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Preisverfall : Nordsee-Ölindustrie fürchtet den Kollaps

Ölplattform in der Nordsee Bild: Reuters

Seit dem Sommer hat sich der Ölpreis fast halbiert. Das macht viele Förderprojekte unwirtschaftlich. Gerade in der Nordsee ist die Ölförderung teuer.

          Vergangenes Jahr war die Welt noch in Ordnung - jedenfalls aus Sicht der Ölmanager im schottischen Aberdeen betrachtet: Die Stadt ist das wichtigste Zentrum der Nordsee-Ölindustrie, und noch im Frühjahr 2013 stellten sich die Unternehmen dank des hohen Ölpreises auf einen Investitionsboom ein, wie ihn die Branche seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hatte. Doch anderthalb Jahre später beginnt sich in Aberdeen Panik auszubreiten. Seit dem Sommer hat sich der Ölpreis fast halbiert und droht damit viele Förderprojekte unwirtschaftlich zu machen. Großbritannien ist nach Norwegen das zweitgrößte europäische Ölförderland.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          „Wir stehen kurz vor dem Kollaps“, warnte Robin Allan, Chef des Branchenverbandes Brindex, der vor allem kleinere Unternehmen vertritt, die von der Suche nach Öl und Gas vor der britischen Küste leben. „Beim derzeitigen Ölpreis ist es fast unmöglich, Geld zu verdienen“, sagte Allan. „Wir haben eine gewaltige Krise.“ Auch der schottische Ölmilliardär Ian Wood sieht schwarz: Der rapide Preisverfall habe „furchtbare Auswirkungen“ auf die Zukunftsaussichten der Ölförderung in der Nordsee, befürchtet der Gründer des schottischen Industriedienstleisters Wood Group. Qualifizierte Mitarbeiter könnten wegen der Krise abwandern und Investoren das Vertrauen in die Branche verlieren.

          Energiekonzerne streichen Tausende Arbeitsplätze

          Auch Norwegen trifft der Rückgang des Ölpreises hart. Schätzungen zufolge sind in der Ölindustrie des Landes dieses Jahr schon 10.000 Arbeitsplätze verloren gegangen, was rund 10 Prozent aller Stellen entspricht. „Wir beginnen uns große Sorgen zu machen“, sagte Hilde-Marit Rysst, Chefin der Gewerkschaft Safe, die Arbeiter in der Öl- und Gasindustrie des Landes vertritt. Der staatliche norwegische Energiekonzern Statoil hat bereits angekündigt, Investitionen auf Eis zu legen und seine Kosten bis zum Jahr 2016 um 1,3 Milliarden Dollar zu senken. Der Aktienkurs von Statoil ist seit Juni um knapp ein Drittel gefallen. Auch viele andere Ölkonzerne sind dabei, ihre Kosten zu kürzen.

          Das norwegische Statistikamt erwartet, dass die Investitionen in der norwegischen Ölindustrie 2015 um 14 Prozent sinken werden und sich das Wirtschaftswachstum des Landes dadurch von 2,6 Prozent in diesem Jahr auf 1 Prozent mehr als halbieren könnte. Das renommierte britische Beratungsunternehmen Wood MacKenzie schätzt, dass in Europa insgesamt Investitionsentscheidungen über die Erschließung neuer Ölfelder im Volumen von 87 Milliarden Dollar anstehen. Viele dieser neuen Projekte könnten beim derzeitigen Preisniveau mangels ausreichender Profitabilität gefährdet sein, erwartet Wood MacKenzie.

          In der Nordsee werden seit rund vier Jahrzehnten Öl und Gas gefördert. Vor allem Norwegen ist dadurch reich geworden. Allerdings hat sich die norwegische Fördermenge seit der Jahrtausendwende etwa halbiert, weil viele Ölfelder allmählich zur Neige gehen. In Großbritannien war der Rückgang noch stärker. Die Förderkosten in der Nordsee sind im internationalen Vergleich hoch. Die Branche ist deshalb in Zeiten niedriger Ölpreise besonders anfällig. Am Freitag kostete Nordseeöl der Sorte Brent rund 60 Dollar je Fass (zu 159 Liter). Ende Juni lag der Preis dagegen noch bei 115 Dollar.

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