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Quelle-Katalog : Das letzte große Buch des Konsums

Hübsch und praktisch, schick und apart: Quelle-Katalog Frühjahr/Sommer 1960 Bild:

Auf 1500 Seiten mehr als 80.000 Artikel. Das ist der Hauptkatalog des Versandhauses Quelle, der jetzt doch noch gedruckt wird. Er präsentiert eine untergegangene Konsumwelt: Was 1928 hochmodern war, ist 2009 nicht mehr zeitgemäß.

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          Die Druckfreigabe für einen Katalog ist für ein Versandhandelsunternehmen immer ein großes Ereignis. Jetzt zeigt sich, ob die eingekaufte Ware zu dem ausgeschriebenen Preis auch beim Kunden ankommt. Ohne Katalog keine Bestellungen und ohne Bestellungen kein Umsatz. Auch in Zeiten des Internets ist der Katalog kaum zu ersetzen. Selbst reine Internethändler überlegen, ob sie nicht ergänzend auch Kataloge herausgeben. Die bequeme Art und Weise des Blätterns in einem Katalog ist offenbar durch nichts zu ersetzen.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Früher waren aber gerade die großen Kataloge von Quelle, Neckermann oder Otto noch weit mehr. Sie waren, wie es pathetisch hieß, "Bibeln des Zeitgeistes". Sie waren das Warenhaus in gedruckter Form. Daher ist es auch kaum verwunderlich, dass mit dem Niedergang des klassischen Warenhauses und der traditionellen Enzyklopädie auch der Hauptkatalog der Universalversender in die Krise gekommen ist. Der Hauptkatalog ist jenes kiloschwere Buch des Konsums, das zweimal im Jahr in Millionenauflage in deutsche Haushalte gelangt und von A wie Aktenvernichter über B wie Bartschneider bis zu V wie Verhütungsmittel und Z wie Zimmerbrunnen keinen Wunsch der Konsumenten offenlässt.

          Zweimal jährlich auf 1500 Seiten mehr als 80.000 Artikel

          Zweimal im Jahr auf 1500 Seiten die ganze Welt des Konsums mehr als 80.000 Artikel auszubreiten war bis vor wenigen Jahren unumstritten State of the Art. Diese Hauptkataloge haben vor allem Quelle-Kunden mehr als achtzig Jahre begleitet. "Eine Fundgrube für jede Familie" und "Ein Führer durch die Sorgen des täglichen Lebens" war schon der erste Katalog betitelt, den das Versandhaus 1928 herausgab. Bereits dieser erste Katalog der Quelle bot 2500 Artikel auf 92 Seiten an.

          „Räumlich-plastisches Hören”: Quelle-Katalog Frühjahr/Sommer 1960
          „Räumlich-plastisches Hören”: Quelle-Katalog Frühjahr/Sommer 1960 :

          Firmengründer Gustav Schickedanz war zwar nicht der Erfinder des Versandhauskatalogs. Spezialversender für Tee oder Mode gab es seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Die Erfindung des Universalkatalogs über die gesamte Breite des täglichen Konsums kann der Firmengründer Schickedanz aber für sich in Anspruch nehmen.

          Und etwas Zweites war neu im deutschen Versandhandel. Schickedanz wandte sich mit seinem Quelle-Katalog nicht in erster Linie an den gutsituierten Kunden wie die Spezialkataloge zuvor. Er wandte sich bewusst an breite Bevölkerungsschichten, für die es bisher zum Kaufmann an der Ecke keine Alternative gab. Den unteren und mittleren Bevölkerungsschichten wollte Schickedanz hohe Qualität, moderne Technik und aktuelle Mode zu bezahlbaren Preisen bieten. Legendär wurde diese Philosophie in den sechziger und siebziger Jahren, als Quelle mit Kleidung des Modedesigners Heinz Oestergaard Mode vom Pariser Laufsteg ins Schwarzwald-Wohnzimmer brachte oder deutsche Haushalte mit Elektrogeräten der bekannten Quellemarke Privileg ausstattete.

          Ein Konzept der Massenversorgung

          Ein ähnliches Konzept der Massenversorgung verfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg auch Josef Neckermann. "Neckermann macht's möglich" wurde zu einem geflügelten Wort jener Aufbaujahrzehnte, als eine Familie aus dem Hauptkatalog auch Reisen buchen oder Fertighäuser kaufen konnte. Der Lyriker Hans Magnus Enzensberger empfand die Bedeutung der Hauptkataloge für den Konsum geradezu beängstigend. "Die Mehrheit unter uns hat sich für eine kleinbürgerliche Hölle entschieden, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint", schrieb er 1960 in einer Rezension eines Neckermann-Kataloges. Aus den Einkaufsbüchern der deutschen Haushalte würden Ethnologen dereinst genauere und fruchtbarere Schlüsse ziehen können als aus unserer Literatur, beklagte er.

          Das dürfte bald vorbei sein. Zwar hielt der vormalige Quelle-Chef Christoph Achenbach schon 2004 den großen Hauptkatalog, der sich in den Jahren der Weltwirtschaftskrise wie auch im Nachkriegsdeutschland vor allem durch seine sechsmonatige Preisgarantie einen Namen gemacht hatte und dadurch, dass er auch der Bevölkerung auf dem Land Zugang zu einem umfassenden Warenhaussortiment ermöglichte, für nicht mehr zeitgemäß.

          Vor allem hatte man festgestellt, dass die Kunden den Katalog nicht mehr wie in früheren Jahren sechs Monate im Haushalt als Einkaufsführer nutzen, sondern nach wenigen Wochen in die Ecke oder zum Altpapier legen. Aber dass eine Insolvenz der Auslöser dafür sein würde, dass noch ein letztes Mal ein Hauptkatalog auf Staatskosten erscheint, hätte sich Firmengründer Schickedanz nicht träumen lassen. Es wird künftig schwerer sein, sich über die Konsumwelt einer Epoche einen Überblick zu verschaffen. Nicht nur für Ethnologen.

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