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Porträt : Globetrotten statt Golfen

Er will die Börse von Lindes Radikalumbau überzeugen Bild: AP

Linde-Chef Wolfgang Reitzle ist fast an seinem Ziel, muß aber einige Überzeugungsarbeit leisten: Viel Vorsicht, Rücksicht und Diplomatie sind gefragt, um die britische BOC möglichst weich in das Unternehmen zu integrieren.

          Die Anspannung läßt sich nicht verbergen. Gezeichnet vom monatelangen Stress, bringt Wolfgang Reitzle schon einmal den Monat oder den Tag ein wenig durcheinander, wenn es um die Ereignisse im Übernahmekampf der britischen BOC geht. Es sind Kleinigkeiten, die zeigen, welche Kräfte den Vorstandsvorsitzenden der Linde AG im vergangenen halben Jahr das Projekt gekostet hat.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Trivial sei das bisher Geleistete nicht gewesen, umschreibt der als harter Arbeiter bekannte Reitzle die Belastung eher untertreibend. Verglichen mit dem, was nun auf ihn zukommt, stimmt das sogar.

          Mehr im Flieger als im Büro

          In den nächsten Monaten wird Reitzle mehr im Flugzeug verbringen als in seinem Büro - oder in seinem Münchener Domizil, das mit der Sitzverlegung der Linde AG nun endgültig Mittelpunkt seines Privatlebens ist. Er wird viele der 70 Länder bereisen, in denen die neue Linde Group präsent ist - und in Harmonie machen.

          Zuerst jedoch wird er die BOC-Zentrale in England besuchen, die er bis heute noch nicht betreten hat. Jede Unruhe im Vorfeld der Akquisition, eine der größten eines deutschen Unternehmens im Ausland bislang, wollte er damit vermeiden.

          So schnell wie möglich klare Strukturen

          Mit Vorsicht, Rücksicht und Diplomatie will der 57 Jahre alte frühere BMW-Manager eine weiche Integration der Briten in die neue Linde-Gruppe durchziehen. Seine Intention ist deutlich: Es geht darum, so schnell wie möglich klare Strukturen einzuziehen - und am Ende die Wertpapierbörse von dem Radikalumbau zu überzeugen, der nur wenig übrigläßt von der Tradition einer 127 Jahre alten Linde.

          Jeder Mißklang, jede Mißgunst oder gar jedes Mißtrauen seitens der Briten könnte für ihn den Prozeß erschweren. Daß er Dissonanzen vermeiden kann, hat er schon Anfang März bewiesen: Einen Tag nach Bekanntgabe des BOC-Erwerbs, mit dem zugleich der Verkauf der Gabelstapler-Geschäfte angekündigt wurde, besuchte er in Aschaffenburg die Mitarbeiter des Linde-Werks. Sie müßten sich keine Sorgen machen. Das Interesse an den Belangen der Beschäftigten wurde ihm abgenommen. Die Geste kam an und beruhigte.

          Der Tribut ist hoch

          Golf spielen? Das hat der leidenschaftliche Spieler, dem ein Super-Handicap von 6 nachgesagt wird, längst hintenangestellt. In diesem Jahr habe er vielleicht gerade einmal fünf Runden gespielt. Der Tribut ist hoch, den er für das Erreichen seines Ziels zollt, Linde zur Nummer eins in der Welt der Industriegase zu machen und vor allem die Unabhängigkeit des Dax-Konzerns zu sichern - dauerhaft.

          Vom Ehrgeiz gepackt, hat er beharrlich versucht, in Telefonaten den Widerstand des BOC-Chefs Tony Isaac zu brechen. Persönliche Treffen hat es nicht gegeben. Irgendwann, erinnert sich Reitzle, hat das Telefonat länger als drei Minuten gedauert. Da habe er erstmals das Gefühl gehabt, der Deal könnte klappen. Das war Mitte Februar, drei Wochen nach Bekanntwerden der Übernahmeabsichten.

          Das Auto ist in Reitzles Wortschatz nicht wegzudenken

          Nur wenige haben dem Ingenieur derartiges zugetraut, als er im Mai 2002 bei Linde dem Ruf des damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Meinhardt in den Vorstand folgte und Anfang 2003 schließlich Linde-Chef wurde. Kaum jemand hatte damit gerechnet, daß sich Reitzle schnell vom omnipräsenten Meinhardt freischwimmen konnte und den Wandel des traditionsreichen Unternehmens einleitete. Er strafte die Unkenrufer Lügen, die meinten, Reitzle würde die Konzernzentrale Wiesbaden als Zwischenstation wählen, um in die Autoindustrie zurückzukehren.

          Zugegeben: Das Auto ist im Wortschatz des als genialen Techniker geltenden Bayern nicht wegzudenken. Doch spätestens mit dem Weggang von der Ford-Luxuswagengruppe Premier Automotive Group mit den Marken Volvo, Land Rover, Jaguar und Aston Martin hat er sich mit dem Gedanken anfreunden müssen, den Erfolg woanders und nicht in der Autoindustrie zu suchen. Bei Ford wurden seine Ambitionen durch interne Taktierereien durchkreuzt, nachdem ihm zuvor der Weg an die Spitze von BMW verwehrt war.

          Neuer Ehrgeiz

          Industriegase haben nicht den Charme eines BMW oder eines Jaguar. Das mag noch an ihm zehren. Dafür hat er eines der globalsten Unternehmen in Deutschland geschaffen. Doch Reitzle wäre nicht Reitzle, würde ihn nicht ein neuer Ehrgeiz packen: „Stolz kann ich erst dann sein, wenn rückblickend die Integration geklappt hat, wir in jeder Hinsicht top aufgestellt sind und die Börsenkapitalisierung des neuen Unternehmens in drei Jahren deutlich gestiegen ist.“ Reitzle wird dann 60 Jahre sein - für ihn viel zu früh, um an die Pensionierung zu denken.

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