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Quelle-Erbin Schickedanz : Verarmte Milliardärin

Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Arcandor-Konzern steckt tief in der Krise, die Banken machen Druck. Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz hat ihr Geld in Arcandor gesteckt und auf die Managerkünste von Thomas Middelhoff vertraut. Wenn das mal kein kapitaler Fehler war.

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          Im vergangenen Jahr gehörte Madeleine Schickedanz zu den reichsten Menschen dieser Welt. Auf der Milliardärsliste des amerikanischen Wirtschaftsmagazins „Forbes“ belegte sie Platz 142 - mit einem geschätzten Vermögen von 5,5 Milliarden Dollar.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Heute muss sich Schickedanz mutmaßlich mit einer Millionärsliste begnügen. Als Großeignerin des Handels- und Tourismuskonzerns Arcandor ist ihr Vermögen in den vergangenen Monaten zusammengeschmolzen wie Schnee in der Sonne. Auf Jahresfrist brach die Aktie des Unternehmens, das früher Karstadt-Quelle hieß, um mehr als 80 Prozent ein.

          Alleine am gestrigen Donnerstag verlor das Papier zeitweise fast ein Drittel. Der Börsenwert der von ihren Eltern Grete und Gustav groß gemachten Firma beträgt inzwischen mickrige 650 Millionen Euro. Schickedanz hat seit 2004 ihr Engagement beständig aufgestockt. Der auf ihren Namen laufende Stimmrechtspool hält die Mehrheit der Arcandor-Aktien. Das dürfte sie inzwischen mehr als bereuen.

          Madeleines Eltern: Grete und Gustav Schickedanz

          Wie fühlt man sich, wenn die Milliarden zerrinnen?

          Wer wissen will, wie man sich fühlt, wenn die eigenen Milliarden an der Börse zerrinnen, bekommt – wie häufig – keine Antwort. Nein, Frau Schickedanz sei nicht zu sprechen, richtet ihre langjährige Büroleiterin Marianne Kreß am Telefon im fränkischen Fürth aus. Und klingt gar nicht fröhlich dabei.

          In den seltenen Fällen, wenn Schickedanz doch mal antwortet, dann geht das nicht telefonisch und nicht via Mail, sondern traditionsbewusst per Brief. Meist freundlich und verbindlich im Ton, nichtssagend in der Sache – im wahrsten Sinne des Wortes. Informationen zum Geschäft gibt es nicht, reden mag sie allenfalls über ihre Kinderkrebs-Stiftung, die sie nach der Leukämie-Erkrankung ihrer Tochter Caroline gründete. Schickedanz, die am 20. Oktober 65 Jahre alt wird, wird mutmaßlich auch dieses Fest weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit feiern. „Ich bin niemand für die Öffentlichkeit“, hat sie einmal klargestellt.

          Das hat möglicherweise damit zu tun, dass Schickedanz in einem Umfeld aufwuchs, das sie nicht unbedingt inspirierte, ins Rampenlicht zu drängen. Zu ihrer Mutter Grete, die jahrelang die Kunden im Quelle-Katalog leutselig persönlich begrüßte, gab sie vor Jahren folgendes zu Protokoll: „Es ist sehr schwierig, wenn man eine Übermutter hatte wie ich, ein ebenbürtiger Gegenpart zu sein.“ So hat offenbar in Schickedanz auch niemand das Unternehmer-Gen aktiviert. Sie studierte zwar ein paar Semester Betriebswirtschaft – aber um das seinerzeit größte Versandhaus Europas, Quelle, kümmerten sich nach dem Tod der Eltern die Männer.

          Kein Glück mit den Männern - privat und geschäftlich

          Ihre Männer. Zuerst Hans-Georg Mangold (der nach der Scheidung die Konzernführung wieder verlassen musste), dann Wolfgang Bühler (dessen Karriere 1997 ebenfalls abrupt endete, als die Ehe in die Brüche ging). In dritter Ehe ist sie mit Leo Herl verheiratet – er führt die Madeleine Schickedanz Vermögensverwaltungs GmbH & Co. KG und gehört dem Arcandor-Aufsichtsrat an.

          Mit ihren Männern habe sie kein Glück, sagen Menschen, die Madeleine Schickedanz nahestehen, und meinen die private Ebene. Muss man heute zufügen: auch die geschäftliche? Bei der Bestellung von Thomas Middelhoff – erst zum Chef des Aufsichtsrates, dann zum Vorsitzenden des Karstadt-Quelle-Vorstands – gilt sie als entscheidende Strippenzieherin. Der Sonnyboy unter Deutschlands Managern erzählte oft genug gut gelaunt, er habe Karstadt am „Rand des Abgrundes“ übernommen und inzwischen sei die Sanierung endgültig geglückt.

          Wenn es bloß so wäre. Vor wenigen Tagen konstatierte er gewisse „Anspannungen“, das Ergebnisziel zu erreichen - und das machte die Börsianer bereits ziemlich nervös.

          Ein Kommunikationsdesaster erster Güte

          In dieser Woche schließlich folgte ein Kommunikationsdesaster erster Güte. Zunächst ließ der Manager einen Bericht der F.A.Z. dementieren, Arcandor stehe im Zuge seiner Kreditverhandlungen mit einem Bankenkonsortium unter erheblichem Druck und müsse sich deshalb möglicherweise von einem Teil seiner Beteiligung am Tourismuskonzern Thomas Cook trennen. Dann überraschend eine Klarstellung: Die Struktur der Holding müsse im Rahmen der Vereinbarung überprüft werden. Das könne auch die Reduzierung der Beteiligungen an den Tochtergesellschaften Karstadt und Thomas Cook beinhalten. Glaubwürdigkeit sieht anders aus, sagten sich die Anleger, und so rauschte der Kurs erneut in die Tiefe.

          Madeleine Schickedanz legt hohen Wert auf Glaubwürdigkeit. Es dauert lange, bis sie jemandem ihr Vertrauen schenkt, sagen Bekannte. Wie das Verhältnis zu ihrem „Mann“ Middelhoff inzwischen aussieht, darüber lässt sich nur spekulieren.

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