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Plastik am Pranger : Die Kunststoff-Industrie und das Mentalitätsproblem

Rüdiger Baunemann Bild: WDR/Dirk Borm

Plastik steht am Pranger. Dabei rettet es Leben, fördert Innovationen und ist sogar für die Umwelt eine Erleichterung, argumentiert die Kunststoff-Industrie. Was ist dran?

          5 Min.

          Rüdiger Baunemann muss momentan viel Rede und Antwort stehen für etwas, das mit den Jahren in Verruf gekommen ist. Er ist Hauptgeschäftsführer von „PlasticsEurope Deutschland“, dem Verband der Kunststoff-Erzeuger. Bei der ARD-Talkshow „hart aber fair“ vor wenigen Monaten kämpfte er wörtlich gegen einen kleinen Müllberg an, den ihm Frank Plasberg servierte: 80 Gramm Schinken aus dem Supermarkt, eingepackt in 30 Gramm Kunststoff. Baunemann sagte damals: „Es ist zumindest ein Produkt, das nachgefragt wird.“

          Martin Franke

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Der Verbandschef kennt die Bilder von Tieren, die sich in Plastik verfangen. Er weiß um die verschmutzten Meere und Küsten hierzulande oder in Südostasien. Dennoch findet er, „dass Kunststoffe für viele Bereiche Teil der Lösung und nicht Teil des Problems ist“: Plastik macht Flugzeuge und Autos leichter und spart Treibstoff; Lebensmittel werden geschützt und länger haltbar gemacht; in der Medizin ist dieser Werkstoff nicht wegzudenken. „Mein Lieblingsprodukt ist der Blutbeutel, der rettet Leben, der ist aus Kunststoff“, sagt Baunemann. Selbst die Fußbälle, die bei der Weltmeisterschaft in Russland über den Rasen gerollt sind, bestehen aus diesem Material. „Der Ball lässt sich deutlich günstiger produzieren, hat eine längere Haltbarkeit und nimmt kein Wasser auf.“

          „Das Problem ist die Wegwerf-Mentalität“

          Plastik steht am Pranger. Die Weltmeere werden immer weiter verschmutzt. Bildlich gesprochen fährt jede Minute ein vollgeladenes Müllauto mit Plastik an den Strand und lässt den Abfall ins Wasser. Laut UN sind das 8 Millionen Tonnen im Jahr. Seit 1950 sind über 8 Milliarden Tonnen, umgerechnet 822.000 Eiffeltürme, produziert worden. Der meiste Teil befindet sich in der Umwelt oder auf Deponien. Wenn die Entwicklung anhält, wird es 2050 laut Schätzungen in den Ozeanen mehr Kunststoffmasse als Fische geben. Prognosen zeigen, dass sich die Menschheit mitten im exponentiellen Wachstum der Kunststoffmenge befindet.

          Besonders Einwegplastik in Supermarkt-Ketten steht in der Kritik. Der Einzelhandelskonzern Rewe will daher Einweggeschirr aus Kunststoff ganz verbannen. Bis zum Jahr 2020 soll der Verkauf von Besteck, Tellern und Bechern aus Einwegplastik in allen etwa 6000 Rewe-, Penny- und Toom-Märkten gestoppt werden, sagte der Vorstandsvorsitzende der Rewe-Gruppe, Lionel Souque, exklusiv FAZ.NET. Die Europäische Kommission versucht das Plastik-Problem durch Verbote in den Griff zu bekommen. Im Mai beschloss sie, in Zukunft den Verkauf von Kunststoff-Strohhalmen, Wattestäbchen und Plastikgeschirr gesetzlich zu untersagen – die Umsetzung in den Ländern wird aber vermutlich noch Jahre dauern.

          Baunemann hält von Verboten nicht viel: „Das Problem, das wir bei diesen Produkten haben, dem Einweggeschirr und bei den Becher, ist schlicht und einfach, dass die Leute zu leichtfertig mit den Materialien umgehen. Einfach wegwerfen, den To-Go-Becher einfach stehenlassen. Das Problem ist die Wegwerf-Mentalität.“ Die Menschen handelten demnach nicht verantwortungsvoll genug. Der Slogan von „PlasticsEurope Deutschland“ lautet daher: „Zum Wegwerfen ist Kunststoff zu schade“. Dabei stellt sich die Frage, was Verbraucher stattdessen mit Einweg-Produkten nach ihrem Gebrauch anstellen sollten. Dem Plastik-Vertreter zufolge müsste die Europäische Kommission am Verhalten der Verbraucher gegenüber Müll arbeiten. „Wenn ich anstelle des Kunststoff-Bechers irgendwann den Pappbecher wegwerfe oder sowas, habe ich das Kernproblem nicht gelöst. Man darf nichts wegwerfen.“

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          Tatsache ist jedoch, dass der Lebenszyklus selbst von kurzlebigen Plastikprodukten je nach Art und Zusammensetzungen bis zu 450 Jahre dauert, bevor sie sich in Kleinteile, in sogenanntes Mikroplastik, zersetzen. Welchen Schaden das Material danach anrichtet, ist noch nicht ausreichend erforscht. Sicher ist: Pappe dagegen braucht zur Zersetzung in der Umwelt wenige Monate, eine Zeitung etwa 6 Wochen.

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