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Wie reich ist Familie Sackler? : Die Profiteure der Opioid-Krise

Demonstranten vor einem Gericht in Boston Bild: AP

Purdue Pharma steht im Zentrum von Amerikas Opioid-Krise. Die Eigentümerfamilie hat hohe Dividenden kassiert. Zudem wird ihr vorgeworfen, die Patienten nicht nur süchtig, sondern auch an den Gegenmitteln verdient zu haben.

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          Eine drängende Frage beschäftigt die Staatsanwälte, die derzeit versuchen, die Verantwortlichen für die tödliche Opioid-Krise in Amerika haftbar zu machen: Wie viel Geld hat die Sackler-Familie? Sie ist die Eigentümerin des im Zentrum der Opioid-Krise stehenden Unternehmens Purdue Pharma. Die Familie selbst hat den Finanzberater Alix Partners engagiert, um die Zahlen zu ermitteln. Die Antwort gibt jetzt ein öffentlich zugänglicher 350 Seiten starker Bericht. Von 2008 bis September 2019 hat sich die Familie mehr als 10 Milliarden Dollar auszahlen lassen.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die Finanzfachleute teilen die Zahlungen in drei Bereiche auf. Rund 4,1 Milliarden Dollar flossen direkt an die Familienmitglieder. Dazu gehören neben den klassischen Dividenden Rentenzahlungen für Familienangehörige, die Management-Funktionen bekleidet hatten, und Ausgaben für Rechtsstreitigkeiten. 4,6 Milliarden Dollar gingen an die Steuerbehörden, und 1,6 Milliarden Dollar wurden an Unternehmen überwiesen, die den Sacklers gehörten.

          Der Bericht ist vor allem ein Ausweis, wie profitabel das Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren war. Wie reich die Sacklers heute sind, bleibt weiter unklar. Medienberichten zufolge hatte die Familie angeboten, das Unternehmen im Besitz einer öffentlichen Stiftung zu Gunsten der Opfer fortführen zu lassen. Zudem wollten sie demzufolge zur Entschädigung 3 Milliarden Dollar aus den Privatvermögen beisteuern.

          Familie bestreitet Vorwürfe

          Purdue wird von mehr als 1000 Bundesstaaten, Kommunen, Kreisen und Indianerstämmen verklagt wegen des Verdachts, sie hätten wider besseren Wissens das Schmerzmittel Oxycontin als nicht süchtig machend aggressiv vermarktet. Bis heute bestreitet die Familie, etwas falsch gemacht zu haben. Sie hat überwältigt durch die Vielzahl der Klagen und der damit verbundenen Prozesskosten einen Vergleich vorgeschlagen. Zudem hat das Unternehmen inzwischen die Einleitung des Insolvenzverfahrens beantragt.

          Der Vergleich scheiterte bisher, weil einige Staatsanwälte mehr Geld aus der Familie herausholen wollen. Einige hegen den Verdacht, die Sacklers hätten Geld abgezweigt, als klar wurde, dass das Unternehmen unter der Last der Klagen zusammenbrechen würde.

          Der Untersuchungszeitraum für die Ausschüttungen ist interessant: 2007 hatten sich das Unternehmen und drei Manager in einem Gerichtsverfahren schuldig bekannt, die Öffentlichkeit über die Risiken ihres Schmerzmittels in die Irre geführt zu haben. Bis dahin hatte die Familie offenbar deutlich kleinere Beträge ausgeschüttet bekommen. Die „New York Times“ berichtet unter Bezug auf Wirtschaftsprüferberichte von Ausschüttungen in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar von 1995 bis 2007.

          Profitierten die Sacklers auch vom Entzug?

          Das Unternehmen hegt nun offenbar die Hoffnung, dass der Ausschüttungsbericht dazu beitragen könnte, die Forderungen der Staatsanwälte herunterzuschrauben. Purdue habe ein außergewöhnliches Ausmaß an Transparenz gezeigt, um einen Vergleich zu ermöglichen, teilte das Unternehmen mit.

          Ein Anwalt von Mitgliedern der Sackler-Familie lässt sich mit der Aussage zitieren, die Ausschüttungen seien bekannt und reflektierten die Tatsache, dass mehr als die Hälfte des Geldes an den Fiskus ging oder in Unternehmen investiert wurde. Diese würden dem Vergleichsvorschlag zufolge verkauft, die Erlöse daraus flössen in den Entschädigungstopf.

          Eines dieser Unternehmen ist Mundipharma, das auch Niederlassungen in Deutschland hat. Mundipharma ist jüngst in die Schlagzeilen geraten für die Vermarktung des Nasensprays Nyxoid, das den Wirkstoff Naloxone enthält.

          Naloxone ist das unter anderem von der amerikanischen Pharma-Zulassungsbehörde FDA empfohlene lebensrettende Gegengift bei einer Opioid-Überdosierung. Die FDA macht den eigentlich rezeptpflichtigen Wirkstoff zugänglich. Mundipharma versucht die Vermarktung des Mittels in Europa, Australien und Neuseeland voranzutreiben.

          Das hat die Spekulation provoziert, die Sacklers hätten stets eine abgefeimte Geschäftsstrategie verfolgt, die es ihnen ermöglicht habe, an der Sucht von Patienten und an ihrem Entzug zu verdienen. Mundipharma weist den Verdacht zurück. Das Unternehmen arbeitet nach eigenen Angaben seit 1999 als Teil eines Netzwerks an Medizin zur Bekämpfung der Heroinabhängigkeit. „Wir haben viele Erfahrungen aus erster Hand gesammelt in der Erforschung der Opioid-Medikation. Das gibt uns eine exzellente Basis, um hochqualitative Medizin in diesem Feld zu liefern“, heißt es in der Selbstdarstellung auf der Mundipharma-Internetseite.

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