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Unternehmen Würth : „Wir kommen von ganz unten“

Carmen Würth (wird am Dienstag 80 Jahre alt) und ihr Ehemann Reinhold (82). Die beiden sind seit mehr als 60 Jahren verheiratet. Bild: Helmut Fricke

Schraubenhändler Reinhold Würth und seine Ehefrau Carmen über Geiz, Größenwahn und Gratiskuchen für die Mitarbeiter.

          7 Min.

          Herr Würth, Sie sind jetzt 82 Jahre alt, mischen im Unternehmen aber immer noch ordentlich mit. Warum können Sie nicht loslassen?

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Reinhold Würth: Ich kann loslassen. Im Januar war ich sieben Wochen mit meinem Boot in Neuseeland im Urlaub, gerade waren meine Frau und ich gemeinsam drei Wochen in Amerika.

          Und Sie wollen uns weismachen, dass Sie dort nicht gearbeitet haben?

          Reinhold Würth: Na gut, das habe ich natürlich schon. Ich spreche jeden Tag drei, vier Stunden lang in mein Diktiergerät und schicke die Aufnahmen dann per E-mail an meine Sekretärinnen. Da geht es allerdings oft nur um Korrespondenz: Terminabsprachen oder Briefe an Geschäftspartner zum Beispiel. Im Tagesgeschäft bin ich nicht mehr aktiv.

          Aber wenn die Zahlen nicht stimmen, lassen Sie das die Mitarbeiter schon wissen.

          Reinhold Würth: Ja, dann schreibe ich auch mal einen Brief an das ganze Haus. Das Unternehmen Würth gehört ja einer Stiftung, und ich bin Vorsitzender des Aufsichtsrats dieser Stiftung. Das ist das oberste Gremium, das Machtzentrum wird also immer noch von mir beherrscht. Ich habe dieses Unternehmen als kleinen Schraubenhandel mit zwei Mitarbeitern übernommen und es über 68 Jahre lang begleitet. Heute haben wir mehr als 73000 Mitarbeiter, machen fast 12 Milliarden Euro Umsatz im Jahr und sind Weltmarktführer im Handel mit Montage- und Befestigungsmaterial. Daher geht es mir mit dem Unternehmen ein bisschen wie mit meinen Kindern: Auch wenn sie längst erwachsen sind, ist man gedanklich immer bei ihnen und fragt sich, wie man sie unterstützen kann.

          Frau Würth, würden Sie sich wünschen, dass Ihr Mann ein bisschen kürzer tritt?

          Carmen Würth: Natürlich. Ich fände es schön, wenn er sich mal anderen Dingen zuwenden würde, sich ein Hobby sucht, etwas Fröhliches macht. Er ist ja an sich eher ein ernster Typ.

          Reinhold Würth: Ich kann aber auch anders. Gestern hat meine Frau uns für unser Mittagessen einen besonders schönen Platz gesucht. Wir haben nämlich auf Schloss Hermersberg, wo wir wohnen, einen kleinen See. Da haben wir fröhlich miteinander gegessen, und ich war überhaupt nicht ernst.

          Carmen Würth: Das stimmt. Aber die Umgebung dort ist auch einfach wunderschön. Die Natur und die Ruhe machen sehr glücklich.

          Diese Ruhe hatten Sie früher nicht.

          Carmen Würth: Richtig. Wir sind unser ganzes Leben immer unterwegs gewesen. Anfangs habe ich meinen Mann auf seinen Verkaufstouren noch begleitet, später habe ich mich um den Haushalt und unsere drei Kinder gekümmert. Das ist immer meine Aufgabe gewesen.

          Sie beide haben sich in der Kirche kennengelernt und sind jetzt fast 61 Jahre lang verheiratet. Was war Ihre Rolle im Unternehmen, Frau Würth?

          Carmen Würth: Ich würde sagen: alles außer Schrauben verkaufen.

          Was bleibt denn da noch übrig?

