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Plagiate : Versteckspiel vor Produktpiraten

  • -Aktualisiert am

Der Zoll fahndet nach Plagiaten Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Nicht jeder Automobilzulieferer will seine neuesten Innovationen in das globale „Schaufenster“ der Branche legen. Auf der Fachmesse Automechanika verstecken Hersteller ihre neuen Designs in Hinterzimmern. Sie fürchten Produktpiraten.

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          In Hinterräumen verstecken Automobilzulieferer auf der Fachmesse „Automechanika“ ihre neuesten Entwicklungen. Die Messe ist laut Veranstalter das globale Schaufenster der Automobilzulieferer. Auf den Messeständen rücken über 4.500 Aussteller ihre Produkte ins rechte Licht. Doch die größten Innovationen gibt es auf der wichtigsten Messe der Branche oft nicht zu sehen - zumindest nicht für alle Besucher. Aus Angst vor Produktpiraten verstecken Hersteller ihre Neuheiten.

          So wie der Felgenproduzent ATS. Das Unternehmen aus Bad Dürkheim zeigt seine neuesten Designs auf der Messe nur in einer abgeschirmten Kabine. Wer die Alufelgen zu sehen bekommt, das entscheidet Bereichsleiter Erwin Eigel. „Hier kommen nur bekannte Gesichter rein. Das sind Handelspartner, mit denen ich schon jahrelang zusammen arbeite“, sagt Eigel. Der Verkäufer ist bereits 14 Jahre im Geschäft, er ist vorsichtig geworden. „Wenn wir hier ein ganz neues Design zeigen, bringen fernöstliche Produktpiraten ihre Kopien schon in sechs Wochen auf den Markt“, erklärt er. Das Unternehmen versteckt nicht nur auf dem Messestand seine Innovationen. Auch im neuen Felgen-Katalog sind die Produkte nicht abgebildet. Hier kann der interessierte Messebesucher lediglich Name, Größe und Farbe der neuen Felgen nachschlagen. Als Bild sind verhüllte Felgen mit dem Verweis „In Vorbereitung“ zu sehen.

          Lebensgefährliche Fälschungen

          In manchen Fällen können Plagiate für den Kunden lebensgefährlich sein, meist geht es aber schlicht um das Geschäft. Auch ATS-Konkurrent Borbet will Gewinneinbußen vorbeugen. „Wir bringen unsere neuesten Innovationen gar nicht erst mit“, sagt Gebietsverkaufsleiter Thomas Kiessling. Designfälscher habe es zwar schon vor zwanzig Jahren gegeben, doch durch das verstärkte Auftreten chinesischer Fälscher habe sich die Situation zugespitzt. Die Qualität chinesischer Fälschugen unterscheidet sich nach Kiesslings Einschätzung nicht wesentlich von den deutschen Markenfelgen. „Die Chinesen produzieren auf den gleichen Maschinen wie wir. Nur wegen der niedrigeren Lohnkosten und wegfallender Entwicklungsausgaben sind die Fälschungen günstiger als unsere Felgen“, sagt Kiessling.

          Felgenhersteller und Tuner sind besonders gefährdet

          Um Hersteller wie ATS und Borbet zu schützen, beobachtet das Zollamt die Produkte auf der Messe genau. Zöllner der „Abfertigungsstelle Messe“ haben vor und während der „Automechanika“ 500 Frachtsendungen kontrolliert, 43 Sendungen waren zu beanstanden. In den abgefangenen Paketen befanden sich 144 gefälschte Produkte. Ihre Absender waren überwiegend Unternehmen aus der Türkei, China, Taiwan und Brasilien. Die Beamten fanden unter anderem nachgebaute Lenkungsgetriebe, die nach Angaben des Original-Herstellers zu tödlichen Verkehrsunfällen führen könnten. Die beschlagnahmten Produkte werden vom Zoll angehalten, die geschädigten Markeninhaber können juristische Schritte gegen die Fälscher einleiten.

          Nicht nur auf der Automechanika werden Zöllner fündig. In seinem Jahresbericht registrierte der Zoll im vergangenen Jahr 7.217 Beschlagnahmefälle. Allein 35 Prozent der konfiszierten Produkte kamen von chinesischen Unternehmen. Plagiate machen Schätzungen zufolge acht Prozent des Welthandels aus.

          „Unzählige schwarze Schafe“

          Vor Ort dient ein Messestand als Anlaufstelle für geschädigte Unternehmer. Marcus Kühne vom Deutschen Patent- und Markenamt und der Rechtsanwalt Lennart Röer vom „Aktionskreis Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie“ geben Antwort auf die Fragen der verärgerten Geschäftsleute. „Gleich am ersten Tag nahmen einige Unternehmer unsere Hilfe in Anspruch“, berichtet Kühne. In den meisten Fällen verweisen die Berater die Hersteller an einen juristischen Notdienst. „Mit Hilfe des Notdienstes können noch während der Messe erste Schritte eingeleitet und Produkte beschlagnahmt werden“, sagt Kühne.

          Doch auch mit der Hilfestellung der Experten brauchen Unternehmer im Kampf gegen Produktpiraten einen langen Atem. Um schon frühzeitig Fälschungen vom Markt zu nehmen, müßten Hersteller die Konkurrenz ganz genau beobachten, erklärt Kühne. Doch das sei schwierig: „Mittlerweile gibt es unzählige schwarze Schafe, die keinen Respekt vor geistigem Eigentum haben. Unternehmer stehen vor einem Kampf gegen einen Ameisenhaufen“, sagt Kühne. Aber gewerbliche Schutzrechte wie Patente, Marken und Geschmacksmuster geben ihren Inhabern einige Rechte, um Plagiatoren die Suppe zu versalzen. So können die Unternmehmer beispielsweise Schadensersatz, die Herausgabe des unberechtigt erzielten Gewinns und die Vernichtung gefälschter Produkte verlangen. Vor allem globale Konzerne mit großen Rechtsabteilungen nehmen diese Prozesse in Kauf.

          Mit dem Markennamen punkten

          ATS und Borbet hingegen haben bereits resigniert. Patente anzumelden oder lange Gerichtsverfahren einzuleiten, sei in dem hart umkämpften Markt zu kosten- und zeitaufwendig, sagt Thomas Kiessling. Für den Borbet-Verkäufer gehört der Design-Raub mittlerweile zum Alltag: „Sollen sie uns doch kopieren, wir punkten mit unserem Markennamen.“

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