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Plattenfirma : Bertelsmann steigt aus Musikgeschäft mit Sony aus

Bild: picture-alliance/ dpa

Vor vier Jahren haben die Konzerne Sony und Bertelsmann ihr Musikgeschäft in dem Gemeinschafts- unternehmen Sony BMG gebündelt. Jetzt steigt Bertelsmann aus. Sony übernimmt sämtliche Anteile am weltweit zweitgrößten Musikunternehmen.

          Mit Musikern wie Bruce Springsteen, Justin Timberlake, Shakira und den Fantastischen Vier hat Bertelsmann künftig nichts mehr zu tun. Sie und viele andere werden fortan allein von dem japanischen Medien- und Unterhaltungskonzern Sony bezahlt. Denn Bertelsmann verkauft seinen Anteil von 50 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen Sony BMG an die Japaner. Sony BMG ist der zweitgrößte Musikkonzern der Welt nach dem amerikanischen Konzern Universal.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Sony hat ein Vorkaufsrecht auf die Anteile im Gemeinschaftsunternehmen, das die Partner im August 2004 gegründet hatten. Treibende Kraft in dieser vorzeitigen, aber erwarteten Scheidung war Bertelsmann. Dessen neuer Vorstandsvorsitzender Hartmut Ostrowski will den Gütersloher Medienkonzern stärker auf wachstumsträchtige Geschäfte ausrichten. Das Geschäft mit physischen Tonträgern indes ist seit Jahren im Sinkflug.

          Sony indes glaubt, mit dem vollen Zugriff auf das Musikgeschäft Verbundeffekte mit anderen Geschäftsbereichen im Konzern erzielen zu können. Im Gegensatz zu Bertelsmann ist Sony auch im lukrativen Musikverlagsgeschäft vertreten, das unter anderem Einnahmen aus Radiotantiemen umfasst. Synergien erhoffen sich Japaner überdies von der Verknüpfung von Musikinhalten mit hauseigenen Elektronikprodukten wie der Playstation oder Mobiltelefonen (Sony Ericsson). Was auf dieser Ebene möglich ist, hat der Musikkonzern Universal bereits Ende 2007 mit der viel beachteten Kooperation mit Nokia gezeigt: Wer ein bestimmtes Nokia-Handy kauft, bekommt die Musik gleich mitgeliefert.

          Sony BMG wurde im Jahr 2004 von Sony und Bertelsmann gemeinsam gegründet

          Stillschweigen über den Kaufpreis

          Zum Kaufpreis hüllen sich die Beteiligten in Schweigen. Nach Information dieser Zeitung liegt der Transaktionswert bei 1,5 Milliarden Dollar, was knapp 1 Milliarde Euro entspricht. Der reine Kaufpreis für die Beteiligung beläuft sich dem Vernehmen nach auf 1,2 Milliarden Dollar.

          Der Unterschied zum Transaktionswert resultiert unter anderem aus der Einrechnung von Pensions- und Mietverpflichtungen sowie von entnahmefähigen liquiden Mitteln. Hinzu kommt, dass Sony BMG die CD-Fertigungs- und Vertriebsverträge mit dem Bertelsmann-Mediendienstleister Arvato um bis zu sechs Jahre verlängert hat. Auch der Wert dieser Verträge, denen ein jährlicher Umsatz für Arvato von 150 Millionen Dollar zugrunde liegt, ist in dem Gesamt-Transaktionswert enthalten.

          Außerdem hat Bertelsmann den Japanern die Rechte an mehreren tausend Musiktiteln (Master-Recordings) abgerungen, die in mehr als 200 Katalogen gebündelt sind. Diese Kataloge sollen die Grundlage bilden für den Aufbau eines neuen Musikrechtegeschäfts, das Bertelsmann künftig unter der Marke BMG von Berlin aus steuern will. Dabei fängt BMG freilich wieder ganz von vorn an, weil Bertelsmann das eigene Musikverlagsgeschäft 2006 für 1,6 Milliarden Euro verkauft hatte, um die Verschuldung nach dem milliardenschweren Rückkauf eigener Aktien zu senken.

          Sony benötigt noch die Zustimmung der Kartellbehörden

          Durch den vereinbarten Verkauf der Musikbeteiligung dürften die wirtschaftlichen Schulden des Bertelsmann-Konzerns auf deutlich unter 7 Milliarden Euro sinken. Nach Informationen dieser Zeitung bringt die Veräußerung den Güterslohern weder einen Buchgewinn noch Buchverlust. Mit dem endgültigen Abschluss der Verträge ist im Herbst zu rechnen: Denn Sony benötigt noch die Zustimmung der Kartellbehörden.

