https://www.faz.net/-gqe-99awt

Streit um Sanierung : Politiker springen Opel-Belegschaft bei

Wir sind Opel: Beschäftigte protestieren am Donnerstag im Werk in Eisenach. Bild: EPA

Im Werk in Rüsselsheim könnten tausende Arbeitsplätze gefährdet sein. Die Mitarbeiter wollen sich den Spardruck nicht gefallen lassen. Und erhalten prominente Hilfe.

          Im andauernden Konflikt um Investitionszusagen für den deutschen Autohersteller Opel haben sich am Donnerstag mehrere Politiker auf die Seite der Arbeitnehmer gestellt. „Deutsches Recht gilt, und Tarifverträge sollen vor Erpressung und Willkür schützen“, wandte sich der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) über den Kurznachrichtendienst Twitter an den Opel-Eigentümer PSA Peugeot Citroën. Eine Sprecherin von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sagte,  der Minister habe ein großes Interesse an einer nachhaltigen Perspektive für Opel und seine Beschäftigten.

          Schon am Mittwoch hatte Bundeskanzlerin Merkel (CDU) PSA an die Zusagen erinnert, die das französische Unternehmen im Rahmen der Übernahme von Opel im vergangenen Jahr gegeben hatte. „Wir erwarten jetzt erst mal von dem Unternehmen, dass es all das, was es versprochen hat, auch einhält“, sagte Merkel. Ihr zufolge führen Wirtschaftsminister Altmaier und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) dazu derzeit Gespräche an Opel-Standorten. An einem Treffen mit den beiden Ministern wollte der PSA-Vorstandsvorsitzende Carlos Tavares zuletzt aber wohl nicht teilnehmen.

          Seit mehreren Wochen läuft bei Opel eine Auseinandersetzung zwischen dem Eigentümer PSA, der deutschen Geschäftsführung und den Arbeitnehmervertretern sowie der Gewerkschaft IG Metall. Dabei geht es vor allem um die Frage, welche Autos die Mitarbeiter der zwei deutschen Werke in Rüsselsheim und Eisenach künftig herstellen sollen. Während PSA und Opel anderen europäischen Standorten, etwa in Spanien oder in  Großbritannien, schon konkrete Produktzusagen gegeben haben, steht diese für die deutschen Werke noch aus. Davon hängt auch ab, wie es in der Komponentenfabrik in Kaiserslautern weitergeht. Im Laufe des Konflikts hatte die Geschäftsführung die Investitionsentscheidungen davon abhängig gemacht, dass die Mitarbeiter vorerst auf die tariflich vereinbarte Lohnerhöhung in Höhe von 4,3 Prozent verzichten.

          Investitionsentscheidung verschoben

          Die Arbeitnehmervertreter hatten dies aber vehement abgelehnt und darauf gepocht, dass PSA die Tarifverträge einhält. Am Montag hatte Opel-Chef Michael Lohscheller allen 19.000 deutschen Mitarbeitern dann mitgeteilt, dass die Lohnerhöhung nun freigegeben sei und mit dem Aprilgehalt überwiesen werde, Opel aber gleichzeitig die Investitionsentscheidung für das Werk Eisenach aufschiebe. Aus Kreisen der Gewerkschaft war zu hören, dass 800 der 1800 Arbeitsplätze gefährdet seien, sollte PSA kein weiteres Auto an den thüringischen Standort vergeben.

          In mehreren Betriebsversammlungen informierten die Arbeitnehmervertreter am Donnerstagnachmittag die Opel-Belegschaft über den Stand der Verhandlungen. In Rüsselsheim waren dem Vernehmen nach mehrere Tausend der insgesamt rund 15.000 Mitarbeiter anwesend. Wie Teilnehmer berichteten, gab sich der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Wolfgang Schäfer-Klug auf der Veranstaltung kämpferisch. Er warf der Opel-Geschäftsführung vor, die vereinbarte Gehaltserhöhung nicht nur stunden, sondern sogar ganz ausfallen lassen zu wollen.

