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Private Equity : Verkauf an Beteiligungsgesellschaften wird im Mittelstand hoffähig

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Wenn Jens Tonn über Familienunternehmen spricht, huscht neuerdings ein Lächeln über sein Gesicht. "In unserer Deal-Pipeline befinden sich immer mehr Mittelständler", freut sich der Deutschland-Chef der der britischen Beteiligungsfirma Candover.

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          Wenn Jens Tonn über Familienunternehmen spricht, huscht neuerdings ein Lächeln über sein Gesicht. "In unserer Deal-Pipeline befinden sich immer mehr Mittelständler", freut sich der Deutschland-Chef der britischen Beteiligungsfirma Candover im Gespräch mit dieser Zeitung. Nachdem in den vergangenen 15 Jahren in der Branche über den deutschen Mittelstand als Markt nur geredet wurde, die Familienunternehmer aber durchweg ihre Vorbehalte gegen Private Equity pflegten, wächst nun die Gesprächsbereitschaft deutlich.

          Früher sei der Golffreund noch belächelt worden, wenn er sagte: "Ich habe verkauft." Inzwischen sei es hoffähig, sich von seinem Unternehmen zu trennen, vor allem dann, wenn es um die Familiennachfolge gehe. "Die Erben der zweiten oder dritten Generation entdecken zusehends, daß sie sich für Architektur oder Kunst interessieren. Daher wächst die Bereitschaft, das Vermögen umzuschichten."

          Der deutsche Markt hinkt hinterher

          Das sei wieder einmal ein Trend aus dem angelsächsischen Sprachraum: Dort sind die Berührungsängste gegenüber Finanzinvestoren schon seit Jahrzehnten abgebaut, mit der Folge, daß der Markt für Beteiligungen an Familienunternehmen schon abgegrast ist. Die Nachfrage der institutionellen Anleger nach Private-Equity-Fonds ist dort aber unvermindert hoch, so daß die Finanzinvestoren in den deutschen Markt drängen. "Der deutsche Markt ist reich an günstigen Gelegenheiten", schwärmt denn auch Tonn. So stammen mittlerweile zwischen 30 und 40 Prozent der 200 bis 250 Unternehmen, die Candover jährlich unter die Lupe nehme, aus Deutschland.

          Bei der Zahl der tatsächlich abgeschlossenen Käufe hinke der deutsche Markt aber noch hinterher, die Unternehmer seien oft noch zu zögerlich. Ein Beispiel dafür ist ein norddeutscher Familienpatriarch, der kurz vor dem Abschluß einen Rückzieher machte, weil die vier Kinder über ihren Anteil am Verkaufserlös stritten. Etwa die Hälfte der Gespräche werde mittlerweile mit Familienunternehmen geführt, bei den anderen 50 Prozent gehe es um Tochtergesellschaften von Konzernen, so Tonn. "Vor zwei Jahren lag das Verhältnis noch bei 10 zu 90 Prozent."

          Zu teuer eingekauft

          Doch auch bei den Konzernen gibt es allzuoft firmenpolitische Hürden, die einen Abschluß verhindern. Da gebe es ganz makabre Fälle, sagt Tonn. Nicht selten sei es, daß ein Verkauf einer nicht zum Kerngeschäft passenden, mittelmäßig geführten Sparte nur deshalb nicht zustande komme, weil sonst offensichtlich werden würde, daß die Tochtergesellschaft dereinst zu teuer eingekauft oder mit einem zu hohen Buchwert geführt wurde.

          Über zuwenig Kaufabschlüsse kann Tonn dennoch nicht klagen. Der 2,7 Milliarden Euro schwere 2001-Fonds der vor allem auf Management-Buy-outs spezialisierten Beteiligungsgesellschaft sei zu 70 Prozent investiert, sagt der Deutschland-Chef. Bisher hat Candover mit dem Geld in zehn Unternehmen investiert, was rund zwei Drittel der durchschnittlichen Investments je Fonds entspricht. Noch 800 Millionen Euro an Fondsmitteln sind übrig, damit könnten vier bis fünf weitere Transaktionen finanziert werden, sagt Tonn.

          Weitere kleine Zukäufe

          Da Candover im Durchschnitt drei bis vier Unternehmen im Jahr kauft, reichen die Mittel also noch für ein Investitionsjahr. "Wir haben eine sehr spannende Pipeline", sagt Tonn und stellt damit weitere Käufe in Aussicht. Mit Pipeline meint er die Liste der angestrebten Transaktionen. Derzeit bietet Candover unter anderem für die zur TUI gehörende VTG, Europas größten Betreiber von Kesselwagentransporten auf der Schiene. Auch die Deutsche Bahn ist an dem Unternehmen interessiert, für das in der Branche mit einem Preis von um die 500 Millionen Euro gerechnet wird.

          Daß ein Nachfolge-Fonds bereits im kommenden Jahr aufgelegt wird, hält Tonn für "denkbar". In der Größe werde sich der Fonds von dem jetzigen nicht wesentlich unterscheiden. Aus dem 1997er Fonds besitzt Candover noch zwei Unternehmen, die britische Unternehmensgruppe Acertec und den ehemals zu Degussa gehörenden PVC-Hersteller Vestolit. Einen Börsengang schließt Tonn für diese Beteiligungen aus, denkbar sei sowohl der Verkauf an strategische Investoren als auch an einen weiteren Finanzinvestor (Secondary Buy-out).

          Sehr zufrieden ist Tonn mit der Fachverlagsgruppe Springer Science und Business Media, die Candover gemeinsam mit Cinven im vergangenen Jahr erworben und anschließend mit dem niederländischen Verlagshaus Kluwer Academic Publishers fusioniert hat. Der international zweitgrößte Fachverlag, dessen Sitz mittlerweile nach Luxemburg verlegt wurde, solle bis 2007 kapitalmarktfähig gemacht werden, bekräftigt Tonn. Die Integration mit Kluwer laufe über Plan, außerdem sei mit dem Erwerb des Seminar- und Fortbildungsanbieters Forum der Baustein für ein drittes Geschäftsfeld gelegt worden. Weitere kleinere Zukäufe gehörten zum Tagesgeschäft, eine größere Akquisition stehe derzeit aber nicht auf der Agenda.

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