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Rausch und Reue (10) : Der Traum vom Allfinanzkonzern und die mühsame Wirklichkeit

Milliardengrab für die Allianz: Dresdner Bank Bild: AP

Die Übernahme der Dresdner Bank hat die Allianz viel Lehrgeld gekostet. Seit 2001 hat der Versicherungskonzern Milliarden in die Bank gepumpt. Das Vorhaben „integrierter Finanzkonzern“ war bisher nicht von Erfolg gekrönt.

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          Wenn Michael Diekmann erklären will, was sein Problem ist, dann zieht der Vorstandschef der Allianz ein Schaubild hervor: Auf der Grafik sind drei sich überschneidende Kreise zu sehen. Einer davon ist groß und Allianz-Blau - das sind die Kunden seiner deutschen Versicherungen. Einer ist kleiner und grün - das ist die Klientel der Tochter Dresdner Bank. Der dritte Kreis ist noch kleiner und blaugrün - das Geschäft der Allianz mit Fondssparern. Und dann gibt es noch eine weiße Schnittmenge der drei Kreise - das ist Diekmanns Problem.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In der Schnittmenge steht 0,4 Prozent. Das ist ziemlich wenig, und es bedeutet, dass unter 1000 Kunden des Allianz-Konzerns nur vier sind, die Produkte von allen drei Konzernsparten - Versicherung, Bank und Fondsgesellschaft - kaufen. Eigentlich tut das also so gut wie niemand.

          Schwindelerregende Summen

          Wenn Diekmanns Amtsvorgänger an der Allianz-Spitze, Henning Schulte-Noelle, das bunte Schaubildchen, das den heutigen Zustand abbildet, schon sechs Jahre früher in der Hand gehabt hätte, dann hätte es seinem Unternehmen womöglich viele Milliarden Euro gespart. Es sind schwindelerregende Summen, welche die Allianz seit 2001 in ein Vorhaben gepumpt hat, das sie „integrierter Finanzdienstleister“ nennt.

          In Erklärungsnot: Allianz-Chef Michael Diekmann
          In Erklärungsnot: Allianz-Chef Michael Diekmann : Bild: dpa

          Die Idee war schon damals nicht neu, sie funktioniert anderswo, und sie klingt auch einleuchtend: Wenn ein Finanzkonzern seinen Kunden nicht nur Versicherungen, sondern auch Kredite, Bankkonten und Aktienfonds verkaufen kann, wenn er dafür nicht nur Heerscharen von Versicherungsvertretern beschäftigt, sondern auch Tausende Bankfilialen betreibt - dann würde dieser Konzern viel mehr Geld verdienen, als es eine Versicherung oder eine Bank jemals allein könnten.

          Kein Erfolg mit Allfinanz

          Bei der Allianz klappt das allerdings bis heute noch nicht so recht, wie Diekmanns Schaubild zeigt. Doch vor sechs Jahren glaubte Allianz-Chef Schulte-Noelle, ein distinguierter, erfahrener Topmanager von altdeutschem Schlag, an diese Idee. Deshalb kaufte der größte deutsche Versicherer die drittgrößte Privatbank des Landes, die Dresdner Bank.

          Die Folgen der bis heute größten Übernahme im deutschen Finanzsektor haben seither nicht nur Schulte-Noelle, einen der einflussreichsten Wirtschaftsführer des Landes, zum Wechsel in den Aufsichtsrat veranlasst, sondern auch den Chef der Dresdner Bank und weitere Spitzenmanager ihren Job gekostet.

          Tausende Arbeitsplätze sind weg

          Es sind seither bei der Dresdner Bank Tausende Arbeitsplätze verschwunden, und es hat sich an der Börse 40 Prozent des Allianz-Kurswerts in Luft aufgelöst. Doch immerhin beflügelt der „integrierte Finanzdienstleister“ namens Allianz noch immer die Phantasie der Börse. Seit Wochen lassen Wellen von Spekulationen rund um die Dresdner Bank den Allianz-Aktienkurs schaukeln wie ein Schiffchen in der auflaufenden Flut.

          Gerüchte gibt es viele: Eines besagt, die Allianz werde die Dresdner Bank entweder ganz verkaufen oder auch nur das Großkunden- und Kapitalmarktgeschäft. Ein anderes sagt, sie werde sich mit einer in- oder einer ausländischen Bank zusammentun, mit der Deutschen Bank, mit der französischen Société Générale, mit der italienischen Unicredit-Gruppe. Und wer Spitzenmanager der Allianz in diesen Wochen fragen wollte, was sie mit der Dresdner Bank vorhätten, der erhiehlt als Antwort, noch bevor man fragen konnte: „Fragen Sie nicht!“ Und dann verließ der Gesprächspartner auch schon einmal fluchtartig den Raum. (Siehe hierzu auf dieser Seite auch den Bericht zum Kapitalmarktgespräch der Allianz.)

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