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Psychische Krankheiten : Die Wirtschaft entdeckt den Burn-out

Hohe Ansprüche: Gerade Leistungsträger sind es, die vom Burn-out betroffen sind Bild: dpa

Psychische Krankheiten verursachen Kosten in Milliardenhöhe. Die Unternehmen beginnen umzudenken. Sie müssen etwas tun, um ihre Leistungsträger zu halten.

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          Wenn Politiker entscheiden könnten, wäre das Jahr 2011 zum Jahr der Pflege geworden. Das war zumindest der Plan von FDP-Chef Philipp Rösler, als er noch Bundesgesundheitsminister war. Verfolgt man dagegen Medienberichte, wird es eher das Jahr des Burn-outs sein. Die Titel von Magazinen locken regelmäßig mit dem brisanten Psycho-Thema. Nachdem der Schalker Fußballtrainer Ralf Rangnick freiwillig seinen Job aufgab, zerrte das Fernsehen auch den einstmals depressiven Skispringer Sven Hannawald wieder vor die Kameras. Gewerkschaften warnen vor den hohen Kosten, und besonders in den Großstädten finden reihenweise Informationsveranstaltungen statt.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Glaubt man den Daten der Krankenkassen, ist der Anteil der Frühverrentungen durch psychische Erkrankungen heute zweieinhalbmal so hoch wie Mitte der neunziger Jahre. Fällt ein Mitarbeiter wegen Mobbings, Burn-outs oder einer Depression aus, muss der Arbeitgeber durchschnittlich 30 Tage auf ihn verzichten - gegenüber 17 Tagen bei anderen Erkrankungen. Der Prüfkonzern Dekra bezifferte den jährlichen Schaden für die deutsche Wirtschaft durch Ausfallzeiten am Donnerstag auf 43 Milliarden Euro. Statt Knochenbrüchen und Quetschungen seien in zunehmendem Maß Burn-out und innere Kündigung die Gründe, hieß es.

          Der Bedarf wächst

          In der akademischen Welt dagegen wird die Sache etwas nüchterner betrachtet. „Studien zeigen eine leicht zunehmende Tendenz. Das hat auch mit gesellschaftlichen, insbesondere beruflichen Stressfaktoren zu tun“, sagt Niels Bergemann, Chefarzt der auf psychische Erkrankungen spezialisierten Schön Klinik in Bad Arolsen. „Wir dürfen sie aber auch nicht überbetonen: Wenn wir sensibilisierter sind, erkennen wir auch mehr.“ In seiner Klinik nimmt er Patienten für mehrere Wochen stationär auf, die in Therapien lernen, mit ihren eigenen Leitsätzen besser klarzukommen. Von den jährlich 2500 Patienten in der Klinik hat zwischen einem Viertel und einem Drittel einen Burn-out. Die Abgrenzung fällt schwer, weil Burn-out nicht als eigene Diagnose anerkannt ist, sondern als Beschreibung eines Kontexts gilt.

          Die Arbeitgeber entlastet Bergemanns Aussage allerdings nicht. In vielen Studien wird ein Zusammenhang zur wachsenden Arbeitsverdichtung hergestellt. Und die Unternehmen beginnen, darauf zu reagieren. „Burn-out ist in vielen Betrieben ein Dauerthema. Vor allem unter Führungskräften wächst die Hilflosigkeit“, sagt Beate Landis, die das Produktmanagement der IAS-Gruppe leitet. Eine Tochtergesellschaft ist eine Ausgründung der Deutschen Bahn, die Unternehmen auf drei Ebenen berät: im persönlichen Stressmanagement, in der Optimierung von Arbeitsprozessen und -orten und in der Systemprävention. Das sind Analysen, wie Unternehmen etwa Leitlinien und Anreize ändern können, um den psychischen Druck auf ihre Mitarbeiter zu verringern.

          Der Bedarf wächst. Die Commerzbank etwa holte sich nach dem Ausbruch der Finanzkrise Hilfe bei der IAS-Gruppe. Verkehrsunternehmen, Logistiker und Genussmittelhersteller zählen zu den Kunden. „Unternehmen machen sich langsam klar, wie wichtig das Thema ist, nachdem sie durch Kostenersparnis die Möglichkeiten für Produktivitätssteigerungen ausgereizt haben“, sagt Andrea Gensel von der Unternehmensberatung Job-Campus & Carpediem24. Seit acht Jahren bietet sie bundesweit einmalig die zweisemestrige Fortbildung „Betriebspsychologie für Führungskräfte (IHK)“ an. Seit zwei Jahren wächst die Nachfrage rasant. Vom Volksbank-Vorstand bis zur Schulleiterin reicht die Palette ihrer Kunden.

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