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Prozessauftakt : Piraten in Hamburg!

Bild: FAZ.NET

Erstmals seit 400 Jahren stehen in Hamburg am Montag wieder Piraten vor Gericht. Sie stammen aus Somalia, wo das Geschäft mit der Seeräuberei blüht.

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          Die Bilder gleichen einem blutrünstigen Videospiel. Ein Hubschrauber steht über einem Containerschiff in der Luft, jagt Maschinengewehrsalven übers Deck. Ein Sturmkommando seilt sich ab, geht auf dem Frachter in Stellung. Die Helmkamera zeigt die Perspektive eines der Soldaten, zeigt alles, was ihm vor den Gewehrlauf kommt. Schreie gellen, Schüsse knallen, dann treten dünne dunkelhäutige Männer mit erhobenen Händen hervor: Die Piraten haben sich ergeben. Das Schiff ist befreit.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Dies ist kein Spiel, sondern die Realität am Morgen des 5. April dieses Jahres, des Ostermontags. Niederländische Truppen haben soeben den deutschen Containerfrachter „Taipan“ und seine Crew aus der Hand von zehn somalischen Freibeutern befreit. Die Marinesoldaten haben den Einsatz gefilmt. Diese Bilder werden wohl bald auch im Saal 337 des Hamburger Landgerichts laufen. Auf der Anklagebank sitzen dort vom kommendem Montag an die zehn Somalier als Zuschauer. „Gemeinschaftlich verübter Angriff auf den Seeverkehr in Tateinheit mit erpresserischem Menschenraub“, wirft die Staatsanwaltschaft ihnen vor. Um 9 Uhr startet der erste Piratenprozess auf deutschem Boden seit über 400 Jahren. Nach internationalem Recht ist das möglich, weil die „Taipan“ unter deutscher Flagge fuhr und ihre Reederei Komrowski in Hamburg ansässig ist.

          Die Beweislage ist erdrückend. Neben den umfangreichen Zeugenaussagen liegen der Staatsanwaltschaft handfeste Angriffsinstrumente vor: Maschinengewehre, Raketenwerfer, Munition und Enterhaken. Mit Freispruch ist also kaum zu rechnen.

          Nie waren die modernen Seeräuber so erfolgreich wie heute

          Abschrecken wird das die Kameraden der Angeklagten in der somalischen Heimat wohl trotzdem nicht. Dazu sind die normalen Arbeitsperspektiven in diesem „gescheiterten Staat“ zu schlecht und die Einkommensperspektive als Pirat zu gut.

          Nie waren die modernen Seeräuber so erfolgreich wie heute, bilanzierte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon Anfang November. In den ersten neun Monaten dieses Jahres kaperten die Freibeuter 37 Schiffe vor Somalia, vier mehr als noch 2009 - für sie ein Rekordjahr. Fast jeder vierte Angriff ist mittlerweile erfolgreich, ein Jahr zuvor war es erst jeder sechste gewesen. Aktuell sind 21 Schiffe mit insgesamt 500 Seeleuten in der Hand somalischer Piraten. Sie verlangen Millionen-Lösegelder, von denen sie sich schnellere Boote, bessere Waffen und schlauere Navigationsgeräte kaufen, mit denen sie dann wieder besser angreifen können. Ein Teufelskreis.

          Die Reederei Komrowski ist um ein Lösegeld noch einmal herumgekommen. Denn die Schiffsbesatzung verschanzte sich im verriegelten sogenannten Panikraum und die Niederländer griffen beherzt ein. Ein Reeder, der hingegen schon mal Lösegeld bezahlt hat, ist Niels Stolberg, der Gründer und Chef der Bremer Beluga Shipping, die Schwergut verschifft. Stolbergs Frachter „BBC Trinidad“ war im August 2008 im Golf von Aden entführt worden. Eine Woche wurde verhandelt. Dann ließ der Reeder 1,1 Millionen Dollar Lösegeld über dem Meer abwerfen. Die Piraten sammelten das Geld ein und ließen Schiff und Besatzung frei.

          Aus diesem Erlebnis hat Stolberg Konsequenzen gezogen: Auch seine Schwergutschiffe haben jetzt einen Panikraum und werden vor der Einfahrt in den Golf von Aden mit doppeltem Nato-Draht umwickelt. Trotzdem haben somalische Piraten Ende Oktober ein weiteres Beluga-Schiff geentert. Sie konnten aber keine Geiseln nehmen, weil die Besatzung in den Schutzraum geflohen war. Daher nahmen die Seeräuber Reißaus, als ein Militärkommando anrückte.

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