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Protestanten und Wirtschaft : Das Kreuz mit der Kirche

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Bild: dpa

Weniger Wachstum, höhere Steuern, mehr Umverteilung. Das predigt die Evangelische Kirche. Warum nur tut sie sich mit der Wirtschaft so schwer?

          Die frohe Botschaft vorneweg: Es stand schon schlimmer, also noch schlimmer, um das Verhältnis von evangelischer Kirche zur Wirtschaft, regelrecht feindselig ging es zu in früheren Tagen. Wer auf einem Kirchentag als Knecht des Kapitals enttarnt wurde, hatte Prügel zu fürchten, nicht nur verbal: „Wir hatten richtig Angst vor körperlichen Übergriffen“, berichtet Stephan Klinghardt, Geschäftsführer der „Arbeitsgemeinschaft evangelischer Unternehmer“ (AEU).

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Anfang der 90er Jahre war das, der real existierende Sozialismus war gerade kollabiert, was manchen Theologen tieftraurig stimmte, der Jahrzehnte nach einem „dritten Weg“ gesucht hatte, die Bibel-Stelle vom Reichen und dem Nadelöhr stets präsent. „Wirtschaft“ war im Zweifel böse, Unternehmer wurden zeitweise förmlich raus gepredigt aus der Kirche. Dieser Hass habe sich gelegt, erzählt AEU-Mann Klinghardt. Die Kirche habe ihren Frieden gemacht mit der sozialen Marktwirtschaft: „Im tiefsten Innern ist die Geisteshaltung aber noch immer leistungsfeindlich, man sieht den Wettbewerb mit Argusaugen.“

          „Macht des Mammon“

          Die anti-kapitalistischen Ressentiments sind nirgendwo lebendiger als auf dem evangelischen Kirchentag. Wohlstand und Wachstum sind verdächtig. Eine flatterhafte „Ökonomie des Genug“ bestimmt den Ton. „Wollen wir wirklich immer mehr Autos? Solche Fragen lösen zu Recht heftige Debatten aus“, sagt Gerhard Wegner, Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), eine Art Think Tank der Kirchenoberen. Das BIP reiche als Maßstab für den Wohlstand nicht aus, so viel hat sich als Konsens fest gesetzt.

          Die Armen müssten genug zum Leben haben, und die Reichen begreifen, dass weniger mehr sei, predigt Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der EKD. Das „rücksichtslose Streben nach grenzenlosem Wachstum“ geißelt er als „mit dem christlichen Weltbild nicht vereinbar“. Die „Macht des Mammon“ wirke zerstörerisch, „sie führt auch dazu, dass die Gewinner ihre Seele verlieren.“

          Die evangelische Kirche in Deutschland Bilderstrecke

          Nachhaltig soll es zugehen auf der Welt, gerecht und umweltverträglich. Diese Zustände herzustellen ist Aufgabe eines starken Staates, Adam Smith und seine unsichtbare Hand, die an den Eigennutz zum Wohle aller appelliert, ist höchst suspekt. Idealisiert wird im Zweifel der Hartz-IV-Empfänger, der Finanzier des Wohlfahrtsstaates darf mit weniger Zuspruch rechnen.

          Wenn die oberen 10 Prozent der Steuerzahler für die Hälfte der Einkommensteuer in Deutschland aufkommen, sind die Zahlen innerhalb der Kirche noch krasser: „Fünf Prozent der Kirchenmitglieder stehen für 70 Prozent der gesamten Einnahmen“, schätzt AEU-Geschäftsführer Klinghardt, man kann nicht sagen, dass diese Gruppe besonders hofiert würde: „Die Option für die Armen und Schwachen ist biblisch begründet, die Funktion der Kirche als Mahner ist legitim“, sagt Klinghardt, „das rechtfertigt aber nicht jeden Angriff auf die Leistungsträger.“

          Hilfe zur Selbsthilfe

          Wo immer es Verlierer gibt, die Kirche kümmert sich um sie. Bleibt nur die Frage: Hilft das den Betroffenen immer weiter? Aufsehen erregt, wer etwa anzweifelt, dass die Jubiläen von Tafeln zur Armenspeisung wirklich ein Grund zum Feiern sind - oder nicht vielleicht ein Skandal, da es nicht gelungen ist, die Bedürftigen aus der Not zu holen? Die Tafeln würden nur dann nicht zur Verfestigung von Armut beitragen, wenn sie den Betroffenen gleichzeitig Hilfe zur Selbsthilfe geben, heißt es in einer wissenschaftlichen Arbeit zur Diakonie. Mehrheitsmeinung ist dies kaum.

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