          Carmen Würth: Am Anfang hat mein Mann seine Geschäftspartner oft zu uns nach Hause eingeladen, Restaurants waren damals schlicht zu teuer. Das ist etwas, was ich immer von ganz hinten aus meinen Erinnerungen hervorkramen muss und was man den jungen Leuten heute nur noch schwer begreiflich machen kann: Wie sparsam wir mit allem umgegangen sind. Über alles, was man sich gekauft hat, hat man sich vorher Gedanken gemacht. Ich musste das vielleicht etwas weniger als andere, aber trotzdem floss ja jede Mark ins Unternehmen. Mit dem Rest für alles andere zu sorgen, das war meine Aufgabe. Wir hatten damals – anders als heute – noch kein Personal. Zu Hause habe ich meine Gäste daher lange selbst bekocht.

          Sie sollen eine tolle Köchin sein. Was kam denn bei Ihnen auf den Tisch?

          Carmen Würth: Zu der Zeit war man eigentlich so geprägt, dass man immer nur das Beste servierte, leckeres Fleisch zum Beispiel und eine gute Suppe. Ich habe aber bald gemerkt, dass meine Gäste sich viel mehr gefreut haben, wenn es nichts besonders Nobles gab, sondern ganz schlichte Gerichte wie Reisauflauf oder Dampfnudeln – das muss man auch können. Das ehrliche, heimische Essen ist eben oft das Beste. Leider war ich dann aber immer sehr viel in der Küche und nicht am Tisch, wo ich hätte mitreden können.

          Hatten Sie das Gefühl, zurückstecken zu müssen? Ihre Arbeit als Chefsekretärin beim Automobilzulieferer ZF hatten Sie ja wegen der Hochzeit aufgegeben.

          Carmen Würth: Ja, das musste ich.

          Reinhold Würth: Ich habe sie rausgezerrt (lacht).

          Carmen Würth: Ich denke schon, dass zu wenig anerkannt wird, was eine Frau überhaupt leistet. Deshalb finde ich es auch verständlich, wenn Frauen heute seltener heiraten und Kinder kriegen. Vor 22 Jahren musste ich vor einer Bandscheibenoperation ein Formular ausfüllen, und als Beruf stand dann da nur „Hausfrau“. Das fand ich einfach blöd.

          Reinhold Würth: Also ich muss schon sagen, meine Frau hat das über all die Jahre wirklich vorbildlich gemacht, hat mir den Rücken freigehalten, die Kinder großgezogen, sie jeden Tag zur Schule gefahren und auch wieder abgeholt.

          Carmen Würth: Es war halt niemand da, kein Gärtner, kein Fahrer.

          Reinhold Würth: Das kann man ruhig mal so deutlich sagen: Wir kommen von ganz unten. Wenn ich früher auf Verkaufstouren unterwegs war, habe ich den Motor ausgeschaltet, wenn es den Berg runter ging, um 15 Pfennig Benzin zu sparen. Das waren Zeiten, wo es tatsächlich darauf ankam, abends das Licht auszumachen. Es ärgert mich heute noch, wenn irgendwo die ganze Nacht grundlos eine Lampe brennt.

          Obwohl Sie in Ihrer Situation darüber gar nicht mehr nachdenken müssten, schließlich gehören Sie zu den Reichsten in Deutschland.

          Reinhold Würth: Mir geht es ums Prinzip. Natürlich hat das Unternehmen heute genug Geld. Aber ich habe einige Schlüsselerlebnisse gehabt. Anfang der sechziger Jahre hat mich der Chef der Volksbank in Künzelsau zu sich zitiert, da hatte ich einen Kredit über 10000 Mark. Er sagte mir, wenn ich das Konto noch mal überziehen würde, würde er es sperren. Das wäre natürlich für uns eine Katastrophe gewesen. Ich bin also ziemlich kleinlaut abgezogen und habe aus dieser Begegnung einen meiner Leitsätze gemacht: Wachstum ohne Gewinn ist tödlich. Das ist bis heute eines der Grundprinzipien dieses Unternehmens.

