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Baden-Württemberg : Ein deutscher Hotspot der künstlichen Intelligenz entsteht

Der einzige Name, der nicht so recht in die Reihe der großen Industriepartner zu passen scheint, ist Facebook. Doch die Teilnahme des amerikanischen Konzerns ist ein Signal in mehrfacher Hinsicht: dass man offen ist für die Kooperation, abseits der Autoindustrie, jenseits der Grenzen von Baden-Württemberg. Und dass es in bedeutenden Kreisen ein erkennbares Interesse am Cyber Valley gibt. „Das Facebook Resarch Lab, bisher angesiedelt in New York und Paris, ist führend in der Grundlagenforschung zum Deep Learning“, urteilt jedenfalls MPIIS-Koordinator Tröndle. Deep Learning ist eine Technik der künstlichen Intelligenz, die den neuronalen Netzen des menschlichen Gehirns nacheifert – und die im Fall von Facebook beispielsweise dazu führt, dass man verblüffend gut passende Werbung auf seinem Facebook-Profil wiederfindet.

Auch andere Bereiche neben der Auto-Industrie

Ein Auto-Valley soll und wird es also nicht geben, auch wenn die Hauptsponsoren großteils ihre dicken Gewinnmargen noch mit Dieseltechnik verdienen. Was hier im Bereich künstliche Intelligenz erforscht wird, mag der Mobilität dienlich sein, lässt sich aber tendenziell leicht auf andere Anwendungsfelder übertragen. Bosch sieht sich als Profiteur dieser technologischen Entwicklung, weil sich plötzlich die Diversifizierung des Konzerns viel stärker nutzen lässt als früher: Rasenmäher oder Staubsauger werden schnell schlau, weil man für die Algorithmen auf Entwicklungen für den Verkehr zurückgreifen kann.

Zeigt sich als Freund der Innovation: Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann. Trotzdem äußert der Grünen-Politiker auch Bedenken.
Zeigt sich als Freund der Innovation: Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann. Trotzdem äußert der Grünen-Politiker auch Bedenken. : Bild: dpa

Aber auch aus ganz anderen Branchen kommt Beifall für die Initiative. Sie mache Deutschland für Talente attraktiv, lobt Ulrich Simon, der im Zeiss-Konzern die Forschung und Entwicklung verantwortet und Chancen für die Bereiche Optik und Photonik sieht: „Beispielsweise sehen wir Applikationen, bei denen es darum geht, Auffälligkeiten oder Anomalien aus einer großen Zahl diagnostischer Bilder in Medizin oder industrieller Qualitätssicherung zu erkennen“, erklärt Simon.

Förderung für den Nachwuchs

„Dutzende von Firmen haben sich gemeldet, viele von ihnen mit der sehr konkreten Vorstellung für eine Kooperation“, berichtet Tröndle zufrieden über das Feedback. „Wir wollen eine Lawine ins Rollen bringen“, ist sein Anspruch. Das Geld aus der Wirtschaft ist dafür genauso wichtig wie das so entstehende Netzwerk, von dem die Gründerplattform profitieren wird. Akademische Nachwuchsgruppen sollen ermuntert werden, sich ganz frei ihre Arbeitsfelder auszusuchen, die dann von den Gründer-Firmen gezielt gefördert werden.

„Das wird nichts Triviales sein“, ist sich Yasser Jadidi sicher, Forschungsleiter im BCAI, dem Bosch-Zentrum für künstliche Intelligenz: „In solchen Gruppen sucht man sich immer die ganz harten Nüsse aus. Was wirkt unlösbar, lautet die Frage – genau das ist spannend.“

Big Data ohne den gläsernen Mensch?

