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„Cold Brew Coffee“ : Manche Trends soll man ruhig ziehen lassen

  • -Aktualisiert am

Nach dem Hurrikan „Irma“ war Cold Brew Coffee in Florida auch eine Notlösung. Bild: dpa

„Cold Brew Coffee“ wird auch hierzulande immer mehr zum Trendgetränk. Philosoffee aus Berlin sind die Pioniere auf dem deutschen Markt.

          Benjamin Thies wollte in New York einen Kaffee bestellen – und war verdutzt, als er statt einer Siebträgermaschine fünf Zapfhähne sah. Da entstand die Idee für das Berliner Unternehmen Philosoffee GmbH, das er mit seinen Freunden Lukas Friedemann und Christian Figueras im November 2016 gründete.

          Das Trio, ein ehemaliger Unternehmensberater, ein früherer Chef eines Start-ups und ein Getränketechniker, brachte den „Cold Brew Coffee“ auf den deutschen Markt. Die Bohnen lassen sie bei Bonanza Coffee Roasters in Berlin rösten; dort werden sie auch vom Deutschen Meister und Finalisten der Filterkaffee-Weltmeisterschaften 2017, Constantin Hoppenz, beraten.

          Wirkt schwächer, aber länger

          Weiterverarbeitet wird mit dem Mazerationsverfahren, auch Full-Immersion-Methode genannt: Der Kaffee wird mit kaltem Wasser angesetzt, in einer langen und schonenden Prozedur extrahiert und danach gefiltert. „Das kann schon mal zwischen 12 und 24 Stunden dauern“, erklärt Thies. Dann wird der Kaffee in Flaschen gefüllt.

          Durch das schonende Verfahren wird der Kaffeebohne bis zu 10 Prozent weniger Koffein entzogen als üblich; die Wirkung des Kaffees ist schwächer, dauert aber länger an. Außerdem ist er süßer und säureärmer.

          90 Prozent der mehr als 800 im Kaffee enthaltenen Aromen sollen durch das Cold-Brew-Verfahren gelöst werden, zum Beispiel schokoladige und fruchtige Noten. Eine Kaffeeliebhaberin sagt: „Es riecht nach Schokolade und schmeckt speziell, aber sehr würzig.“

          Teil des Baristakults

          Cold Brew Coffee ist unter dem Namen Kyoto-Kaffee schon seit Jahrhunderten in Japan beliebt. Wiederentdeckt wurde er von Outdoor-Fans, die keinen Gaskocher benutzen wollten. In die Kaffeeindustrie gelangte er dann im Zuge des Barista- und Entschleunigungskults.

          Im Sortiment hat man „Koldbrew Pure“ und „Koldbrew Tonic“, in dem ein selbst entwickeltes Tonic Water und Agavendicksaft enthalten sind. Der Viererpack kostet 12 Euro. Es gibt noch den „Nitrobrew“, der gezapft wird. Das Unternehmen plant für dieses Jahr eine Erweiterung der Produktpalette um zwei Getränke.

          Man vertreibt die Getränke im Online-Shop, auf Amazon und Foodist und in ganz Deutschland in mehr als 350 Filialen des Biofachhandels sowie Cafés. Dieses Jahr plant man, 200.000 Flaschen zu verkaufen – und den auf Veranstaltungen gezapften Nitro-Coffee. 2017 betrug der Umsatz rund 150.000 Euro; dieses Jahr soll er dreimal höher liegen.

          Bewusster Konsum

          Man beginnt auch zu exportieren, nach Großbritannien, Spanien und Dänemark. Die Expansion auf dem deutschen Markt stehe zwar im Mittelpunkt, doch etablierten sich immer mehr Konkurrenzunternehmen. „Als wir loslegten, gab es vielleicht ein, zwei andere Anbieter“, berichtet Thies. Heute sind es etwa fünf größere.

          Lycka und Karacho bieten keine Pure Version an. Good Spirits, Noar und Stempels Slowbrew konzentrieren sich eher auf den Markt in der jeweiligen Stadt. Der Kundenstamm von Philosoffee besteht hauptsächlich aus berufstätigen Großstädtern zwischen 25 und 40 Jahren, die Wert auf bewussten Konsum legen.

          Ein Unternehmen, das ebenfalls auf den Trend des Cold Brew aufgestiegen ist, ist die Tradena UG in Hamburg. Die beiden Juristen Hans-Joachim Berner und Philipp Sahrmann brachten im August 2016 den „Dripster“ auf den deutschen Markt. Er besteht aus einem Pyrex-Glasbehälter mit einem Edelstahlfilter, auf den man einen Wasserbehälter aus Kunststoff mit einem verstellbaren Ventil setzt.

          Ein Tropfen je Sekunde

          Zur Herstellung des Cold Drip Coffee lässt man durch das Ventil etwa einen Tropfen je Sekunde auf das Kaffeepulver im Edelstahlfilter tropfen und erhält so nach zwei bis drei Stunden bis zu 600 Milliliter eines aromatischen Konzentrats. Der Dripster kostet knapp 50 Euro.

          Er sei der mit Abstand meistverkaufte „Coffee Dripper“ in Deutschland. 2017 erzielte Tradena einen Umsatz von 210.000 Euro, für 2018 werden 250.000 bis 300.000 Euro erwartet. Berner und Sahrmann könnten davon leben, sind aber weiterhin als Anwälte tätig.

          Der Artikel stammt aus dem Schülerprojekt „Jugend und Wirtschaft“, das die F.A.Z. gemeinsam mit dem Bundesverband deutscher Banken veranstaltet.

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