          Was bedeutet Ihnen ihr Reichtum?

          Reinhold Würth: Ach wissen Sie, wenn man ihn hat, ist es gar nicht so spektakulär. Ich hoffe aber, dass man von mir sagen kann, dass ich der geblieben bin, der ich einmal war.

          Sie waren noch sehr jung, als Sie das Unternehmen übernommen haben.

          Reinhold Würth: 19 Jahre.

          Ihr Vater war damals ganz plötzlich gestorben. Waren Sie da nicht erstmal heillos überfordert?

          Reinhold Würth: Nein. Mein Vater hatte mich zuvor schon fünf Jahre lang getrimmt. Ich habe ja eine offizielle Lehre gemacht mit dem Abschluss eines Kaufmanngehilfenbriefs, und schon während dieser Ausbildung hat er mich für zwei Wochen nach Düsseldorf zu den Kunden geschickt. Das war im Winter, überall lagen Schnee und Matsch, ich hatte ständig nasse Füße. Als ich wieder nach Hause kam, konnte ich meinem Vater ein schönes Bündel an Aufträgen präsentieren. Wir hier im Hohenlohischen werden allerdings immer zu den Schwaben gezählt und für die gilt: Nichts gesagt ist genug gelobt.

          Da waren Sie sicher enttäuscht.

          Reinhold Würth: Natürlich. Ich habe erst Jahre später von meiner Mutter erfahren, dass mein Vater ihr schmunzelnd erzählt hat, ich hätte gar keine schlechte Arbeit geleistet. Aber er war eben keiner, der andere von Herzen gelobt hätte. Diese Erfahrung war für mich eine große Lehre. Ich habe meinen Mitarbeitern immer sehr viel Dank und Anerkennung entgegengebracht, wenn es gut lief.

          Carmen Würth: Manchmal musste ich allerdings auch ein bisschen was ausbügeln, wenn du wieder zu streng warst.

          Reinhold Würth: Meine Frau ist sehr beliebt im Unternehmen, weil sie sehr gerne herzt und lobt, auch mal einen Kuchen vorbeibringt. Manchmal wird gescherzt, sie habe eigentlich das Sagen.

          Sie engagieren sich auch über das Unternehmen hinaus, Frau Würth, vor allem für behinderte Menschen. Das hat sicher mit Ihrem Sohn Markus zu tun?

          Carmen Würth: Genau. Er ist jetzt 51 Jahre alt und lebt an einem Ort, wo Menschen mit und ohne Behinderung zusammenkommen. Aber vor 50 Jahren, als wir feststellten, dass er infolge eines Impfschadens geistig behindert war, gab es ja noch nichts in Deutschland, keinen Arzt, gar nichts.

          Reinhold Würth: Naja, Ärzte gab es schon.

          Carmen Würth: Aber nicht für so einen Fall. Ich hatte damals ja schon zwei Kinder und bin gerne Mutter. Ich hätte gerne noch mehr Kinder gehabt. Also habe ich überlegt, wie ich diesem kleinen Menschen helfen kann, möglichst alles zu lernen, was er nicht kann, damit er selbständig leben kann und auch seinen Beitrag für die Gemeinschaft leistet, so gut er kann. Gebraucht zu werden ist, denke ich, sehr wichtig, um glücklich zu sein.

          Ein Prinzip, das Sie auch in Ihrem Hotel und Restaurant Anne-Sophie in Künzelsau umgesetzt haben.

          Carmen Würth: Dort kommen ebenfalls behinderte und nicht behinderte Menschen zusammen. Die behinderten Menschen können so lernen, was sie alles schaffen können. Und die nicht behinderten Menschen bekommen ein besseres Verständnis, einen Einblick in neue Welten. Sie können sehen, dass auch behinderte Menschen Lebensfreude empfinden und vermitteln können.

          Die Würths (vorne) bei einem Betriebsausflug 1960 in einem Salzbergwerk.
          Die Würths (vorne) bei einem Betriebsausflug 1960 in einem Salzbergwerk. : Bild: Firmenarchiv Adolf Würth GmbH

          Erfüllt Sie diese Arbeit?

