https://www.faz.net/-gqe-y347

Radikale Veganer : Die Tierschützer machen Ernst

Ein Putenmastbetrieb im Landkreis Cloppenburg. Er ist sauber und ordentlich. Allerdings war der Fotograf lang im Voraus angekündigt. Bild: Franz Bischof

Brennende Ställe, Bilder verfaulter Kadaver: Im Putenstall tobt der Freiheitskampf. Der Konflikt zwischen radikalen Tierschützern und Bauern eskaliert. Manchem Tierfreund ist jedes Mittel recht. Eine Reise an die Fronten eines Glaubenskriegs.

          Die Äcker im Landkreis Cloppenburg sind schneebedeckt, backsteinrot schaut hier und da ein Tierstall mit rauchendem Schornstein heraus. In Schutzanzügen stapft eine Gruppe von Reportern in einen Stall. Leise rauscht der Deckenventilator, die Luft hat 30 Grad, 16 000 Putenküken zwitschern, flattern, rennen auf frischen Sägespänen. Sie haben Futterautomaten, Wasserspender, kein Feind will sie fressen. Noch nicht. In 20 Wochen werden sie verspeist, als billige Putenbraten von Lidl oder Aldi.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Der Verband der Geflügelwirtschaft hat die Journalisten zur Stallbesichtigung eingeladen. Zuletzt sah sich die Branche Vorwürfen der Tierquälerei ausgesetzt. Die Veganerorganisation Peta („People for the Ethical Treatment of Animals“), auf deren Plakaten schon mal stand, Intensivtierhaltung sei ein Holocaust, lieferte Nahaufnahmen der gequälten Kreatur: ausgepickte Augen, Blut, Kadaver.

          Die Bilder bleiben im Gedächtnis

          Tierrechtler gegen die Fleischwirtschaft: dieser Konflikt droht zu eskalieren. Radikale Veganer, die den Verzehr aller Tierprodukte als unethisch ablehnen, kämpfen gegen Tierhalter, Futtermittelhersteller, Schlachthöfe – und letztlich kämpfen sie auch gegen die große Mehrheit der Deutschen: gegen alle, die Fleisch essen, zusammengenommen etwa 1,7 Millionen Hühner am Tag.

          Tanz voll Kraft um eine Mitte

          Der vorläufige Höhepunkt des niedersächsischen Geflügelpolitikums war vor Weihnachten der Rücktritt von Agrarministerin Astrid Grotelüschen (CDU), deren Mann eine Massenbrüterei betreibt. Für die Missstände auf den Fotos war sein Betrieb zwar nicht verantwortlich, er hatte nur die Küken geliefert. Aber die Bilder blieben hängen. Nie wieder wird so jemand in Deutschland Agrarminister werden. Peta ist mächtig, ihre Waffe sind die Bilder.

          Bilder können täuschen

          Der Geflügelverband hat die Reporter auch deshalb zur Stallbesichtigung eingeladen, damit einmal positive Bilder von dem gezeigt werden, was im Volksmund Massentierhaltung heißt. Der junge Bauer gibt Interviews, sein Töchterchen spielt mit Küken, dann läuft die Situation doch aus dem Ruder: Kamerateams und Fotografen drängen einen Haufen Tiere zusammen, so dass am Ende die üblichen Bilder entstehen. Traurige Augen, Tier an Tier. Diese Bilder erwecken Mitleid. Mit der Realität in diesem Stall haben sie nichts zu tun. Die Küken haben sehr viel Platz, die Bilder zeigen das nicht.

          Wenn sich die Massentierhaltung nicht ändere, werde sich bald eine Al Qaida für Tierrechte bilden. Das sagt der mediale Frontmann von Peta, Edmund Haferbeck, und es klingt wie eine Drohung. Haferbeck, Protestant und Agrarwissenschaftler, sagt: „Wir kämpfen gegen ein mächtiges System von Industrie, Landwirtschaftsverbänden, Veterinären.“ Aber aus Sicht des einzelnen Landwirts ist auch Peta übermächtig. Die Organisation hat in Deutschland ein Jahresbudget von rund zwei Millionen Euro Spendengeld, beschäftigt 25 Mitarbeiter, davon vier sogenannte Ermittler, die professionell Skandale aufdecken. Peta selbst, sagt Edmund Haferbeck, werde nicht zu Al Qaida werden, denn sie lehne Gewalt ab. Trotzdem: „Wir sind für die Bauernlobby das Hassobjekt für alles, was in der Szene läuft, weil wir effektiv sind, weil wir das System ins Mark treffen.“

          Auch die Geflügelkonzerne manipulieren

          Die reißerischen Bilder, die nicht die ganze Realität zeigen, sondern Extremfälle, werden in Zeitungen gedruckt und sind im Internet zugänglich. Sie sind extrem, sie zeigen Wirkung. Mit Bildern manipulieren aber auch die Geflügelkonzerne, wenn sie ihre Billigfleischverpackungen mit grünen Wiesen und Almhöfen verkitschen.

