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Rabatte gegen Kundenangst : Der Trick mit der Mehrwertsteuer

  • -Aktualisiert am

Auf den ersten Blick: satte Rabatte Bild: ddp

Zum 1. Januar 2007 steigt die Umsatzsteuer von 16 auf 19 Prozent. Die Deutschen fürchten höhere Preise. Und die Händler nutzen die Angst der Verbraucher und versprechen hohe Rabatte. Viel wert sind sie aber nicht.

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          Wer will da schon widersprechen? „Steuerparadies betreten!“ befiehlt Peugeot seinen Kunden. Der französische Autohersteller schenkt kurz entschlossenen Käufern die Mehrwertsteuer. Nicht nur Peugeot gibt sich großzügig. Autohändler, Discounter und Drogerieketten fürchten, daß die Kunden fernbleiben, wenn zum 1. Januar 2007 die Umsatzsteuer von 16 auf 19 Prozent steigt. Ausgenommen davon sind allerdings die meisten Lebensmittel, Bücher und Zeitungen, die weiterhin nur mit sieben Prozent belastet werden.

          Die Händler appellieren an die Angst der Kunden vor hohen Preisen - und die ist groß. Die Bürger fürchten nichts so sehr wie die Teuerung; nicht einmal Arbeitslosigkeit oder Terror schrecken sie mehr. Das zumindest ist das Ergebnis einer Umfrage der R+V Versicherung. Viele Verbraucher rechnen mit vorzeitigen Preisaufschlägen, lange bevor die höhere Mehrwertsteuer greift.

          Drogerieketten waren bislang besonders dreist

          Einiges ist jetzt schon spürbar teurer geworden. Drogeriemärkte wie dm, Schlecker und Müller verlangen für bestimmte Kosmetika, Babynahrung und Hundefutter bis zu 50 Prozent mehr als noch vor wenigen Wochen. Das schürt das Mißtrauen der Konsumenten. Nur zu gut ist ihnen die Euro-Umstellung im Jahr 2002 in Erinnerung. 90 Prozent der Deutschen hatten damals das Gefühl, daß die Einführung des Euro für übertrieben hohe Preisaufschläge genutzt wurde. Die Statistiker wollten das Trauma - der Euro ist ein Teuro - zwar niemals so recht bestätigen, doch der Verdacht blieb haften. Kommt nach dem Teuro jetzt der Mehrwertsteuer-Hammer?

          Tatsächlich sind die Preise längst gestiegen. Bereits seit Jahresanfang beobachtet der Wirtschaftsinformationsdienst Preiszeiger, daß vieles teurer wird. Häufige Preisänderungen sind bei Lebensmitteldiscountern und Drogerieketten zwar an der Tagesordnung. Für gewöhnlich halten sich Erhöhungen und Senkungen jedoch die Waage. „In diesem Jahr weist die Zahl der Preiserhöhungen nach oben, die Zahl der Senkungen geht zurück“, sagt Andreas Breitbart, Geschäftsführer von Preiszeiger. Besonders dreist waren die Drogerieketten. Sie haben vor allem bei Artikeln zugelangt, die nicht so oft im Einkaufskorb landen: Parfüm kostet mehr, Toilettenpapier nicht. Deutlich billiger wurden hingegen Elektro- und Elektronikgeräte wie Staubsauger, Flachbildschirme und Fernseher.

          Aufsehenerregende Aktion setzt Branche unter Druck

          Die Verbraucher beruhigt das nicht. Ob der Preisanstieg nun „gefühlt“ ist oder echt, er verunsichert die Konsumenten. Sie wissen: Knapp 20 Milliarden Euro soll die Mehrwertsteuererhöhung bereits im kommenden Jahr in die Staatskassen spülen. In den Folgejahren hofft Bundesfinanzminister Peer Steinbrück sogar auf 23 Milliarden Euro. Zahlen müssen das alle, die etwas kaufen - egal ob Zahnpasta, Deo oder Auto. Nach Berechnungen aus dem Bundesfinanzministerium käme auf die Verbraucher eine monatliche Mehrbelastung von rund 29 Euro zu, falls der Handel die höhere Steuer komplett an die Kunden weiterreichte.