          Carmen Würth: Ja, wenn so ein Projekt gelingt, macht mich das sehr glücklich.

          Trotzdem bleiben Sie immer eher im Hintergrund. Sie, Herr Würth, versuchen hingegen stets, den Namen Würth noch ein bisschen bekannter zu machen.

          Reinhold Würth: Nicht mehr so wie früher. Es gab eine Zeit, da habe ich fast jede Woche einen öffentlichen Vortrag gehalten, die Zeiten sind aber vorbei.

          Aber die Kunst hilft – Sie besitzen eine riesige Sammlung mit über 17000 Werken, die Sie in Ihren 14 eigenen Museen ausstellen.

          Reinhold Würth: Das macht natürlich Freude. Diese Sammlung ist aber auch eine schöne Reserve, sie gehört ja dem Unternehmen, und alle Werke werden zum Anschaffungswert bilanziert. So beugen wir für schlechte Zeiten vor.

          Und ein gutes Marketinginstrument ist die Sammlung auch. Sie besitzen ja sehr bekannte Werke wie Holbeins Madonna.

          Reinhold Würth: Das ist auch einer der Gründe für die Sammlung. Das Unternehmen hat dadurch nicht den Ruf, nur auf Umsatz, Wachstum und Gewinn zu starren. Wir zeigen uns großzügig, wenn es um die schönen Künste geht. Dazu trägt jetzt auch das Carmen Würth Forum bei.

          Das ist ein 60 Millionen Euro teures Kongress- und Kulturzentrum an Ihrem Firmensitz in Künzelsau, das Sie ihrer Frau zu ihrem 80. Geburtstag am kommenden Dienstag widmen.

          Reinhold Würth: Genau. Der Architekt David Chipperfield hat es entworfen. Dort können Open-Air-Veranstaltungen und Kammerkonzerte stattfinden. Wir tun also was für die Region.

          Machen Sie sich Gedanken, was aus all dem einmal wird – der Kunst, dem Unternehmen?

          Reinhold Würth: Was das Unternehmen angeht, glaube ich, gut vorgesorgt zu haben. Ich habe es ja schon 1987 in Familienstiftungen eingebracht, weil ich immer wieder gesehen habe, wie Familienunternehmen im Erbgang nicht nur leiden, sondern untergehen. Das wollte ich vermeiden.

          Warum so früh? Damals waren sie erst 52 Jahre alt.

          Reinhold Würth: Ich wollte sehen, wie all die Regeln, die ich in einem 250 Seiten dicken Kompendium zusammen mit den besten Fachleuten festgelegt habe, sich in der Praxis auswirken. Diese Regeln sind sehr konziliant, nichts ist ausgeschlossen.

          Ihre beiden Töchter mussten aber auf ihren Pflichtanteil am Erbe verzichten.

          Reinhold Würth: Die sind jetzt Begünstigte der Familienstiftungen und bekommen jedes Jahr einen netten Batzen Geld. Meine Tochter Bettina ist Beiratsvorsitzende, also eine Art Aufsichtsratsvorsitzende, im Unternehmen, meine andere Tochter Marion führt einen Demeter-Hof. Denen geht es nicht schlecht.

          Carmen Würth: Da muss man auch manchmal ein bisschen bremsen.

          Reinhold Würth: Das darf man ihnen nicht übelnehmen. Die kennen nicht mehr die Zeiten, in denen wir groß geworden sind und es an allem fehlte. Unsere Familie hält gut zusammen, alle sind auf einem guten Weg. Eine Enkeltochter hat gerade ihren Master in Kunst gemacht, die könnte irgendwann einmal die Kunstsammlung übernehmen. Zwei andere Enkelbuben sind auch schon im Unternehmen tätig. Jedes Jahr gibt es einen Familientag, wo die ganze Familie einen Ausflug macht. Ich denke also, dass alles gut wird.

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