          Tierrechtler kämpfen – anders als herkömmliche Tierschützer, die sich für bessere Haltungs- oder Transportbedingungen einsetzen – für eine Welt ganz ohne Schlachtungen, eine Welt der freien Tiere. So wie manche für die Emanzipation der Arbeiter kämpfen. Die Szene besteht längst nicht nur aus Peta. Es gibt Dutzende friedliche Bürgerinitiativen, die sich gegen den Bau von immer größer werdenden Schweineställen einsetzen. Sie empört, dass die Tiere immer hochgezüchteter sind, so kurz leben. Aber es gibt auch Extremisten jenseits von Peta. Sie ließen im Frühjahr 2010 in Brandenburg Tausende Nerze frei, die umherirrten und Hühner aus den Gärten rissen. Die Täter sympathisierten mit der Animal Liberation Front, Terroristen, die kein Gesicht haben, aber eine englischsprachige Website, auf der Menschen mit Sturmmasken zu sehen sind, die süße Welpen tragen.

          In Sprötze brannte der erste Hof

          In Deutschland versuchen Autonome in Wietze den Bau eines gigantischen Schlachthofs zu verhindern. Andere fackelten im Sommer in Sprötze nahe Lüneburg einen Stall ab. Dort sollten 36 800 Hühner einziehen. Der Hof war nicht versichert, Familie Eickhoff, Landwirte seit 200 Jahren, sah ihre Zukunft über Nacht in Flammen aufgehen. Ihr Verband half finanziell, in dieser Woche wurde der Stall mit gläsernem Besucherraum neu eröffnet. Seit kurzem schlagen nun die Bauern zurück. Geflügelkonzerne engagieren PR-Agenturen. Die Zeitschrift „Agrarmagazin“ hat eine Internetseite gebaut: „Stoppt den Terror gegen unsere Tierhalter.“

          Wort steht gegen Wort in diesem Kampf: Die Hühner leiden, sagen die Tierrechtler. Die Landwirte sagen: Sie leiden nicht, denn ein Huhn sieht, riecht und fühlt nicht wie ein Mensch. Die Tierrechtler sagen: Die Bauern vernachlässigen die Tiere. Die Gescholtenen wehren sich: Der Bauer habe doch gerade ein wirtschaftliches Interesse daran, dass seine Tiere gesund seien. Alles eine Mafia, entgegnen die Tierrechtler: Veterinäre, Bauern, ihre Anwälte. Unsinn, schallt es zurück, die Tierrechtsorganisationen seien eine eiskalte Mitleidsindustrie, Profi-Spendensammler. Der Konsument aus der Stadt, der außer Katz und Dackel mit Tieren nichts zu tun hat, kann sich schwer ein Bild von der Wahrheit machen.

          Nachts kommen die Ermittler

          Fahrt zu einem Bauernehepaar im Odenwald. Hier gibt es eine klare Meinung, wer die Wahrheit sagt und wer manipuliert. Die Eheleute Peter und Kathrin Seeger, Anfang dreißig, sitzen in ihrer Küche, über der Türschwelle hängt ein Kruzifix. Sie haben drei Kinder, fünf Ställe, acht Mitarbeiter, 800 Sauen und 4000 Mastschweine und müssen bei sinkenden Margen immer mehr Tiere halten, um den Verdienst zu halten. Die Schweine leben auf Beton in Buchten à 13 Tiere. Sie haben Platz, aber nicht viel Platz.

