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Nach Aktion in Wolfsburg : VW zeigt Klimaaktivisten an

Klimaaktivisten auf einem Kran auf dem Gelände in Wolfsburg Bild: dpa

Nach einem Protest auf dem Werksgelände stellt der Autokonzern Strafantrag. Zugleich will er mit Gegnern im Gespräch bleiben. Den Aktivisten wiederum ging es offensichtlich aber nicht nur um Klimaschutz.

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          Kurz vor 6 Uhr morgens fuhren die Aktivisten mit ihren VW-Kastenwagen am Werksgelände von Volkswagen in Wolfsburg vor. Knapp 40 drangen dann auf eine Baustelle und zu dem Kraftwerk vor, dass das Unternehmen gerade von Kohle- auf Gasbetrieb umrüstet. Einige dieser Gruppe, die sich selbst „Runter vom Gas“ nennt, ketteten sich an Bagger und Schienen, andere seilten sich mit Transparenten von Kohlebaggern ab.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Die Botschaft der Gruppe fasste eine Besetzerin am Freitag so zusammen: „Wir rasen unaufhaltsam in die Klimakatastrophe. Seit Jahren ist klar, dass wir dringend eine Mobilitätswende brauchen.“ Statt wie VW und Politik auf Elektroautos zu setzen, forderte sie Lösungen wie einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, autofreie, fahrradgerechte Städte und den Ausbau des Schienennetzes.

          „Wir dulden keine Gesetzesverstöße“

          Während Volkswagen vor einigen Tagen beim Diebstahl von mehr als 1000 Autoschlüsseln durch Greenpeace-Aktivisten noch mit Nachsicht und Verständnis reagierte, zeigte der absatzstärkste Autohersteller Europas im Falle von „Runter vom Gas“ Härte und stellte nach Angaben eines Unternehmenssprechers vom Freitag Strafantrag. „Die Aktivisten, die illegal auf das Werksgelände in Wolfsburg eingedrungen sind und versuchen, die Stromversorgung zu blockieren, treffen nicht den richtigen Adressaten“, sagte der Sprecher.

          Er wies darauf hin, dass die Kraftwerke auf dem Wolfsburger Stammwerk gerade für 400 Millionen Euro von Kohle auf hocheffiziente Gasturbinen umgerüstet werden. Vom nächsten Jahr an werde der CO2-Ausstoß in der Strom- und Wärmeerzeugung dauerhaft um 1,5 Millionen Tonnen gesenkt – das entspricht nach Angaben von VW dem CO2-Ausstoß von aktuell rund 870.000 Autos im Jahr.

          VW bekräftigte, „stets am offenen und lösungsorientierten Austausch insbesondere mit Umwelt- und Klimaschutzorganisationen interessiert“ zu sein. Nur: „Wir dulden keine Gesetzesverstöße, die mit derlei Aktionen von den handelnden Personen begangen werden“, sagte der Sprecher. Er kündigte an, das Unternehmen werde alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen und etwaige Schadenersatzansprüche prüfen. Das Kraftwerk am VW-Werk versorgt auch Tausende Haushalte und die öffentliche Infrastruktur in der Umgebung mit Strom und Wärme.

          Greenpeace-Aktivisten klauen Schlüssel

          Den Aktivisten wiederum ging es bei ihrer Aktion offensichtlich aber nicht nur um Klimaschutz. „Die Profite von Konzernen wie VW dürfen niemals mehr zählen als eine lebenswerte, klimagerechte Zukunft auf diesem Planeten. Dafür stehen wir heute ein“, sagte die Aktivistin. Dass selbsternannte Klimaschützer mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen und starken Bildern gerade bei VW auf sich aufmerksam machen, ist nichts Neues. Die Bahngleise zum Werk und das Kraftwerk waren immer wieder Ziel solcher Aktionen.

          Deswegen fiel es vielen Beobachtern auf, wie zurückhaltend die VW-Spitze kürzlich reagierte, als Greenpeace-Aktivisten in Emden – dem größten Exporthafen für VW – mehr als 1000 Schlüssel von dort geparkten Neuwagen stahlen und auf die Zugspitze brachten. Konzernchef Herbert Diess antwortete auf ein Greenpeace-Video mit einer „Einladung“, sich die Schlüssel von der Zugspitze abzuholen, mit einer Twitter-Botschaft: „Gerne Zugspitze, heute schaffe ich aber nicht mehr – möchte nicht den Flieger nutzen. Demnächst bei gutem Wetter?“

          Ralf Brandstätter gibt sich verständnisvoll

          Besonders verständnisvoll zeigte sich nach der Aktion in Emden der Chef der Kernmarke VW, Ralf Brandstätter. Er äußerte in den sozialen Netzwerken, dass er verstehe, dass „vielen der Wandel nicht schnell genug geht“. Die Gesellschaft brauche kritische Stimmen, lobte er gar, denn „nicht zuletzt die Fridays-for-Future-Bewegung hat für große Dynamik beim Klimaschutz gesorgt“.

          Intern sei das von vielen auch als Anbiederung an Rechtsbrecher interpretiert worden, ist im Unternehmen zu hören. Möglicherweise hat VW deswegen am Freitag zwar abermals Bereitschaft zum Dialog geäußert und wieder darauf hingewiesen, dass sich das Unternehmen als erster Automobilkonzern zu den Pariser Klimazielen bekannt habe, gleichzeitig aber auch deutlich gemacht, dass Rechtsverstöße nicht als Kavaliersdelikte angesehen werden.

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