forderungsbeständen zwischen den IT-Systemen und dem Vertrieb in Großbritannien zwingt TUI Travel nun zu Wertberichtigungen von 120 Millionen Euro. Diese belasten nach Angaben des Unternehmens die Gewinn-und-Verlust-Rechnungen sowie die Bilanzen früherer Jahre, nicht jedoch das Geschäftsjahr 2009/10. Konkret muss TUI Travel das bereinigte operative Ergebnis (Ebita) des Rumpfgeschäftsjahres 2009 rückwirkend um 45 Millionen Euro reduzieren. Das Eigenkapital der TUI AG wird infolge dieser Vorgänge rückwirkend um 75 Millionen Euro nach unten korrigiert. TUI betont in einer Mitteilung, dass die Ergebniserwartungen für 2009/10 unverändert blieben. Demnach soll TUI im Touristikgeschäft ein in etwa unverändertes bereinigtes Ebita schaffen. Für den Gesamtkonzern, zu dem noch die Beteiligung von 43 Prozent an der Container-Reederei Hapag-Lloyd gehört, wird weiterhin ein positives Ergebnis vorhergesagt.

          „Wir waren entsetzt, als wir davon erfuhren“

          Ein TUI-Sprecher in Hannover wollte sich auf Anfrage nicht näher zu der ungewöhnlichen Bilanzierungspanne äußern. Hinter vorgehaltener Hand erklärte ein TUI-Manager jedoch: „Wir waren entsetzt, als wir davon erfuhren.“ Auch der TUI-Vorstandschef Michael Frenzel, als „Chairman“ der TUI Travel plc. in einer herausgehobenen Position bei der englischen Tochtergesellschaft, hat von deren fehlerhaften Buchungsmethoden all die Jahre offenbar nichts mitbekommen. Allerdings sitzt Frenzel auch nicht im Prüfungsausschuss von TUI Travel. Dem Vernehmen nach hat Frenzel nun darauf gepocht, dass personelle Konsequenzen aus dem Fall gezogen werden. Und die gibt es auch: Der TUI-Travel-Finanzchef Paul Bowtell wird das Unternehmen Ende dieses Jahres verlassen. Peter Long, der Vorstandsvorsitzende von TUI Travel, muss derzeit offenbar nicht um sein Amt fürchten. Aber, so heißt es, das Vertrauensverhältnis zwischen Frenzel und Long hat gelitten.

          Dass das Vertrauen in die Aussagen aus London angeschlagen ist, lässt sich indirekt auch aus den unterschiedlichen Pressemitteilungen der beiden Unternehmen erkennen. TUI Travel zitiert Peter Long mit den Worten, dass die Systemschwächen nun detailliert untersucht und abgestellt worden seien. Bei TUI findet sich hingegen keine Aussage dieser Art. Offenbar hält man es in Hannover durchaus für möglich, dass da noch etwas nachkommt. Vollkommen unklar ist derzeit noch, inwiefern diese Vorgänge ausstrahlen auf die weiteren strategischen Pläne der TUI AG. Michael Frenzel denkt seit längerem darüber nach, TUI Travel ganz zu übernehmen und das Reisegeschäft fortan wieder von Hannover aus zu steuern. Die dazu erforderlichen Mittel könnten über den geplanten Verkauf der Hapag-Lloyd-Beteiligung an Bord geholt werden.

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