Noch sind es Städte wie Tel Aviv oder Berlin, die für ihre Gründer-Communities bekannt sind. Doch Tröndle ist zuversichtlich für das Cyber Valley: „Für ein Start-up ist es auch wichtig, dass es Kunden findet. Da können wir unseren Standortvorteil ausspielen.“ Bei aller Zukunftshoffnung, die auch in der baden-württembergischen Landesregierung anzutreffen ist, gibt es dennoch auch nachdenkliche Töne aus dem Staatsministerium in Stuttgart. „Alles hat Kollateralschäden“, gibt Ministerpräsident Kretschmann im Gespräch mit dieser Zeitung zu bedenken: „Wenn Wahlen manipuliert werden, wenn alle Geheimnisse offengelegt werden, weil das Kaufverhalten interpretiert wird – in so einer Welt will ich nicht leben“, sagt er über die Schattenseiten der Digitalisierung.

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Er gibt den Partnern des Cyber Valley daher noch einen Auftrag jenseits des wirtschaftlichen Fortschritts mit auf den Weg: „Wir müssen erforschen: Wie können wir Big Data nutzen, ohne dass wir zum gläsernen Menschen werden? Dass wir nicht zu unseren eigenen Marionetten werden, ohne es zu merken? Alle warten darauf, dass wir diesen Fragen nachgehen, und hier haben wir Verantwortung.“

Die Väter des Cyber Valley

Die Geschichte des Cyber Valley ist schon jetzt, ein halbes Jahr nach dem Startschuss, nicht mehr so ganz einfach nachzuzeichnen – denn das Konstrukt hat mehrere Väter. Als sicher kann gelten, dass zwei Personen eine maßgebliche Rolle spielten: Volkmar Denner, der als Chef des Bosch-Konzerns die Vision hat, aus dem Autozulieferer mit Schwerpunkt in der Mechanik einen der großen Anbieter vernetzter Technologie zu machen. Und Martin Stratmann, ein im Ruhrgebiet geprägter Experte in der Eisenforschung, der vor drei Jahren Präsident der Max-Planck-Gesellschaft wurde. Ein Antrittsbesuch beim Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann bereitete offenbar in Stuttgart den Boden. In Berlin wiederum trafen sich Stratmann und Denner mehrfach beim Innovationsdialog von Bundeskanzlerin Merkel, der sich auch der Frage widmet, wie neuartige Kooperationen den Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft beschleunigen könnten, um Innovationen schnell in die Breite zu tragen.

Die Idee einer Stiftungsprofessur, mit der Bosch-Forscher Yasser Jadidi dann beim Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme anklopfte, fiel auf entsprechend fruchtbaren Boden. Bosch ist aktuell der größte private Geldgeber für das Cyber Valley und finanziert unter anderem eine Stiftungsprofessur zum Thema Deep Learning (einschließlich Mitteln für weitere akademische Mitarbeiter) über zehn Jahre. Ein weiterer Stiftungslehrstuhl für „Entrepreneurship in der digitalen Transformation“ wird von Daimler finanziert. Das Land Baden-Württemberg investiert mehr als 50 Millionen Euro. Auch ein Konsortium baden-württembergischer Stiftungen gehört zu den Geldgebern der neuen Forschungskooperation. Zum Start werden neun Forschungsgruppen eingerichtet. Zehn Professuren an den Universitäten Stuttgart und Tübingen sollen dem Cyber Valley im internationalen Vergleich zusätzliches Gewicht verschaffen.

In entsprechenden Kreisen hat die Initiative schon Aufmerksamkeit erregt. Für die Graduiertenschule haben sich 360 Absolventen beworben. Die Interessenten kommen aus Indien, Pakistan und Iran, aus China und den Vereinigten Staaten. Knapp vier Dutzend von ihnen sind zu einem dreitägigen Auswahlprozess eingeladen. Etwa die Hälfte davon wird dabei sein, wenn die Schule Anfang Oktober ihren Betrieb aufnimmt, vorläufig in den neuen Räumen des Instituts für Intelligente Systeme, das noch nicht ganz belegt ist. Für einen Neubau, der das physische Zentrum des Cyber Valley bilden soll, hat das Land zudem eine Finanzierung zugesagt.

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