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Piloten : Lufthansa will Streik gerichtlich stoppen

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In ihren Uniformen: Piloten der Lufthansa beim Streik in Frankfurt Bild: dpa

Zwischen der Lufthansa und den Piloten ist am ersten Tag des möglicherweise größten Streiks der deutschen Luftfahrtgeschichte keine Annäherung in Sicht. Die Lufthansa beantragte beim Arbeitsgericht Frankfurt eine einstweilige Verfügung, um den Streik zu unterbinden. Noch heute werden die Richter entscheiden.

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          Zwischen der Lufthansa und die Pilotenvereinigung Cockpit ist am ersten Tag des möglicherweise größten Streiks der deutschen Luftfahrtgeschichte keine Annäherung in Sicht. Die Lufthansa geht nun gerichtlich gegen den Streik der rund 4000 Piloten vor. Die Fluggesellschaft habe beim zuständigen Arbeitsgericht Frankfurt am Main einen Antrag auf eine einstweilige Verfügung eingereicht, sagte eine Lufthansa-Sprecherin am Montag.

          Das Arbeitsgericht Frankfurt verhandelt am späten Montagnachmittag über den Antrag der Lufthansa gegen den Streik ihrer Piloten. Um 17.30 Uhr sollen bei der Verhandlung der vierten Kammer die Fluggesellschaft und die Vereinigung Cockpit angehört werden, wie ein Gerichtssprecher sagte. Mit einer Entscheidung sei voraussichtlich noch am selben Tag zu rechnen. Die Lufthansa argumentiert, der Streik sei unverhältnismäßig und sie sei verpflichtet, Schaden von Unternehmen, Mitarbeitern und Aktionären abzuwenden.

          Laut dem Frankfurter Arbeitsgericht bezeichnen Lufthansa den Pilotenstreik als rechtswidrig, da die Streikforderungen bezogen auf die Tochter Lufthansa Italia mit Sitz in Mailand keine zulässigen Streikziele darstellten und weitere Streikforderungen ungekündigte Tarifverträge beträfen, die der Friedenspflicht unterlägen. Cockpit hatte dagegen in der vergangenen Woche erklärt, dass keine Friedenspflicht mehr bestehe und auf die bereits seit längerem gekündigten Mantel- beziehungsweise Vergütungstarifverträge bei Lufthansa, Lufthansa Cargo und Germanwings verwiesen. Bei einer Urabstimmung hatten 94 Prozent der Piloten für einen Streik gestimmt. Die Gewerkschaft will erreichen, dass die deutschen Tarifbedingungen auch für Flugzeugführer ausländischer Lufthansa-Töchter gelten. Damit soll die Verlagerung deutscher Arbeitsplätze ins Ausland verhindert werden, da immer mehr originäre Lufthansa-Strecken von diesen Töchtern geflogen würden. Dafür ist Cockpit auch zu einer Nullrunde bereit.

          „Wir bluffen nicht”

          Piloten drohen mit Streiks „im Wochenrhythmus“

          Seit Mitternacht sind rund 4000 Piloten zum Streik aufgerufen. An den größten deutschen Flughäfen in Frankfurt, Düsseldorf, München, Berlin und Hamburg fielen am Morgen zahlreiche Flüge aus. Nach Einschätzung der Lufthansa sollen an diesem Montag etwa 800 Flüge gestrichen werden. Das Unternehmen hat einen Sonderflugplan erarbeitet und ins Internet gestellt.

          Nach Angaben eines Cockpit-Sprechers gibt es derzeit keinen Kontakt und keine Verhandlungen mit der Lufthansa. „Offenbar reicht der Lufthansa der Druck von vier Tagen Streik noch immer nicht“, sagte Cockpit-Sprecher Alexander Gerhard-Madjidi am Montag am Frankfurter Flughafen. „Wir bluffen nicht.“ Cockpit sei gesprächsbereit. Sollte es am Ende des aktuellen Streiks aber weiter keine Gespräche geben, seien neue Streiks denkbar. „Wir können das im Wochenrhythmus wiederholen.“

          Chaos bleibt aus

          Weil sich viele Passagiere über den Sonderflugplan informiert hatten, blieb ein Chaos in den Morgenstunden aus. Fluggäste aus dem Ausland, die in Frankfurt gelandet sind, mussten auf die Bahn ausweichen oder wurden umgebucht. Betroffen waren am Morgen vor allem Strecken innerhalb Deutschlands sowie einige internationale Verbindungen. Flughafensprecher berichteten von Ruhe in leeren Abflughallen.