          Da die Japaner schon maßgeblich an dem Musikunternehmen beteiligt sind, ihnen mithin eine Mit-Kontrolle zugeschrieben wird, dürften die kartellrechtlichen Risiken allerdings nicht besonders groß sein. Die in New York ansässige Sony BMG Music Entertainment hat 2007 umgerechnet 2,5 Milliarden Euro umgesetzt. Das sind 4 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag bei 166 Millionen Euro nach 93 Millionen Euro im Jahr 2006.

          Nach internen Planungen sollte Sony BMG im laufenden Jahr unter dem Strich einen Nettogewinn von weniger als 100 Millionen Dollar erwirtschaften. Auf dieser Basis scheint sich die Bewertung an derjenigen zu orientieren, die im Fall des umstrittenen Verkaufs der Plattenfirma EMI an den Finanzinvestor Terra Firma zum Tragen kam. Der Verkauf, über den Sony und Bertelsmann seit Ende März intensiv verhandelt haben, eröffnet dem Gütersloher Konzern nun wieder etwas mehr finanziellen Spielraum für die angekündigte Offensive im Bildungsmarkt. Dem Vernehmen hat der Vorstand schon das eine oder andere Übernahmeziel - vor allem in den Vereinigten Staaten - ins Visier genommen. Konkrete Übernahmeverhandlungen laufen aber offenbar noch nicht.

          Unterdessen setzt Bertelsmann den Rückzug aus dem Buchklubgeschäft - der Direct Group - fort. Nach dem vereinbarten Verkauf der Tochtergesellschaft in Amerika betreibt der Vorstand nun den Abschied aus China, Korea, Australien, Südamerika, Zentral- und Osteuropa, Großbritannien und Holland. In Deutschland, Spanien, Frankreich und Portugal soll das Buchgeschäft über Klubs und Ladenketten weiterlaufen.

          Ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte

          Im September sollen noch einmal die alten Zeiten hochleben: Die Plattenfirma Ariola lädt in München zur großen Sause. Gefeiert wird das fünfzigjährige Jubiläum des Traditionsunternehmens, das heute zu Sony BMG gehört. Nun fällt die Fete zusammen mit dem weitgehenden Ausstieg des Ariola-Gründers Bertelsmann aus dem Musikgeschäft. Ein halbes Jahrhundert waren die bodenständigen Gütersloher im Glamourgeschäft mit den Stars und Sternchen der Musikwelt aktiv. Jetzt zieht der neue Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski den Schlussstrich.

          Angefangen hatte alles mit Ariola: Mitte der fünfziger Jahre will Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn, damals jungdynamischer Unternehmer im Wirtschaftswunder, seinen erfolgreichen Bertelsmann-Buchclub, der in jener Zeit noch als „Lesering“ firmiert, um den Vertrieb der neuartigen Vinyl-Schallplatten ergänzen. Doch die etablierten Plattenfirmen lassen den Neuling abblitzen. Mohn baut deshalb kurzentschlossen mit Sonopress ein eigenes Plattenpresswerk. 1958 wird als zugehöriges Musiklabel Ariola gegründet. Mit „Am Tag als der Regen kam“ von Dalida landet Ariola den ersten Hitparadenerfolg. In den sechziger und siebziger Jahren nimmt Bertelsmann Künstler wie Udo Jürgens, Roxy Music und Cat Stevens unter Vertrag.

          Noch Mitte 2002 investiert der Medienkonzern - wenn auch unfreiwillig - Milliarden ins auch damals schon heftig gebeutelte Musikgeschäft: Vertragliche Vereinbarungen zwingen die Deutschen, das Plattenlabel Zomba, das unter anderem die Alben von Britney Spears veröffentlicht, für 2,7 Milliarden Dollar zu kaufen. 2004 schließen sich die Bertelsmann Music Group (BMG) und Sony Music überraschend zu Sony BMG zusammen. BMG-Chef Rolf Schmidt-Holtz hat für Bertelsmann das schwierige Geschäft eingefädelt, mit dem die Plattenkonzerne Größenvorteile in der Musikkrise nutzen wollen. Schon mit diesem Gemeinschaftsunternehmen bereitet Bertelsmann den Boden für den Ausstieg aus dem Musikgeschäft. (theu)

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