          Es kostet Kathrin und Peter Seeger Mut, von ihrem Fall zu erzählen. Viele Landwirte lehnen es ab, mit Journalisten zu sprechen, aus Angst, es könnten Tierrechtsaktivisten sein, die sich oft als Journalisten in die Ställe einschleichen. Wie im Fall der Seegers: Eines Tages stand die Veterinärin vom Amt am Stall, sie hatte ekelhafte Bilder zugespielt bekommen. Eines zeigte einen Kadaver, der von zwei Schweinen angefressen wird. Seegers erklärten: Eines von 1500 Schweinen im Stall sei nachts gestorben, und Schweine sind nun mal keine Vegetarier. Das zweite Bild zeigte eine überfüllte Bucht, 13 Schweine standen eng beieinander. Aber der Ausschnitt war so gewählt, dass die untere Hälfte der Bucht abgeschnitten war. Schweine rücken oft zusammen, um sich zu wärmen. Das dritte Bild zeigte wieder ein totes Schwein inmitten von lebendigen. Die Seegers sagen, es sei eindeutig aus einer Kadavertonne entnommen und in die Bucht gelegt worden, denn das Tier sei größer als die anderen. Das kann ein Laie wiederum nicht beurteilen. Die Tierrechtler liefern Bilder, aber wenige Erklärungen.

          Die Bauern sind sich keiner Schuld bewußt

          Die Veterinärin fand bei den Seegers nichts Gravierendes und ging. Stattdessen stand bald ein Kamerateam vor der Tür. Drei Fernsehsender berichteten, die Seegers hielten ihre Tiere schlecht. „Die Paranoia ist heute noch da. Bei jedem Anruf gibt mir mein Mann ein Zeichen, dass alles okay ist“, sagt Kathrin Seeger. Sie und ihr Mann, deren beider Eltern schon Bauern waren, sind sich keiner Schuld bewusst. Sie haben die gesetzlichen Vorschriften eingehalten, die sich seit Jahrzehnten verschärfen. Die Seegers erklären sich den Kleinkrieg mit den Tierrechtlern so: Auf der einen Seite stehen Landmenschen, die arbeiten wie seit Generationen, auf der anderen Seite neue urbane Eliten, die davon nichts verstehen.

          Vielleicht meinen sie damit Rudolf Steffen. Der Veganer lebt allerdings nicht in der Stadt, sondern noch abgeschiedener als die Bauernfamilie Seeger. Im verschneiten Mittelgebirge bei Hagen bewohnt er einen von drei Höfen, die einsam im Land liegen. Steffen hat mit seiner Freundin im Vorgarten einen Stall hergerichtet. Darin leben elf Hühner, die ihre Freunde aus Legebatterien entführt haben, das letzte wurde im Sommer gebracht. Die Hühner wackeln durch das Stroh, nennen ein Freigehege, Spielecken und eine Infrarotleuchte ihr Eigen. „Hertas WG“ steht auf der Tür. Sie erhalten Nudeln oder Reis zum Essen. „Jedes Huhn ist eine eigene Persönlichkeit“, sagt Rudolf Steffen. Über den Alltag der Hühner bloggen die Tierhalter: www.herta-huhn.de. Auf der Seite erzählen die Hühner von ihrem guten Leben „ohne Angst“. Weiter unten steht eine Traueranzeige: „In tiefer Trauer nehmen wir Abschied von einem Lebewesen, das uns so sehr am Herzen lag, und werden ihr immer gedenken. Du warst ein besonderes Huhn.“

          Letztlich wird der Fleischesser zum Mörder

          Rudolf Steffen betreibt auch die Seite tierrechtstermine.de, ein Portal für Aktivisten. Mindestens 5000 Mal wird die Seite am Tag aufgerufen. Ställe in Brand zu stecken, lehnt Steffen ab. Denn dabei müssten Tausende Insekten ihr Leben lassen. Aber mal mit einem Hammer Stalleinrichtungen zerschlagen, warum denn nicht? „Was wir machen, ist das Recht, und die Tiere einzusperren ist das Unrecht. Die Freiheit, Fleisch zu essen, wird heute noch höher gewertet als die Freiheit des Tieres zu leben.“

          Das ist eine Form der Ethik, die den Bauern Angst macht. Wenn das Tier das „Menschenrecht“ auf körperliche Unversehrtheit hat, wird der Mensch, der es ihm nimmt, schnell nicht nur zum Kriminellen, sondern zum Mörder. Die Weltanschauungen, die hier aufeinanderprallen, sind unvereinbar. Kein Wunder, dass sich der Konflikt radikalisiert.

