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Kartelle : Haribo, Aldi und die teuren Gummibärchen

  • Aktualisiert am

Teure Bärchen: Auch Lidl war an den verbotenen Preisverabredungen von Haribo beteiligt. Bild: Rüchel, Dieter

In Supermärkten ist der Preisdruck heftig. Das ärgert nicht nur Bauern, sondern auch Lebensmittel-Unternehmen. Was tun? Haribo ging den verbotenen Weg.

          Weil Händler und Hersteller jahrelang Preiserhöhungen untereinander abgesprochen haben, hat das Bundeskartellamt jetzt abermals Bußgelder in Millionenhöhe verhängt. Dieses Mal ging es um Preisabsprachen für Bier, Süßigkeiten und Kaffee.

          Was alle diese Fälle im Lebensmitteleinzelhandel gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass nicht nur die Händler, sondern auch die Hersteller an den Absprachen beteiligt waren.  Wettbewerbsökonomen sprechen daher auch von „vertikaler Preisbildung“, weil mehrere Stufen der Wertschöpfungskette beteiligt sind, im Gegensatz zu „horizontalen Preisabsprachen“, bei denen nur Händler untereinander die Preise absprechen.

          Wie solche Absprachen funktionieren, zeigt beispielhaft der Fall Haribo. Das Kartellamt hat in diesem Fall bereits im vergangenen Jahr Geldbußen in Höhe von insgesamt rund 48,5 Millionen Euro gegen Hersteller und führende Lebensmittelketten ausgesprochen, darunter Aldi, Edeka, Kaufland und Metro. Jetzt kommt auch noch Lidl hinzu.

          Die Händler waren keinesfalls nur Opfer

          Haribo hat viele Jahre lang versucht, die Endkundenpreise für Fruchtgummis und Lakritzen in den Läden zu beeinflussen. Der Hersteller habe intensiv „Preispflege“ betrieben, heißt es in dem vor einem Jahr veröffentlichten Fallbericht des Kartellamts. Zudem habe Haribo die einmal erreichten Preise dann auch intensiv überwacht. Händler, die Fruchtgummi und Lakritz billiger anboten, bekamen Ärger.

          Der Fall zeigt aber, dass die Einzelhändler keineswegs nur Opfer der „Preispflege“ waren. Vielmehr forderten sie – mit Ausnahme von Aldi – Haribo regelrecht dazu auf. Insbesondere ging es ihnen darum, dass Haribo die Billigkonkurrenz von Discountern mit Preisuntergrenzen im Zaum hielt.

          Haribo hatte sich – anders als andere Markenartikler – schon Anfang der 1980er Jahre dafür entschieden, sein Fruchtgummi und seine Lakritz auch über den Discounter Aldi zu vertreiben. Als Aldi die Produkte ins Sortiment aufnahm, brachte das freilich Preisdruck auf die anderen Supermärkte. Aldi konnte die niedrigen Preise dank geringer Kosten durchhalten, den anderen aber schmolz die Gewinnspanne dahin.  

          Haribo sollte Druck auf Aldi ausüben

          In dieser Situation verlangten Edeka, Rewe, Kaufland und Metro von Haribo, für höhere Preise bei Aldi zu sorgen. Zunächst wollte Aldi aber die Preise nicht erhöhen. Schlecht für Haribo: Der Hersteller wollte eigentlich mehr Geld von den Supermärkten bekommen, doch solange Aldi die Gummibärchen so billig verkaufte, konnte Haribo das bei den anderen Supermärkten nicht durchsetzen.

          Erst als Haribo weiter drängelte, war Aldi schließlich bereit die Ladenverkaufspreise zu erhöhen. Die frohe Botschaft übermittelte Haribo sogleich den anderen Händlern, die umgehend nachzogen: „Innerhalb von zwei Wochen nach der Ladenverkaufspreiserhöhung  durch Aldi, meist bereits nach wenigen Tagen, hoben die übrigen Händler daraufhin ihre Ladenpreise an“, heißt es in dem Bericht der Kartellwächter.

          Das einmal erreichte Niveau überwachte Haribo in der Folge penibel. Wer billiger anbot, bekam es mit den Haribo-Verantwortlichen zu tun. Zunächst noch eher sanft. Die Vertreter des Gummibärchen-Herstellers argumentierten zunächst mit dem „gemeinsamen Interesse an einer hohen Wertschöpfung“ und der Gefahr eines „Flächenbrandes“. Wenn auch das nichts half, wurde der Ton rauer: „Wenn der Händler sich uneinsichtig zeigte, drohte Haribo oftmals damit, die Ware nicht oder nicht vollständig auszuliefern“, heißt es in dem Bericht. Das sei auch in einigen Fällen tatsächlich praktiziert worden. Gelegentlich habe es auch  finanzielle Anreize gegeben, um den Händler von zu niedrigen Aktionspreisen abzuhalten.

          Als das Kartellamt vor einem Jahr mehrere Bußgelder verhängte, gaben sich die meisten Supermarktketten zerknirscht und verwiesen darauf, dass die Vorgänge schon Jahre zurücklagen. Haribo sagte damals, man sei sich nicht bewusst gewesen, dass man mit dem Verhalten gegen das Recht verstoßen habe. Aldi betonte, es sei nur um zwei Preiserhöhungen gegangen.

          Einmal in Kraft gesetzt, profitierten allerdings alle von der heimlichen Absprache. Nur die Verbraucher nicht.

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