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Rausch und Reue (6) : Ein kurzer Rausch und 30 Jahre Leiden

Karstadt-Quelle will sich spätestens 2008 von Neckermann trennen Bild: picture-alliance/dpa

Der Klang des Namens Neckermann und der relativ niedrige Preis haben Karstadt wohl dazu verleitet, sich 1976 an dem Versandhändler zu beteiligen. Es folgten drei Jahrzehnte der Reue. Erst angsichts der baldigen Trennung kommt Euphorie auf.

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          Ein kurzer Rausch, eine lange Zeit der Reue und am Ende - im Anblick der beschlossenen Trennung - fast ein Anflug von Euphorie. So lässt sich die drei Jahrzehnte währende Liaison zwischen dem Warenhauskonzern Karstadt-Quelle und dem Versandhandelsunternehmen Neckermann beschreiben. Rein wirtschaftlich betrachtet, „war es wohl keine gute Idee“, damals Neckermann zu übernehmen, sind sich heute alle Beteiligten einig. Dabei schien am Anfang zumindest aus Sicht von Karstadt alles eine gute Sache zu sein. Karstadt - die Schickedanz-Gruppe mit dem Versandhandelsunternehmen Quelle gehörte noch nicht zu Karstadt - hatte sich nach den Worten seines Vorstandsmitgliedes und späteren Vorstandsvorsitzenden Walter Deuss mit der Übernahme von Neckermann einen lange gehegten Wunsch erfüllt, endlich auch im Versandhandel tätig sein zu dürfen.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Es waren wohl vor allem der Klang des Namens Neckermann und der relativ niedrige Preis, der Karstadt dazu verleitete, sich 1976 im Rahmen einer Kapitalerhöhung zunächst mit 51 Prozent an dem Frankfurter Versandhandelsunternehmen zu beteiligen. Übersehen hatte man, dass Neckermann eben nicht nur ein Versandhändler war, ja nicht einmal in erster Linie. Zwar kam der legendäre Ruf des Unternehmens aus dem Versandgeschäft. Der Ertrag jedoch wurde im stationären Handel erwirtschaftet.

          Versandhandel mit Schaufenstern

          Das war eigentlich auch die Grundidee von Josef Neckermann gewesen. Josef Neckermann, der nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Eröffnung eines Textilgeschäfts 1948 in Frankfurt an seine Handelstätigkeit vor dem Krieg angeknüpft hatte, gründete am 1. April 1950 das eigene Versandhandelsunternehmen. Neckermann sah in der Verbindung von Versandhandel und stationären Geschäften eine ideale Kombination. „Meine Idee war es, ein Versandunternehmen zu errichten mit gleichzeitigen Schaufenstern, verkörpert durch Kaufhäuser und Verkaufsstellen“, sagte er 1964 vor den Aktionären auf der ersten Hauptversammlung seiner Gesellschaft.

          Die Idee schien zu tragen, Neckermann wuchs - im Versandhandel vor allem durch die Bestellung der Millionen Vertriebenen. Aus dem ersten Katalog mit 147 Textilartikeln auf 12 Seiten wurde bald ein Buch, das keinen Wunsch mehr offenließ; Textilien, Reisen, Sportartikel oder Fertighäuser und Versicherungen gab es per Postkarte zu kaufen. „Neckermann macht's möglich“ war seit 1960 nicht nur der Werbespruch des Unternehmens, es wurde - auch wegen seiner Glaubwürdigkeit - zum geflügelten Wort.

          Neckermann hatte aber große Schwierigkeiten, das wachsende Geschäftsvolumen zu verkraften. Man musste in kurzer Zeit viel Personal einstellen. Und der Ausbau des stationären Geschäfts kostete viel Geld. Geld hatte aber Neckermann fast nie. Neckermanns Maxime „Großer Umsatz, kleiner Gewinn“ war gut gemeint, ging aber nicht auf. Die Finanzdecke war aufgrund der geringen Rendite immer dünn, und 1963 drohten die Banken erstmals, den Finanzhahn ganz zuzudrehen.

          Neckermann wollte Herr im eigenen Haus bleiben

          Es kam immer wieder zu Spekulationen darüber, ob Neckermann nicht weitere Investoren als Anteilseigner aufnehmen muss. Aber Neckermann wollte Herr im eigenen Haus bleiben. Eine glückliche Kombination schien ihm die Kommanditgesellschaft auf Aktien, die die Aufnahme fremden Kapitals zuließ, ohne den entscheidenden Einfluss der Familie zu gefährden.

          Mit neuem Geld konnte 1965 erstmals der Jahresumsatz auf mehr als eine Milliarde DM gesteigert werden, zwei Jahre später auf 1,5 Milliarden DM. Aber davon kam lediglich ein Drittel aus dem Versandhandel. Und, was schlimmer war, Neckermann verdiente weiterhin wenig Geld. Josef Neckermanns Zuversicht auf eine Besserung, „wenn das Wetter, die Politik, der liebe Gott und so weiter mitspielen“, erfüllte sich nicht. Die schwache Rendite blieb der Begleiter des Unternehmens. Hohe Personalkosten konnten auch durch Billigimporte aus Fernost und schnelles Wachstum nicht mehr ausgeglichen werden. Die auf Niedrigpreise eingeschworenen Kunden ließen aber auch keine Preiserhöhungen zu.

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