          Die Discounter reagierten prompt auf die Angst der Kunden. Aldi Süd und Aldi Nord bieten schon heute Preisgarantien für mehr als 200 Artikel an, die von der Mehrwertsteuererhöhung betroffen sein werden - vom Auerbach Sekt, über Kür Schaumfestiger bis hin zu Giada Feinstrumpfhosen. Die Kette verspricht, „unseren Kunden auch nach dem 31. Dezember 2006, die vertraute Preisstabilität zu garantieren“. Die aufsehenerregende Aktion setzt die gesamte Branche unter Druck. Norma zog schon nach, andere wie Penny und Lidl sehen sich unter Zugzwang.

          „Die Kuh ist nicht zu schlachten“

          Übernimmt nun Aldi die Mehrwertsteuererhöhung - oder wurden die Preise vorher schon klammheimlich angezogen? „Die Kuh ist nicht zu schlachten“, glaubt Preiszeiger-Chef Breitbart. „Aldi hat die Aktion im Sinne des Kunden gestaltet.“ Von den gut 200 betroffenen Artikeln seien nur rund 40 im Laufe des Jahres teurer geworden. Allerdings liegt auch Aldi im Trend der Discounter: In diesem Jahr wurden die Preise öfter erhöht und seltener gesenkt als im Vorjahr. Wie lange Aldi nun die Preise einfrieren will, ist offen.

          Von Preisaufschlägen können viele Autobauer nur träumen. Sie haben in den vergangenen Monaten ein wahres Feuerwerk an Rabattaktionen gezündet. Die jüngste Aktion: „Opel schenkt Ihnen die Mehrwertsteuer.“ Peugeot und Ford tun es auch. Sie wollen mit einem Rabatt in Höhe des aktuellen Mehrwertsteuersatzes von 16 Prozent einen Anreiz zum Kauf eines Neuwagens schaffen. Das Angebot ist weniger attraktiv, als es scheint. Offenbar bauen die Manager darauf, daß ihre Kunden zum Prozentrechnen zu blöd sind. Ein Nachlaß in Höhe der Mehrwertsteuer macht lediglich 13,79 Prozent aus. Denn die Umsatzsteuer wird nicht auf den Bruttopreis gerechnet, sondern auf den Nettopreis - und der ist kleiner.

          „16 Prozent Rabatt sind halt eine Menge“

          „Die geschenkte Mehrwertsteuer entspricht dem Preisnachlaß, den man auch durch geschicktes Verhandeln erzielen könnte“, schätzt ADAC-Experte Arnulf Volkmar Thiemel. Und Unternehmensberater munkeln, daß der durchschnittliche Rabatt für neue Autos sogar höher liege - bei rund 17 Prozent. Zudem gelten die Rabatte nur für wenige Wochen. Besonders begehrte Modelle wie der Astra Twin Top oder der neue Corsa sind ausgenommen. Dennoch funktioniert der Trick. „Seit dem Start der Mehrwertsteuer-Aktion sind die Auftragseingänge kräftig gestiegen“, sagt ein Opel-Sprecher.

          „16 Prozent Rabatt sind halt eine Menge“, erklärt Thomas Heilmann ganz lapidar den Erfolg dieser Preisstrategie. Der Chef der Werbeagentur Scholz & Friends glaubt: „Die Mehrwertsteuer liefert eine Pseudologik, warum man gerade jetzt Rabatt gibt.“ Heilman ist überzeugt: „Es werden noch mehr Aktionen kommen.“ Auch der große Preisschub kommt erst noch. „Die Preise wurden bislang nur zögerlich erhöht“, sagt Ulrich Zander, Geschäftsführer der Managementberatung Sempora. „Das geht jetzt erst so richtig los.“

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