          Weiter führte er aus, das Opel-Management habe in den Verhandlungen nicht darlegen können, dass der eingeforderte Gehaltsverzicht grundlegend sei, um die Sparziele von Opel und PSA zu erreichen. Zudem ist es laut Schäfer-Klug auch für den Standort Eisenach möglich, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen und die Kosten zu senken, ohne dabei in Tarifverträge einzugreifen. Wie die „Wirtschaftswoche“ berichtete, könnte auch in Rüsselsheim ein drastischer Personalabbau drohen. Das Entwicklungszentrum am Opel-Stammsitz könnte demnach in zwei Jahren nur noch 4000 bis 5000 Mitarbeiter brauchen. Derzeit arbeiten dort 7700 Menschen.

          Zeichnet sich ein Kompromiss ab?

          Ganz verfahren scheint der Konflikt bei Opel noch nicht zu sein, denn der Gesamtbetriebsratsvorsitzende signalisierte dem Vernehmen nach auch Gesprächsbereitschaft und deutete an, die Arbeitnehmer seien auch für weitere Zugeständnisse offen, wenn die Opel-Geschäftsführung einen langfristigen und konkreten Zukunftsplan vorlegen würde. Auch Opel ist gesprächsbereit, wie Opel-Chef Michael Lohscheller am Montag in einer Botschaft an die Mitarbeiter versicherte. Ob und wann es zu weiteren Gesprächen kommt, ist derzeit aber unklar.

          Opel befindet sich im Moment in einem Sanierungsprozess. Unter dem alten Eigentümer, General Motors, hat das Unternehmen fast 20 Jahre lang nur Verluste geschrieben, der letzte Jahresgewinn stammt aus dem Jahr 1999. Nach der Übernahme im vergangenen Jahr hatte der neue Eigner PSA angekündigt, in großem Umfang Kosten sparen zu wollen, und dabei vor allem an den Arbeitskosten angesetzt. Bis zum Jahr 2020 soll das Unternehmen den Plänen zufolge eine operative Rendite von 2 Prozent erwirtschaften.

          Weitere Themen

          Hilfe für Investoren in Afrika

          Vereinte Nationen in Bonn : Hilfe für Investoren in Afrika

          Die Vereinten Nationen sind mit 20 Organisationen in Bonn vertreten. Vor zwei Jahren hat die für industrielle Entwicklung zuständige UNIDO hier die Arbeit aufgenommen. Ihr Investitions- und Technologieförderungsbüro nimmt vor allem Afrika in den Fokus.

          Topmeldungen

          Passagiere des insolventen Reisekonzerns Thomas Cook am Flughafen von Palma de Mallorca.

          Thomas Cook ist pleite : Was Reisende jetzt wissen müssen

          Die Insolvenz des britischen Reisekonzerns Thomas Cook verunsichert Tausende von Urlaubern. Geht mein Geld verloren? Wie sicher ist das Absicherungsversprechen? Die wichtigsten Fragen und Antworten für Reisende.
          Volkstribun? Der Landesvorsitzende der AfD in Brandenburg, Andreas Kalbitz

          Populismus : Die da oben

          Populisten geben sich gerne als Männer und Frauen des Volkes. Am Beispiel der AfD kann man jedoch sehen: Kritiker der „Elite“ sind meist elitärer, als ihre Rhetorik vermuten lässt.
          Glitzernde Autoshows wollen die Marketingstrategen der Firmen nicht mehr.

          War’s das mit der IAA? : Dilettanten am Steuer

          Wie ruiniert man eine IAA? Man nehme streitende Konzerne, einen Frankfurter Oberbürgermeister und einen hilflosen Verband. Schadenfreude? Ist nicht angebracht. In Deutschland sollten die Alarmglocken schrillen.
          Das Mercedes-Benz Logo auf dem Turm des Hauptbahnhofes in Stuttgart.

          Brandbrief : Daimler-Vorstand rüttelt die Belegschaft wach

          Der Daimler-Vorstand Ole Källenius will mit einem Brandbrief seine Führungskräfte wachrütteln: Daimler will kurzfristig mindestens 4,2 Milliarden Euro einsparen. Die Mitarbeiter sollen selbst Ideen dafür finden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.