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Quartalszahlen enttäuschen : Amazons Rekordserie reißt

Das niedrige Gewinnwachstum erklärt sich unter anderem mit deutlich gestiegenen Kosten – unter anderem für die Prime-Lieferung. Bild: Reuters

Der Online-Händler enttäuscht mit seinem Gewinn und zeigt sich auch in seinem Ausblick vorsichtig. Dafür gibt es aber einen triftigen Grund.

          Amazons Serie von Rekordergebnissen ist gerissen. Der amerikanische Online-Händler hat vier Quartale in Folge den jeweils höchsten Nettogewinn in seiner Geschichte ausgewiesen. Das gelang ihm in den vergangenen drei Monaten nicht. Auch mit Blick auf die Gewinnentwicklung im dritten Quartal zeigte er sich vorsichtig. Als wesentlichen Grund dafür führte er eine strategische Weichenstellung in der Logistik an, von der die Kunden profitieren.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Amazon arbeitet daran, sein Versandangebot „Prime“ attraktiver zu machen, indem dessen Abonnenten eine Auslieferung ihrer Bestellungen innerhalb von einem anstatt bisher zwei Tagen versprochen wird. Auf dem amerikanischen Heimatmarkt hat Amazon damit im vergangenen Quartal begonnen, und in den kommenden Quartalen soll die Auslieferung auch im Ausland beschleunigt worden. „Prime“-Kunden in bestimmten Regionen bekamen auch bislang schon einige ihrer Bestellungen schneller als in zwei Tagen, oft sogar schon am gleichen Tag. Mit der Umstellung will Amazon das eintägige Zeitfenster zum Standard für Bestellungen machen, die bislang zwei Tage in Anspruch nahmen.

          Diese Umstellung hat offenbar zwei Seiten. Sie ist teuer, aber sie scheint sich auch positiv im Geschäft niederzuschlagen. Denn Amazon konnte im vergangenen Quartal sein Umsatzwachstum beschleunigen, und Finanzvorstand Brian Olsavsky führte dies in einer Telefonkonferenz zum großen Teil auf schnellere Belieferung zurück. Das Angebot bewege Kunden dazu, bei Amazon zu bestellen anstatt anderswo einzukaufen. Es habe aber im vergangenen Quartal auch höhere Kosten verursacht als zunächst gedacht.

          Bei der Vorlage der letzten Geschäftsergebnisse hatte Olsavsky Investitionen von 800 Millionen Dollar für das verbesserte Versandangebot im zweiten Quartal vorausgesagt, der Betrag sei aber am Ende höher ausgefallen. Auch für das dritte Quartal stellte er erhebliche Kosten in Aussicht, zumal die Umstellung außerhalb Amerikas gerade erst beginne.

          Amazons Ausgaben steigen

          Olsavsky sagte, solche Veränderungen in der Logistik verursachten zunächst einen „Schock für das System“, etwa weil Waren innerhalb des Distributionsnetzes bewegt werden müssten, damit sie näher am Kunden sind. Ähnliche logistische Herausforderungen habe es gegeben, als das „Prime“-Angebot für Auslieferung in zwei Tagen eingeführt worden sei, oder als der Konzern sein Sortiment um neue Produktkategorien erweitert habe. Im Laufe der Zeit habe es das Unternehmen aber jedes Mal geschafft, die veränderten logistischen Prozesse mit Blick auf die Kosten effizienter zu machen.

          „Prime“-Kunden bekommen bei Amazon neben schnellerem Versand auch eine Reihe anderer Leistungen, darunter Zugang zu einem Online-Videodienst nach dem Vorbild von Netflix oder exklusive Sonderangebote, zum Beispiel bei der zum Unternehmen gehörenden Supermarktkette Whole Foods.

          Jenseits der Logistik hat Amazon im vergangenen Quartal auch für andere Dinge deutlich mehr Geld ausgegeben. Beispielsweise stiegen die Marketingaufwendungen um 48 Prozent. Olsavsky begründete dies mit dem Ausbau des Marketing- und Vertriebspersonals bei Amazon Web Services, der Sparte für „Cloud Computing“, sowie mit höheren Werbeausgaben rund um Inhalte des „Prime“-Videodienstes.

          Insgesamt meldete Amazon für das zweite Quartal einen Nettogewinn von 2,6 Milliarden Dollar. Das übertraf zwar den Vorjahreswert um vier Prozent, lag aber deutlich unter dem Gewinn von 3,6 Milliarden Dollar im ersten Quartal. Der Gewinn je Aktie von 5,22 Dollar war um 35 Cent niedriger als von Analysten erwartet. Der Umsatz stieg um 20 Prozent auf 63,4 Milliarden Dollar und lag damit über den von Analysten erwarteten 62,5 Milliarden Dollar. Für das erste Quartal hatte Amazon ein Wachstum von 17 Prozent ausgewiesen.

          Starke Cloud-Sparte AWS

          Der Bericht für die vergangenen drei Monate weckt Erinnerungen an die Zeit, als Amazon regelmäßig geringe oder gar keine Gewinne auswies und dies mit hohen Investitionen begründete. Ein gewichtiger Unterschied ist jetzt aber, dass der Konzern sich auf seine Cloud-Sparte AWS stützen kann, die schnell wächst und überdurchschnittlich profitabel ist. Ihr Umsatz stieg im vergangenen Quartal um 37 Prozent auf 8,4 Milliarden Dollar, und ihr Betriebsergebnis um 29 Prozent auf 2,1 Milliarden Dollar. AWS stellt Unternehmen, die ihre Informationstechnik ins Internet verlagern wollen, Computerkapazitäten und eine Reihe damit verbundener Dienstleistungen zur Verfügung.

          Amazon.com

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          Auch andere Geschäfte entwickelten sich gut. In der Sparte mit „anderen Aktivitäten“, die vor allem aus Werbung besteht, stieg der Umsatz um 37 Prozent auf 3,0 Milliarden Dollar. Hier konkurriert Amazon mit Unternehmen wie Google oder Facebook. In Amazons stationärem Handel rund um Whole Foods stagnierten die Umsätze dagegen bei 4,3 Milliarden Dollar.

          Für das dritte Quartal sagte der Konzern zwar abermals ein deutliches Umsatzwachstum voraus, mit Blick auf den Gewinn zeigte er sich aber vorsichtig. Er rechnet mit einem Betriebsergebnis zwischen 2,1 Milliarden und 3,1 Milliarden Dollar, womit er unter dem Vorjahreswert von 3,7 Milliarden Dollar bleiben würde. Der Aktienkurs von Amazon verlor nach der Vorlage der Zahlen im nachbörslichen Handel zunächst fast drei Prozent an Wert, konnte aber einen Teil dieser Verluste im Laufe der Telefonkonferenz wieder wettmachen.

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