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Radikale Veganer : Die Tierschützer machen Ernst

  • -Aktualisiert am

Rudolf Steffen betreibt auch die Seite tierrechtstermine.de, ein Portal für Aktivisten. Mindestens 5000 Mal wird die Seite am Tag aufgerufen. Ställe in Brand zu stecken, lehnt Steffen ab. Denn dabei müssten Tausende Insekten ihr Leben lassen. Aber mal mit einem Hammer Stalleinrichtungen zerschlagen, warum denn nicht? „Was wir machen, ist das Recht, und die Tiere einzusperren ist das Unrecht. Die Freiheit, Fleisch zu essen, wird heute noch höher gewertet als die Freiheit des Tieres zu leben.“

Das ist eine Form der Ethik, die den Bauern Angst macht. Wenn das Tier das „Menschenrecht“ auf körperliche Unversehrtheit hat, wird der Mensch, der es ihm nimmt, schnell nicht nur zum Kriminellen, sondern zum Mörder. Die Weltanschauungen, die hier aufeinanderprallen, sind unvereinbar. Kein Wunder, dass sich der Konflikt radikalisiert.

„Wie David gegen Goliath“

Neben Rudolf Steffen sitzt Jürgen Foß, Physiker, Triathlet, Veganer. Als Student arbeitete er im Tierheim, eines Tages besichtigte er einen Schweinestall und war von der Enge und dem Gestank schockiert. Er wurde Vegetarier, lieh sich eine Videokamera, filmte verletzte Tiere, gab das Material dem TV-Sender Pro 7, der den Landwirt zur Rede stellte. Mehrmals im Jahr filmt Steffens jetzt mit Freunden heimlich nachts in Ställen, sie installieren Kameras und befreien auch Tiere. Mehrere Fernsehbeiträge im Jahr entstehen mit den Bildern, bei Fakt und im Report Mainz. Foß hat viele Missstände aufgedeckt. „Man muss sich ständig sagen lassen, ihr habt das reißerisch dargestellt, ihr habt manipuliert. Aber man findet halbtote Schweine, und einmal hing ein Huhn mit ausgekugeltem Schlegel an der Kralle an einem Metallteil“, sagt Foß, der Vorsitzender des Vereins Die Tierfreunde ist. „Wenn man sich dann von den Verursachern anhören muss, das ist alles manipuliert, dann geht das nahe. Da fühlen Sie sich wie David gegen Goliath.“

Jürgen Foß ist ein freundlicher Pazifist, er lehnt jede Gesetzüberschreitung außer Hausfriedensbruch ab, er zeigt sein Gesicht. Und er träumt von der veganen Gesellschaft. Vielleicht macht so jemand den Tierhaltern mehr Angst, als die wenigen militanten Feuerteufel: der Humanist, der das Tier liebt wie den Menschen und auf allen Kanälen missioniert. Dass immer mehr Leute Mensch und Tier so sehen wie Foß, ist vielleicht die schlimmere Vorstellung für die Fleischindustrie als ein Kampf mit einzelnen Spinnern.

Für die einen unschön, für die anderen ein Konzentrationslager

Im Cloppenburger Land besichtigt am Ende die Reportergruppe auch einen Stall, in dem „schlachtreife“ Puten stehen. 5000 Puten gackern, es riecht unappetitlich. Das Bild wirkt für einen Fleischesser unschön, aber nicht empörend, die Tiere wirken gesund, haben Futter. Für einen Tierrechtler ist das hingegen ein Konzentrationslager.

Ohne diese Ställe wäre Cloppenburg wohl so arm wie vor vierzig Jahren. Heute hat die Region die höchste Mercedesdichte nach Stuttgart. Hier will sich, abgesehen von der organisierten Rundreise des Verbandes, auf vielfache Nachfrage kein Bauer in seinen Viehstall gucken lassen. So wirkt es, als hätten sie Schreckliches zu verbergen. Kadaver, nackt gerupfte Hühner. Vielleicht haben sie aber nur Angst.

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