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Piraterie : Panik im Panikraum

In ruhigerem Fahrwasser: die „Beluga Nomination” auf dem Nord-Ostsee-Kanal Bild: dapd

Eine Sicherheitskammer soll die Besatzung gekaperter Schiffe vor Geiselnahme schützen. Der „Beluga Nomination“ ist niemand zur Hilfe geeilt - und der Panikraum wurde in Ruhe aufgeschweißt.

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          Die „Beluga Nomination“ ist auf dem Weg in Richtung Seychellen, als das Drama seinen Lauf nimmt. Von einem Mutterschiff fernab ihrer eigenen Küste setzen somalische Piraten ihre Schnellboote (Skiffs) in den Indischen Ozean und entern das Frachtschiff der Bremer Schwergut-Reederei Beluga Shipping. Die zwölf Seeleute des unter der Flagge von Antigua und Barbuda fahrenden Schiffs flüchten in eine Sicherheitszelle, den sogenannten Panikraum, und rufen über Funk nach Hilfe. Sie hoffen, dass es ihnen so ergeht wie den Kameraden auf dem Schwesterschiff „Beluga Fortune“, das Ende Oktober von Piraten gekapert worden war. Damals kam den im Panikraum versteckten Seeleuten schnell eine englische Fregatte zu Hilfe. Ohne Geiseln als Faustpfand ergriffen die Angreifer lieber die Flucht.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Der „Beluga Nomination“ ist nach dem Angriff am Samstag indes niemand rechtzeitig zu Hilfe gekommen. Die Besatzung hat nach Aussage von Beluga-Chef Niels Stolberg zweieinhalb Tage im Panikraum verbracht, ohne dass irgendeine Fregatte, ein Hubschrauber oder ein Flugzeug der EU-Antipiraten-Mission Atalanta aufgetaucht ist. Angeblich sollen am Wochenende keine einsatzfähigen Einheiten zur Verfügung gestanden haben. Die Piraten hatten also genügend Zeit, um den Zufluchtsort der verängstigten Crew zu finden und zu knacken. Dem Vernehmen nach haben sie den mit schweren Stahlschotten gesicherten Panikraum aufgeschweißt und die zwölf Ukrainer, Russen, Polen und Philippiner in Geiselhaft genommen, um später mit ihnen ein Lösegeld in Millionenhöhe zu erpressen. Eine militärische Befreiungsaktion ist unter diesen Umständen kaum noch denkbar. Zu groß wäre die Gefahr, dass die Seeleute dabei ihr Leben verlieren. Die Piraten steuern das Schiff jetzt in Richtung somalischer Küste. Dort liegen schon eine Reihe anderer gekaperter Frachter vor Anker: Einschließlich der „Beluga Nomination“ haben somalische Piraten derzeit 31 Schiffe mit insgesamt 735 Seeleuten in ihrer Gewalt.

          „Die Reeder selbst sind hauptverantwortlich“

          Der jüngste Fall verdeutlicht, dass der Einbau eines Panikraums kein Allheilmittel ist in der Piratenabwehr. Denn die Angreifer lernen dazu und rüsten auf. Erst vor wenigen Wochen wurde eine solche Sicherheitszelle einfach aufgesprengt. Daher sagt Ralf Nagel, Hauptgeschäftsführer des Verbands deutscher Reeder (VDR): „Wir stoßen mit unseren eigenen Schutzmaßnahmen an Grenzen.“ Die deutschen Reeder wünschen sich seit langem einen besseren Schutz vor Piratenangriffen. Nach ihren Vorstellungen sollen bewaffnete hoheitliche Kräfte an Bord der Handelsschiffe gehen und diese im Ernstfall verteidigen. Dass diese Forderung nicht einfach durchzusetzen ist, wurde auf einem Treffen Nagels mit den Vertretern der zuständigen Ministerien sowie der Gewerkschaft Verdi und der Seemannsmission deutlich. „Die Reeder selbst sind hauptverantwortlich für den Schutz ihrer Schiffe und Besatzungen“, sagt der Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft, Hans-Joachim Otto (FDP), der zu dem Gespräch nach Berlin eingeladen hatte.

          Trotzdem haben die Reeder die Hoffnung noch nicht aufgegeben. „Wir haben vorgeschlagen, Stationsschiffe an der Einfahrt und Ausfahrt des Risikogebiets zu positionieren“, sagt Verbandschef Nagel. Das Ganze soll so funktionieren wie das Lotsenversetzsystem vor der deutschen Küste. Von den Stationsschiffen steigen hoheitliche Kräfte auf gefährdete Handelsschiffe und verlassen diese wieder am Ende des Gefahrengebiets, wo ein weiteres Tenderschiff im Wasser liegt. „Die Kosten hierfür werden umgelegt auf die diejenigen Reeder, die das System nutzen“, erläutert Nagel gegenüber dieser Zeitung. Im Innen- und Verteidigungsministerium sei man zumindest offen für diesen Vorschlag, über den weiter diskutiert werde.

          Deutscher Schutz nur für Schiffe unter deutscher Flagge

          Nagel muss in dieser Sache dicke Bretter bohren. Zum einen gibt es verfassungsrechtliche Hürden: Für Piratenbekämpfung ist in Deutschland der Küstenschutz, also die Bundespolizei, zuständig. Deutsche Polizisten sind aber in der Gefahrenregion vor der somalischen Küste gar nicht präsent. Zum anderen legt Deutschland die Mission Atalanta enger aus als andere Länder. Bisher dürfen die Spezialeinheiten der teilnehmenden deutschen Marineschiffe nur an Bord der Frachter gehen, die im Auftrag des Welternährungsprogramms unterwegs sind. Die Formulierung im Atalanta-Mandat, wonach auch „andere gefährdete Schiffe“ geschützt werden könnten, ließe sich zwar auf Handelsschiffe anwenden. Eine solche Erweiterung erforderte jedoch die Zustimmung des Parlaments. Das stimmt aber erst wieder im Dezember über das Atalanta-Mandat ab, das allein die deutschen Steuerzahler jährlich 50 Millionen Euro kostet.

          Der maritime Koordinator Hans-Joachim Otto gibt zu bedenken, dass es im Jahr 1700 Passagen deutscher Schiffe durch den Golf von Aden gebe und dass auf jeder Durchfahrt wegen des erforderlichen Schichtdienstes zehn bis zwölf Sicherheitsleute an Bord gehen müssten. „Eine so umfassende Begleitung ist nicht zu leisten.“ Außerdem dürfen Bundespolizisten nur an Bord derjenigen Schiffe gehen, die unter deutscher Flagge fahren. Von den 3500 Schiffen deutscher Eigner sind derzeit aber nur rund 440 mit deutscher Flagge unterwegs. Auch von dem Alarmsystem im Indischen Ozean profitierten nur Schiffe unter deutscher Flagge. Die EU-Seestreitkräfte überwachen die durch Geiseln „geschützten“ Mutterschiffe der Piraten per Satellit und melden, wenn diese ihre Boote auf Jagd schicken.

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