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Proteste während Golfmeisterschaft : Holocaust-Vergangenheit lässt Allianz in Amerika nicht los

  • -Aktualisiert am

Ein Demonstrant vor dem Golfplatz Bild: Norbert Kuls

In Florida versucht der Versicherungskonzern mit einem Golfturnier seinen Namen in den Vereinigten Staaten bekannter zu machen. Dabei wird das Unternehmen von seiner Vergangenheit eingeholt.

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          Die Demonstranten in Boca Raton wirken etwas verloren an der Ecke der großen Straßenkreuzung vor dem Eingang zum alten Golfplatz Broken Sound. Aber die Herren und Damen in überwiegend gesetztem Alter und legerer Kleidung sind engagiert. Sie haben eine israelische Fahne aufgehängt und halten mit Filzstift bemalte Schilder für die Autofahrer und die Kameras der lokalen Fernsehsender hoch. Sie beschuldigen den deutschen Versicherer Allianz, vom Holocaust profitiert zu haben. Das Schild von David Schaecter, einem der Organisatoren der Demonstration, bringt den Protest auf den Punkt. Auf der Pappe stehen, gerahmt von einem Hakenkreuz, in Blau die Worte "ALL-IANZ" und "ALL-NAZI". Schaecter, Präsident einer Vereinigung von Holocaust-Opfern, und seine Mitstreiter fordern eine komplette Offenlegung von Informationen über Inhaber von Versicherungspolicen aus dem Dritten Reich. Sie wollen vor amerikanischen Gerichten wieder auf Entschädigung klagen können. Und sie wollen 2 Milliarden Dollar.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Auf dem gepflegten Golfplatz hinter den Demonstranten spielen derweil die Senioren unter den amerikanischen Profigolfern, darunter der Deutsche Bernhard Langer, um die 1,7 Millionen Dollar, die als Preisgeld der Allianz-Meisterschaft ausgelobt sind. "Die Ansprüche meines Vaters wurden abgewiesen, aber die Allianz hat das Geld, ein Golfturnier zu finanzieren", empört sich Wendy Reiss Rothfield, eine elegante Frau mit Strohhut, großer Sonnenbrille und einem Schild, das der Allianz den Diebstahl von Opfern der Nazis unterstellt.

          Gesetzentwurf im Kongress könnte neue Klagen nach sich ziehen

          Der Münchner Versicherungskonzern, dessen Tochtergesellschaft Allianz Life in Amerika ein großer Anbieter von Rentenversicherungen ist, versucht mit der Allianz-Meisterschaft in Florida und der Finanzierung anderer Sportarten seinen Namen in den Vereinigten Staaten bekannter zu machen. Nun wird der Versicherer bei diesem Versuch bereits das zweite Mal von seiner Vergangenheit eingeholt. Im September 2008 wollte die Allianz für 25 Millionen Dollar im Jahr die langfristigen Namensrechte an einem großen Sportstadion vor den Toren New Yorks kaufen. Nachdem ein Autor der "New York Times" in einer Kolumne Bedenken wegen der historischen Verstrickungen der Allianz angemeldet hatte, brach Protest los. Danach war das Geschäft vom Tisch. Demonstrationen sind auch nicht das einzige Ungemach, das der Allianz droht. Im amerikanischen Kongress ist ein Gesetzentwurf in Arbeit, der mögliche Klagen in Milliardenhöhe gegen Versicherer nach sich ziehen könnte.

          Für die Allianz ist das Thema Holocaust fraglos sensibel. Vertreter des Finanzdienstleisters betonen fast schon frustriert die Anstrengungen des Konzerns, seine Vergangenheit aufzuarbeiten und für eine möglichst faire Entschädigung zu sorgen. "Wir haben die Vorwürfe nie dementiert. Wir müssen offen und ehrlich damit umgehen, aber kein Geld der Welt kann das geschehene Leid wiedergutmachen", sagt eine Sprecherin.

          Dabei schien die finanzielle Entschädigung für nicht ausgezahlte Versicherungspolicen aus der Nazi-Zeit für die Allianz schon vor vier Jahren weitgehend abgeschlossen. Nachdem es in den neunziger Jahren in Amerika Sammelklagen gegeben hatte, brachten sechs europäische Versicherer - darunter die Allianz, die italienische Generali und die französische AXA - rund 300 Millionen Dollar für die Entschädigung von Opfern des Holocaust auf.

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