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Qatars Fußball-WM : Deutsche Unternehmen im Abseits

  • -Aktualisiert am

Ekstase am Golf: In Dohas Straßen nach der WM-Vergabe im Dezember 2010 Bild: dpa

Qatar? Ungeeignet als WM-Ausrichter. Sagt der neue DFB-Präsident Niersbach. Jetzt ruft die qatarische Tageszeitung „Al Raya“ zum Boykott gegen deutsche Unternehmen auf.

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          Was war das für eine Sensation, als der Wüstenstaat Qatar die Fußball-Weltmeisterschaft fürs Jahr 2022 zugesprochen bekam. Noch nie zuvor hatte eine Veranstaltung dieser Größenordnung in einem solch kleinen Land stattgefunden, das gerade mal die halben Ausmaße Hessens hat.

          Die Entscheidung des internationalen Fußball-Verbandes Fifa war zwar hoch umstritten, weckte aber auch vielerlei Hoffnungen. So rechnete sich die deutsche Wirtschaft gute Chancen aus, über das Megaprojekt die Geschäfte mit dem reichen Emirat auf breiter Basis voranzutreiben. Schon war die Rede von einer deutschen WM.

          Nicht mal anderthalb Jahre später ist die Goldgräberstimmung getrübt. Zumindest gibt es derzeit erhebliche Irritationen. So rief die qatarische Tageszeitung „Al Raya“ gerade zum Boykott gegen deutsche Unternehmen auf. Sie verdienten es nicht, an den WM-Projekten beteiligt zu werden, schrieb der Kommentator.

          Ähnlich enttäuscht stimmte der Präsident des Fußballverbandes Qatars in die Kritik mit ein, der immerhin Mitglied des herrschenden Al-Thani-Clans ist. Der Grund für die Empörung war eine Interviewaussage des neuen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, der keinen Hehl daraus machte, dass er das kleine Emirat nicht als einen geeigneten Ort für ein so bedeutendes WM-Turnier hält - schon gar in der sommerlichen Wüstenhitze.

          Beteiligungen an VW, Porsche, Hochtief

          Deutsche Vertreter am Golf und Wirtschaftslobbyisten sind über solche Äußerungen verärgert, sorgen sie doch aus ihrer Sicht nur für unnötige Spannungen. „Die deutsche Wirtschaft steht für Qualität, Verlässlichkeit und ein hohes Maß an Solidität. Plakative Aussagen wie die Kritik deutscher Fußballfunktionäre am WM-Standort Qatar werden hier deshalb mit Befremden wahrgenommen. Wir können sagen, dass Qatar ein innovativer und kultivierter Standort ist“, kontert Yasmin Fürstmann.

          Sie ist Vertreterin der Deutschen Auslandshandelskammer in der Hauptstadt Doha. Von einer Eiszeit in der Wüste will sie trotz der aktuellen Dissonanzen aber nicht sprechen. „Das Business-Potential für deutsche Unternehmen ist hier enorm hoch. Das gilt nicht nur für Konzerne, sondern auch für mittelständische Unternehmen, insbesondere in bestimmten Nischen. Deutsche werden hier sehr geschätzt“, sagt Yasmin Fürstmann. Schließlich sind die Qatarer über ihren Staatsfonds an VW, Porsche oder auch Hochtief beteiligt.

          Die Olympia-Bewerbung wird forciert

          So bleibt die Hoffnung, dass sich die Wogen am Golf bald wieder glätten. 190 Milliarden Dollar will das Emirat, das hinter Russland und Iran über die drittgrößten Erdgasvorkommen der Erde verfügt, bis 2022 in seine Infrastruktur investieren.

          Als wäre dies nicht schon genug, forciert das Herrscherhaus der Al Thanis im Moment auch noch die Bewerbung Dohas für Olympia 2020. Aus der Stadt soll die Metropole der Zukunft werden. Es geht um ultramoderne Stadien, riesige Veranstaltungshallen, Highways, den Ausbau des Airports, die Verlagerung des Hafens, eine Metro, ein Schnellbahnnetz oder auch die Seebrücke nach Bahrein.

          Konzerne wie die Deutsche Bahn, Thyssen-Krupp, Siemens oder Hochtief befinden sich schon aussichtsreich im Rennen. Aber im Buhlen um die Aufträge sind für die Deutschen störende Kommentare aus der Heimat wohl nur das kleinste Problem.

          „Engländer und Amerikaner bemühen sich intensiv“

          Vielmehr wird die Konkurrenz im Milliardenspiel größer und größer. „Gerade angloamerikanische Unternehmen haben derzeit einen deutlichen Vorteil bei den kommenden Auftragsvergaben. Einerseits greifen die Qatarer bevorzugt auf Firmen, Organisationskomitees und Verbände zu, die bei den letzten Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften bereits aktiv waren. Andererseits bemühen sich diese zusammen mit ihren nationalen Regierungen und Botschaften sehr intensiv um diesen qatarischen Markt“, sagt Tilman Engel.

          Er hat vor einigen Jahren die qatarische Fußballliga mit aufgebaut. Mit seiner Frankfurter Agentur SBC International unterstützt er gerade zwei deutsche Unternehmen beim Markteintritt in Qatar und berät das Olympische Komitee des Landes bei einigen Projekten.

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          Zudem versucht er, akademische Partnerschaften mit der staatlichen Universität Qatars und Unternehmenspraktika für Studenten aus dem Emirat zu vermitteln. Engel weist darauf hin, wie sich derzeit ranghohe Sportbusiness-Delegationen vor allem aus den Vereinigten Staaten, England und Australien beim WM-Organisationskomitee für 2022 die Klinke in die Hand geben.

          „Viele Projektaufträge werden von diesen reichlich vorhandenen Großevent-Experten gestaltet und positioniert“, sagt er und sieht Nachholbedarf auf deutscher Seite. Die Auslandshandelskammer hält deutsche Unternehmen an, doch „selbstbewusster“ auf ihre Stärken hinzuweisen.

          Eine extreme Verschärfung des Wettbewerbs stellt auch der Vertreter des Frankfurter Büros Albert Speer & Partner fest. Die Architekten und Spezialisten für Stadt- sowie Verkehrsplanung hatten im Auftrag der Qatarer mit zwei deutschen Partnerfirmen die erfolgreiche Bewerbung für die Fußball-WM zusammengestellt und auch die meisten Stadionvorhaben gestylt. Seither ist man ständig in Kontakt mit den zuständigen Stellen im Emirat.

          Vor allem hinter den Kulissen passiere viel, sagt Joachim Schares, Mitglied der Geschäftsleitung von Speer & Partner. „Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir auch bei der Umsetzung der Projekte ein bevorzugter Partner für die Qatarer sein werden. Wir haben hier auch das Wort der Handelnden - frei nach dem Motto: never change a winning team.“

          Gerade war das Frankfurter Büro an neuen Planungsschritten beteiligt. Auch bei Schares stößt die WM-Kritik an Qatar auf Unverständnis. „Es wäre allen geholfen, die Diskussion mehr inhaltlich und sachbezogen zu führen. Für alle vermeintlichen Problembereiche liegen Lösungskonzepte vor“, sagt er.

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