https://www.faz.net/-gqe-7uiiu

Pilotenstreik : Lufthansa streicht 25 Flüge

Die Lufthansa-Piloten streiken wieder. Bild: Reuters

Die Piloten der Lufthansa haben eine neue Eskalationsstufe gezündet: Erstmals im laufenden Tarifkonflikt legen sie gezielt Langstreckenflüge lahm. Gegen die Streiks tun sich auch konzernintern Widerstände auf.

          2 Min.

          Die Piloten der Deutschen Lufthansa haben in ihrem Arbeitskampf mit dem Unternehmen eine neue Eskalationsstufe gezündet: Erstmals im laufenden Tarifkonflikt um die Frührente der Piloten legt die Vereinigung Cockpit (VC) mit einem Streikaufruf gezielt Langstreckenflüge lahm. An diesem Dienstag sollten von 8 Uhr bis 23 Uhr am Flughafen Frankfurt keine Langstreckenjets der Lufthansa abheben, kündigte die Berufsgewerkschaft am Montag an. Unternehmensangaben zufolge sind damit insgesamt 57 Überseeflüge mit Flugzeugen der Typen Airbus A380, Boeing 747 sowie A340 und A330 betroffen, von denen 25 annuliert sind.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Lufthansa-Management habe im Streit um die Frührente „weiterhin kein kompromissfähiges Angebot vorgelegt“ und damit den neuen Streik erzwungen, teilte die VC mit. Vor zwei Wochen hatte sie schon einmal einen achtstündigen Langstrecken-Streik angekündigt. Diesen hatte sie dann aber kurzfristig wieder abgesagt und neue Gespräche mit dem Management geführt, die nun aber wiederum gescheitert sind.

          Das Unternehmen will das Mindestalter für den Zugang zur betrieblichen Frührente für die Piloten von 55 auf 60 Jahre anheben. Diese Frührente beträgt 60 Prozent des letzten Bruttogehalts. Gegen die Fortsetzung der Pilotenstreiks tun sich auch konzernintern Widerstände auf: In einem offenen Brief an die 5400 Flugzeugführer fordern erstmals die 1200 Führungskräfte der Lufthansa ihre Kollegen zur Mäßigung auf: „Bitte kehren Sie in die Cockpits und an den Verhandlungstisch zurück“, heißt es. Kein Mitarbeiter in der gesamten Lufthansa-Gruppe habe eine vergleichbare Frührentenregelung wie die Piloten.

          Die Lufthansa hat es mit besonders schwierigen Arbeitnehmervertretern zu tun

          Dass es die Lufthansa, die Deutsche Bahn und einige andere Arbeitgeber tatsächlich mit besonders schwierigen Arbeitnehmervertretern zu tun haben, belegt auch neue Daten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW): Ob Piloten, Lokführer oder Krankenhausärzte – Tarifrunden mit Sparten- und Berufsgewerkschaften verlaufen im Durchschnitt beinahe doppelt so aggressiv wie die Tarifrunden der großen Branchengewerkschaften wie IG Metall oder Verdi. Das zeigt eine Analyse, für die das arbeitgebernahe Institut 134 Tarifkonflikte seit dem Jahr 2000 ausgewertet hat.

          An der Spitze der Konfliktskala steht hier die Lokführergewerkschaft GDL, die – gemessen an einem neu entwickelten Index – auf durchschnittlich 43 Konfliktpunkte je Tarifrunde kommt. Die Piloten haben ihren Aggressivitätsfaktor binnen Jahresfrist um fast die Hälfte auf 19,5 Punkte je Tarifrunde erhöht. Am anderen Ende steht die sozialpartnerschaftliche IG Bergbau, Chemie, Energie mit nur 0,2 Punkten. Im Durchschnitt liegen die analysierten Spartengewerkschaften bei 23 Konfliktpunkten, die Branchengewerkschaften bei 13.

          Die Untersuchung des Tarifforschers Hagen Lesch geht deutlich über andere Studien zur Rolle der Spartengewerkschaften hinaus, da sie die Konfliktstärke nicht einfach an der Zahl der Streikteilnehmer oder Streiktage misst. Vielmehr hat Lesch für den neuen Index die ganze Bandbreite der in Tarifrunden vorkommenden Eskalationsstufen erfasst und auf einer Skala von 1 bis 7 Punkten bewertet. Sie reicht von „verbal-formaler“ Eskalation – etwa Streikdrohungen – über Streikaufrufe und Warnstreiks, Schlichtungen und juristische Gefechte bis hin zur Höchststufe des unbefristeten Arbeitskampfs.

          Übliche Streikstatistiken unterzeichnen das Konfliktpotential von Berufsgewerkschaften. Denn diese richten schon mit wenigen Teilnehmern und kurzen Arbeitsniederlegungen oft hohe Schäden an, bleiben damit aber trotzdem unter der statistischen Messschwelle. Die amtliche Statistik der Bundesagentur für Arbeit etwa zählt nur Streiks von mindestens eintägiger Dauer als vollwertige Streiks. Die Piloten bleiben jedoch auch diesmal mit einer Dauer von 15 Stunden unter dieser Grenze. Amtlich gesehen, fällt ihre Arbeitsniederlegung damit unter die „Bagatellstreiks“.

          Dagegen waren die Streiks von Verdi in der Tarifrunde 2013 des Einzelhandels nach derselben Methode ein Großereignis, obwohl sie nur wenige Kunden belasteten: Die Arbeitsagentur zählte 573 betroffene Betriebe und 20000 Streikteilnehmer. Die Bundesagentur führt die Statistik anhand gesetzlich vorgeschriebener Meldungen der Arbeitgeber; sie selbst räumt ein, dass damit das Streikgeschehen „untererfasst“ werde.

          Weitere Themen

          Weltbank warnt vor indischer Krise

          Hohe Verschuldung : Weltbank warnt vor indischer Krise

          Die Lage der Banken wird prekärer. Von faulen Krediten im Volumen von rund 150 Milliarden Dollar ist die Rede. Nun schlagen die Probleme aus dem Finanzsektor auf die Binnenwirtschaft durch.

          Topmeldungen

          In Offenbach wird gebaut – aber wie teuer wird die Grundsteuer?

          Bundestag stimmt am Freitag ab : Protokollnotiz soll die Grundsteuer retten

          Die Bundesregierung steht unter Druck: Ohne Einigung in Sachen Grundsteuer müssen die Kommunen auf mehr als 14 Milliarden Euro im Jahr verzichten. Viel spricht dafür, dass FDP und Grüne die geplante Reform ermöglichen werden.
          Gergely Karacsony am Sonntag nach seinem Wahlsieg in Budapest

          Kommunalwahlen in Ungarn : Die Hauptstadt wendet sich gegen Orbán

          Die Fidesz-Partei des Ministerpräsidenten erleidet empfindliche Niederlagen in Budapest und anderen wichtigen Städten. Das hat mit Skandalen und Korruptionsvorwürfen zu tun, aber auch mit einer Kooperationsstrategie der Opposition von links bis ganz rechts.
          Der amtierende indische Ministerpräsident Narendra Modi

          Hohe Verschuldung : Weltbank warnt vor indischer Krise

          Die Lage der Banken wird prekärer. Von faulen Krediten im Volumen von rund 150 Milliarden Dollar ist die Rede. Nun schlagen die Probleme aus dem Finanzsektor auf die Binnenwirtschaft durch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.