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Porträt: Gerhard Cromme : Die Zweitkarriere des Gerhard Cromme

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Gerhard Cromme Bild: AP

Der designierte Pierer-Nachfolger Gerhard Cromme gilt nicht als bloßer „Abnicker“. Er will den Siemens-Konzern aus den Negativschlagzeilen führen. Wie ein „sturer Oldenburger“ über Frankreich und das Ruhrgebiet nach Bayern findet. Von Brigitte Koch und Werner Sturbeck.

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          Er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit. Der Regierungskommission, die sich seit einigen Jahren mit guter Unternehmensführung befasst, hat er sogar den Namen gegeben. Nach dem Credo Gerhard Crommes dienen Aufsichtsratsmandate weder der Anhäufung von Titeln und dem bequemen Ausschöpfen zusätzlicher Einkommensquellen noch dem Weiterregieren pensionierter Vorstandsvorsitzender. Nach seinem Selbstverständnis haben Aufsichtsräte ihre verantwortungsvolle Aufgabe mit vollem Engagement wahrzunehmen und dabei ein Höchstmaß an Unabhängigkeit zu wahren.

          Er persönlich hat das bewiesen: Im VW-Aufsichtsrat wollte er nicht bloßer „Abnicker“ sein. Als er sich dort vom selbstherrlich regierenden Vorsitzenden Ferdinand Piëch wiederholt vor vollendete Tatsachen gestellt fühlte, stand er mit seinem Namen nicht mehr für eine Wiederwahl zur Verfügung.

          Crommes Ziel: stabile Führungsstrukturen

          Die Nachfolge Heinrich von Pierers als Aufsichtsratsvorsitzender des skandalgeschüttelten Siemens-Konzerns ist ihm aufgedrängt worden. Schon vor Ostern aufgekommene Gerüchte über den anstehenden Wechsel hat er wiederholt dementiert. Doch seine Berufung lag auf der Hand. Zum einen leitet er in dem Kontrollgremium bereits den sogenannten Prüfungsausschuss, der die Aufgabe hat, Unregelmäßigkeiten aufzudecken. Zum anderen ist er frei von operativen Managementaufgaben, anders als Josef Ackermann, Pierers Stellvertreter auf der Anteilseignerbank.

          Crommes neues Amt ist nach jetziger Lesart erst einmal bis zur Siemens-Hauptversammlung im kommenden Januar befristet. Wer ihn kennt, weiß, dass er es in den nächsten Monaten als seine Hauptaufgabe betrachten wird, den größten deutschen Konzern aus den Negativschlagzeilen zu führen und für stabile Führungsstrukturen zu sorgen.

          Kein Rücksichtnahme

          Ob er sich auf einen längeren Verbleib an der Spitze des Aufsichtsgremiums einrichtet, wird man bald sehen. Das lässt sich daran ablesen, wie er den Kreis seiner übrigen Mandate einengen wird. Natürlich wird Cromme Aufsichtratsvorsitzender des Ruhrkonzerns Thyssen-Krupp bleiben. Aber er sitzt zudem in den Kontrollgremien deutscher Konzerne wie Allianz, Axel Springer, Deutsche Lufthansa und Eon sowie namhafter französischer Adressen wie BNP Paribas, Saint-Gobain und Suez. Jeweils zwei Mandate in beiden Ländern dürfte er abgeben, wenn er im Januar weitermachen soll.

          Was er Pierer in der Unternehmenserklärung vom Freitag zu dessen Ausscheiden attestiert, nämlich die Interessen des Unternehmens und der Aktionäre über seine persönlichen zu stellen, kann man auch auf seine Entscheidung übertragen. Wenngleich er diesen Posten eigentlich nicht wollte, ist Cromme nicht der Mann, der sich der Verantwortung entzieht. Nicht zuletzt durch die Präsenz im Aufsichtsrat des jeweils anderen kennen und schätzen sich beide Manager schon lange. Bei seiner neuen Aufgabe in München wird für Rücksichtnahme jedoch kein Platz sein. Ein „Mister Corporate Governance“ hat viel zu verlieren, wenn es ihm nicht gelingt, für Transparenz zu sorgen und eine offenbar unter die Räder geratene Unternehmenskultur zu erneuern.

          Herausragender Manager an Rhein und Ruhr

          Der hochaufgeschossene, mit flottem Kurzhaarschnitt noch immer jungenhaft daherkommende 64-Jährige wirkt auf den ersten Blick wie der brillante Frühstücksdirektor, der für das Image seines Unternehmens, aber nicht für das Tagesgeschäft zuständig ist. Er ist ungemein verbindlich, ein netter Mensch, der seinem Gesprächspartner gern das Gefühl der Vertrautheit gibt. Sein fotografisches Gedächtnis hilft ihm, stets auch persönliche Worte und nicht nur die üblichen Floskeln bereitzuhaben. Doch verkörpert er nicht nur den Diplomaten, er gehört zu den herausragenden Managern an Rhein und Ruhr. Ohne seinen taktischen Weitblick, seinen Mut und seine sture Beharrlichkeit gäbe es heute den Stahl- und Investitionsgüterkonzern Thyssen-Krupp nicht. Mehr noch: Krupp wäre wohl längst pleite und Thyssen in ausländischer Hand.

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