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AMS-Vorstand wird nervös : Plötzlich entscheiden Hegdefonds über Osram

Wohin des Wegs, Osram? Bild: dpa

Finanzinvestoren haben sich kräftig mit Aktien eingedeckt – und gefährden die Übernahme. AMS startet einen Hilferuf.

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          Was zunächst als sicher gesetzt erschien, entwickelt sich für den Lichttechnikkonzern Osram nun zu einem Vabanque-Spiel. Der zweite Anlauf zur Übernahme durch den österreichischen Sensorhersteller AMS sei noch lange nicht in trockenen Tüchern, hieß es am Donnerstag aus Unternehmenskreisen. Das Erreichen der bereits deutlich auf 55 Prozent gesenkten Mindestannahmequote der zweiten Offerte zu unverändert 41 Euro je Osram-Aktie scheint in weiter Ferne zu liegen. Der Anfang Oktober beendete erste Vorstoß des Unternehmens aus Premstätten bei Graz scheiterte an der Hürde von 62,5 Prozent. AMS erhielt nur Zugriff auf 51,6 Prozent – mit den selbst über die Börse erworbenen Osram-Anteilen von 19,9 Prozent.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Ursprünglich gingen die Beteiligten davon aus, dass die gesenkte Annahmequote ausreichen würde. Denn die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend geändert. Es gibt keine konkurrierenden Offerten mehr wie die zuletzt von Bain Capital und Carlyle Group. Vor allem hat sich nach anfänglichen Widerständen der Osram-Vorstand nun auf die Seite der Österreicher geschlagen, der die Offerte nun vorbehaltlos unterstützt.

          Doch haben AMS und Osram die Betriebsamkeit aktivistischer Hedgefonds unterschätzt. In den vergangenen Wochen haben sie über Zukäufe von Osram-Aktien an der Börse eine Aktienposition von zusammen 35 bis 45 Prozent aufgebaut. Sie sind damit zur größten Aktionärsgruppe avanciert und entscheiden so über Wohl und Wehe des Übernahmeversuches und damit über die Zukunft der angeschlagenen Osram, die im Geschäftsjahr 2018/2019 (30. September) eine halbe Milliarde Euro Nettoverlust eingefahren hat.

          Ein Hilferuf von AMS

          Die Zusammensetzung des Osram-Aktionariats hat sich spürbar gegenüber der ersten Offerte verschoben. So sollen institutionelle Investoren, die damals etwa 60 Prozent hielten, laut Unternehmenskreisen ihre Positionen über die Börse zu Kursen um 40 Euro abgestoßen haben. Dazu gehörte auch der einstige größte Einzelaktionär Allianz Global Investors (AGI) mit rund 9,4 Prozent. Sie verkauften zum Preis unterhalb der Offerte, um das Geld einzunehmen, das sonst erst im nächsten Frühjahr nach Vollzug der Übernahme geflossen wäre.

          Diese Aktien sind von den Aktivisten aufgesaugt worden. Man schätzt, dass nur noch Indexfonds mit rund 10 Prozent im M-Dax-Wert Osram engagiert sind, deren Investments die Aktienindizes abbilden müssen. Unverändert auf rund 20 Prozent wird der Besitz der Privataktionäre geschätzt. Selbst wenn diese alle ihre Aktien anbieten würden, kann das nicht zum Erfolg führen.

          Bislang sind AMS nur 3,3 Prozent der Aktien angedient worden, die sich mit dem selbst gehaltenen Anteil auf lediglich 23,2 Prozent summieren. Fast einem Hilferuf kam eine Pressemitteilung der Österreicher am Mittwochabend gleich, die „letzte Chance“ zu nutzen und die Aktien einzureichen. Was nicht aus der Mitteilung herauszulesen ist, sind die Adressaten. Um den Thanksgiving-Feiertag in den Vereinigten Staaten an diesem Donnerstag und dem verlängerten Wochenende sollen vor allem die in London und New York sitzenden Hedgefonds aufgerüttelt werden.

          Der Ernst der Lage

          Hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, dass ein offenbar nervös gewordener AMS-Vorstand den Ernst der Lage deutlich machen will. Vermutet wird, dass etwa 60 bis 70 Hedgefonds Osram-Aktien eingesammelt haben, die nicht konzertiert auftreten dürfen. Die meisten spekulieren darauf, dass die Schwelle von 55 Prozent genommen und in der Folge der Anteil von AMS auf mehr als 75 Prozent aufgestockt wird, um einen Beherrschungsvertrag mit Osram abzuschließen. Normalerweise ist damit eine höhere Abfindung als die nun gebotenen 41 Euro an den verbliebenen Streubesitz verbunden, auf die die Aktivisten spekulieren.

          Ohne deren Beitrag jedoch würde die Mindestannahmequote nicht erreicht. Die Übernahme wäre gescheitert. Es gebe keinen Beherrschungsvertrag und damit nicht die Chance auf eine höhere Abfindung. Ein drittes Angebot, so wird signalisiert, werde es nicht geben. Sollte AMS am Ziel festhalten und die kartellrechtlichen Freigaben erhalten, würde sie später über die Börse Osram-Aktien zukaufen und bei Erreichen der Schwelle von 30 Prozent ein Pflichtangebot unterbreiten. Das könnte nach dem zu erwartenden Kursverfall als Folge des Scheiterns deutlich niedriger ausfallen. So sickert aus dem Unternehmen der Appell durch, dass die Hedgefonds zumindest einen erheblichen Teil anbieten und den Rest behalten sollten.

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