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ProSiebenSat1 und RTL : Neuer Stoff für Fusionsträume

Überraschende Beförderung: Bert Habets wird neuer Pro Sieben Sat.1-Chef. Bild: Picture Alliance

Der frühere RTL-Chef Bert Habets leitet ab November ProSiebenSat1. Das dürfte Spekulationen um eine Fusion der beiden größten deutschen Medienhäuser anheizen. Doch so einfach ist es nicht.

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          Überraschender Chefwechsel in Unterföhring: Der Fernsehkonzern ProSiebenSat1 ernennt den früheren RTL-Chef Bert Habets zum Vorstandsvorsitzenden. Bereits seit Mai saß der 51 Jahre alte Niederländer im Aufsichtsrat des M-Dax-Konzerns. Habets übernimmt den Posten ab dem 1. November von Rainer Beaujean, der sein Amt in gegenseitigem Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat niedergelegt habe, hieß es von ProSiebenSat1.

          Maximilian Sachse
          Redakteur in der Wirtschaft
          Niklas Záboji
          Wirtschaftskorrespondent in Paris

          Beaujeans Vertrag war erst im Dezember 2021 bis Mitte 2027 verlängert worden. Der Fernsehkonzern betonte, der von der Familie des ehemaligen italienischen Regierungschefs Silvio Berlusconi kontrollierte Großaktionär MediaForEurope (MFE) habe keinen Einfluss auf die Personalie gehabt. MFE gilt als Gegner von Beaujean und fühlte sich bei seiner Berufung im März 2020 hintergangen. Umgekehrt soll Beaujean stark gegen MFE gearbeitet haben.

          Ob Habets anders mit den Italienern umgeht als sein Vorgänger, ist offen. Allerdings ist er ein erfahrener Medienprofi, wohingegen der frühere Finanzvorstand Beaujean eher als Mann der Zahlen gilt. Habets arbeitete von 2009 bis 2019 beim Konkurrenten RTL, leitete dort unter anderem das Geschäft in den Niederlanden und ab 2017 die gesamte Gruppe. In den Niederlanden baute er unter anderem die Streaming-Plattform Videoland auf, die heute in den Niederlanden die Nummer Zwei hinter Netflix ist.

          Abo-Modell oder Werbefinanzierung?

          Habets gilt als früher Verfechter von Abo-Modellen im Streaming-Markt. Damit könnte sich ein Strategiewechsel bei ProSiebenSat1 ankündigen. Beaujean verfolgte mit dem Streamingdienst Joyn zuletzt ein überwiegend werbefinanziertes Geschäftsmodell. Dass Habets es dabei belässt, halten Beobachter für unwahrscheinlich.

          ProSiebenSat1 will im Streaminggeschäft ernst machen. So will der M-Dax-Konzern etwa die Streaming-Plattform Joyn komplett übernehmen. Bislang gehören dem US-Medienkonzern und Joint-Venture-Partner Warner Bros. Discovery noch 50 Prozent der Anteile an Joyn. ProSiebenSat1 hat zudem schon zu Beginn des Jahres seine sendereigenen Streaming-Apps abgestellt und setzt damit komplett auf Joyn.

          RTL will langfristig Fusion mit ProSiebenSat1

          Der Chefwechsel dürfte zudem Spekulationen um eine Fusion des bayrischen Fernsehkonzerns mit dem größten deutschen Konkurrenten RTL anheizen. Thomas Rabe, Chef der RTL-Muttergesellschaft Bertelsmann sowie der RTL Group und der deutschen Landesgesellschaft, hält eine Konsolidierung des Fernsehmarktes für unumgänglich, um gegen große US-Konzerne wie Netflix, Disney oder Amazon zu bestehen. Immer wieder deutete Rabe in der Vergangenheit an, RTL langfristig mit ProSiebenSat1 fusionieren zu wollen.

          Der bisherige ProSiebenSat.1-Chef Beaujean war ein bekennender Gegner dieser Idee. „Die Werbeagenturen würden sich beschweren, die Kunden würden sich beschweren, es ist ein Alptraum“, sagte Beaujean noch im Mai der „Financial Times“. Habets sieht das möglicherweise anders. Denn nicht alle bei ProSiebenSat1 würden die Fusionspläne mit RTL prinzipiell ablehnen, heißt es in der Branche.

          In Unterföhring möchte man unter allen Umständen eine Übernahme durch MFE verhindern. Allerdings wissen die Manager beider Konzerne, dass eine Fusion den deutschen Kartellhütern wohl nur schwer zu verkaufen wäre.

          Fehlender Rückenwind aus Frankreich

          Umso ärgerlicher war für RTL das Scheitern einer geplanten Fusion der Privatsender TF1 und M6 in Frankreich, die eigentlich auch Rückenwind für eine Konsolidierung in Deutschland bringen sollte. Durch das Scheitern dürften konkretere Fusionspläne seitens RTL mit ProSiebenSat1 wohl einige Jahre auf sich warten lassen, heißt es aus der Branche.

          RTL ist mit 48,3 Prozent größte Anteilseignerin von M6 und wollte mit dem TF1-Hauptaktionär, dem französischen Mischkonzern Bouygues , einen „nationalen Medienchampion“ schaffen. Die französischen Wettbewerbshüter hatten aber eine Übermacht auf dem Werbemarkt befürchtet. Faktisch hätten deshalb RTL oder Bouygues einen der beiden Sender veräußern müssen, weshalb beide Parteien das Vorhaben Mitte September beerdigten.

          Berlusconi an M6 interessiert

          RTL stellte seinen M6-Anteil daraufhin zum Verkauf – auch vor dem Hintergrund, dass der Sender im Frühjahr die Verlängerung seiner Sendelizenz beantragen muss und der Hauptaktionär nach französischem Recht anschließend fünf Jahre nicht wechseln darf. Unter anderem der frühere italienische Ministerpräsident und Medienzar Silvio Berlusconi – über die auch bei ProSiebenSat1 beteiligte MFE – als auch der tschechische Investor Daniel Křetínský sollen Interesse geäußert haben.

          Am Montagabend folgte dann die Kehrtwende. RTL teilte mit, M6 doch zu behalten, obwohl „mehrere finanziell attraktive Angebote“ eingegangen seien. Grund seien zu hohe „rechtliche Risiken und Unsicherheiten“, hieß es in einer Stellungnahme. Beobachtern zufolge war unter anderem der Zeitplan mit Blick auf die Verlängerung der M6-Sendelizenz zu eng bemessen und wie im Fall der gescheiterten Fusion mit TF1 unklar, wie schnell und unter welchen Auflagen die Wettbewerbsaufsicht den Verkauf genehmigen würde.

          Ohne Gesetzesänderung bleibt Frankreichs zweitgrößter Privatsender somit mindestens weitere fünf Jahre in den Händen der Deutschen. An der „Champions“-Strategie halte man aber fest, betont man bei RTL. M6 werde „bei der weiteren Konsolidierung in der französischen TV-Branche eine Schlüsselrolle spielen“.

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