          „Wie David gegen Goliath“

          Neben Rudolf Steffen sitzt Jürgen Foß, Physiker, Triathlet, Veganer. Als Student arbeitete er im Tierheim, eines Tages besichtigte er einen Schweinestall und war von der Enge und dem Gestank schockiert. Er wurde Vegetarier, lieh sich eine Videokamera, filmte verletzte Tiere, gab das Material dem TV-Sender Pro 7, der den Landwirt zur Rede stellte. Mehrmals im Jahr filmt Steffens jetzt mit Freunden heimlich nachts in Ställen, sie installieren Kameras und befreien auch Tiere. Mehrere Fernsehbeiträge im Jahr entstehen mit den Bildern, bei Fakt und im Report Mainz. Foß hat viele Missstände aufgedeckt. „Man muss sich ständig sagen lassen, ihr habt das reißerisch dargestellt, ihr habt manipuliert. Aber man findet halbtote Schweine, und einmal hing ein Huhn mit ausgekugeltem Schlegel an der Kralle an einem Metallteil“, sagt Foß, der Vorsitzender des Vereins Die Tierfreunde ist. „Wenn man sich dann von den Verursachern anhören muss, das ist alles manipuliert, dann geht das nahe. Da fühlen Sie sich wie David gegen Goliath.“

          Jürgen Foß ist ein freundlicher Pazifist, er lehnt jede Gesetzüberschreitung außer Hausfriedensbruch ab, er zeigt sein Gesicht. Und er träumt von der veganen Gesellschaft. Vielleicht macht so jemand den Tierhaltern mehr Angst, als die wenigen militanten Feuerteufel: der Humanist, der das Tier liebt wie den Menschen und auf allen Kanälen missioniert. Dass immer mehr Leute Mensch und Tier so sehen wie Foß, ist vielleicht die schlimmere Vorstellung für die Fleischindustrie als ein Kampf mit einzelnen Spinnern.

          Für die einen unschön, für die anderen ein Konzentrationslager

          Im Cloppenburger Land besichtigt am Ende die Reportergruppe auch einen Stall, in dem „schlachtreife“ Puten stehen. 5000 Puten gackern, es riecht unappetitlich. Das Bild wirkt für einen Fleischesser unschön, aber nicht empörend, die Tiere wirken gesund, haben Futter. Für einen Tierrechtler ist das hingegen ein Konzentrationslager.

          Ohne diese Ställe wäre Cloppenburg wohl so arm wie vor vierzig Jahren. Heute hat die Region die höchste Mercedesdichte nach Stuttgart. Hier will sich, abgesehen von der organisierten Rundreise des Verbandes, auf vielfache Nachfrage kein Bauer in seinen Viehstall gucken lassen. So wirkt es, als hätten sie Schreckliches zu verbergen. Kadaver, nackt gerupfte Hühner. Vielleicht haben sie aber nur Angst.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Will sich über Social-Media-Kanäle in China einen Namen machen: die Seniorin Wang Jinxiang bei einer Aufnahme in Peking.

          Hinter der Mauer : So anders ist das Internet in China

          In keinem Land der Welt sind so viele Menschen online wie im Reich der Mitte. Sie nutzen das Internet meist viel intensiver – doch sie sehen ein komplett anderes als wir in Europa.

          Haushaltsstreit : Trumps Vorschlag stößt auf wenig Gegenliebe

          Im wochenlangen Haushaltsstreit ist Präsident Trump mit einem neuen Vorschlag auf die Demokraten zugegangen – doch bei denen hält sich die Begeisterung in Grenzen. Trumps Gegenspielerin Pelosi sprach von einem „Rohrkrepierer“.
          Jetzt auch in Stuttgart angekommen: Bürger mit Gelbwesten demonstrieren gegen Fahrverbote für den Diesel.

          Demo in Stuttgart : „Ja zum Diesel“

          In Stuttgart haben rund 700 Menschen gegen das Fahrverbot für ältere Diesel demonstriert – und die Landesregierung damit in Sorge versetzt.
          Torschütze in der Jubeltraube: Axel Witsel (Mitte) erzielte den wichtigen Treffer für den BVB.

          1:0 in Leipzig : Dortmund macht völlig unbeeindruckt weiter

          Winterpause? Egal. Druck von den siegreichen Bayern? Egal. Borussia Dortmund bleibt mit sechs Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze der Bundesliga. In Leipzig kommt es zu einer spektakulären Schlussphase.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.