          Die Deutsche Bahn setzte unterdessen zusätzliche Züge ein. Ein Zugpaar fahre zwischen Köln und Berlin, ein weiteres zwischen Hamburg und Berlin und zurück, teilte die Bahn mit. Zusätzliche Kapazitäten würden zwischen München-Hannover/Hamburg und Hamburg/Hannover-München angeboten. Flugreisende könnten ein Bahnticket für die identische Reiseklasse bei der Bahn kaufen und später gemeinsam mit einem Beleg über das Flugticket von der Lufthansa erstatten lassen.

          Passagiere auf Ausfälle vorbereitet

          Auch am zweitgrößten Flughafen Deutschlands in München war es „sehr ruhig und sehr leer“ in der Abflughalle, wie ein Sprecher sagte. Auch am Umbuchungsschalter der Airline warteten nur vereinzelt Passagiere. Die Lufthansa geht davon aus, dass dort rund 40 Prozent der Flüge gestrichen werden müssen. „Wir werden versuchen, 50 bis 60 Prozent des normalen Flugprogramms aufrecht zu erhalten“, sagte eine Sprecherin. Ob der in der vergangenen Woche veröffentlichte Sonderflugplan eingehalten werden kann, werde sich im Laufe des Tages zeigen. Den Flughafen München verlassen täglich rund 330 Lufthansa- Flieger.

          Die genaue Anzahl der annullierten Flüge an den Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn konnte die Lufthansa am frühen Morgen noch nicht nennen. An beiden Flughäfen sollten am Montag zwar einige Lufthansa-Maschinen abheben, die meisten Flüge seien aber gestrichen. Nach einer ersten groben Schätzung fielen 8 von 10 Flügen aus. In Hamburg sollten am Montag nur 44 von 97 Flügen starten.

          Vermittlungsversuch von Ramsauer gescheitert

          Am Sonntag war ein Versuch von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), zwischen den Parteien zu vermitteln, gescheitert. „Wir hatten bis zum Schluss Hoffnung, den Streik abzuwenden“, sagte eine Lufthansa-Sprecherin in der Nacht der Deutschen Presse-Agentur und betonte: „Wir sind selbstverständlich dialogbereit.“

          Den Piloten geht es vor allem um die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze. Sie wollen verhindern, dass Flüge aus dem Mutterkonzern auf ausländische, billigere Töchter verlagert werden. So fordert die Arbeitnehmervertretung, dass alle bei Lufthansa beschäftigten Piloten entsprechend des geltenden Konzerntarifvertrags bezahlt werden.

          Die Lufthansa und ihre Piloten werfen sich gegenseitig vor, weitere Gespräche zu verhindern, weil sie mit unannehmbaren Vorbedingungen in die Verhandlungen gegangen seien. Die Forderungen der Piloten seien unerfüllbar und rechtswidrig, kritisierte das Unternehmen.

          Was Piloten bei der Lufthansa verdienen

          Das Anfangsgehalt eines Piloten im Konzerntarifvertrag der Lufthansa liegt nach Angaben der Gesellschaft bei 62.000 Euro brutto im Jahr. Einen guten Teil der Kosten ihrer zweijährigen Ausbildung müssen die Piloten abstottern, sobald sie im Job stehen. Ihr Anteil beträgt 60.000 Euro, was laut Lufthansa etwa ein Drittel der Kosten deckt.

          Nach dem Aufstieg zum Kapitän können die Piloten nach Angaben aus Luftverkehrskreisen mit einem Anfangsgehalt von 110.000 Euro rechnen, das bei einem erfolgreichen Berufsleben im Cockpit auf mehr als 250.000 Euro anwachsen kann. Vom Erfolg des Unternehmens ist eine variable Vergütung von bis zu einem zusätzlichen Monatsgehalt abhängig. Bislang musste dafür ein Konzerngewinn von mehr als einer Milliarde Euro erzielt sein.

          Die Piloten haben zusätzlich Anspruch auf umfangreiche Sozialleistungen und eine Betriebsrente. Nach Angaben der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit müssen sie sich selbst aber kostspielig gegen eine Berufsunfähigkeit absichern, die aus gesundheitlichen Gründen bei strengen alljährlichen Untersuchungen jederzeit eintreten kann. Eine solche Police kann bis zum 400 Euro monatlich kosten.

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