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Gewerkschaft erzürnt : Philip Morris schließt Berliner Zigarettenfabrik

Der „Marlboro Man“ steht auf dem Dach der Zigarettenfabrik von Philip Morris in Berlin. Bild: dpa

Der Konzern reagiert damit auf die sinkende Nachfrage nach Tabakprodukten. 950 Beschäftigte müssen gehen – Gewerkschaftler nennen den Schritt „unverantwortlich und heuchlerisch“.

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          Der Tabakkonzern Philip Morris stellt nach mehr als vierzig Jahren die Zigarettenproduktion in seinem Berliner Werk zum Jahreswechsel ein. Wie das Unternehmen am Dienstag mitteilte, reagiert es damit auf die seit Jahren sinkende Nachfrage nach Zigaretten in Europa. „Die Veränderung des Konsumentenverhaltens erfordert eine deutliche Reduzierung der Produktionskapazität“, ließ sich der für die Herstellung in der EU zuständige Manager Mark Johnson-Hill in einer Mitteilung zitieren. Die Industrie sei derzeit von „erheblicher Überkapazität“ geprägt.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Derzeit arbeiten nach Angaben von Philip Morris etwa 1050 Mitarbeiter in der Fabrik, die Zigaretten der Marken Marlboro, Chesterfield und L&M herstellt. Etwa 950 davon müssen gehen, allerdings will der Konzern „faire und sozialverträgliche Lösungen“ finden. Dafür soll es Gespräche mit dem Betriebsrat über einen Interessenausgleich und einen Sozialplan geben. 75 Mitarbeiter sollen an dem Standort bleiben und weiter sogenannten Volumentabak herstellen, eine Vorstufe in der Zigarettenproduktion. Zudem sollen 25 Arbeitsplätze zum Werk nach Dresden und an den Sitz von Philip Morris Deutschland nach Gräfelfing verlagert werden.

          Die zuständige Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) reagierte mit Unverständnis. „Das Werk Berlin von Philip Morris arbeitet hochprofitabel, schreibt seit Jahren schwarze Zahlen“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der NGG, Freddy Adjan. Er warf dem Management am Hauptsitz von Philip Morris International in Lausanne vor, die Entscheidung ausschließlich nach einem „Kennzahlen-Ranking“ auf europäischer Ebene getroffen zu haben. Alternativen, „wie trotz sinkender Nachfrage innovative Lösungen zum Erhalt der Arbeitsplätze in Berlin gefunden werden können“, seien nicht geprüft worden. Gegenüber den Mitarbeitern sei das „unverantwortlich und heuchlerisch“.

          Philip Morris hingegen sieht sich durch den rückläufigen Zigarettenkonsum in wichtigen Märkten unter Zugzwang. So wurden in Deutschland nach Zahlen des Zigarettenverbands 2018 nur noch 74,4 Milliarden Zigaretten verkauft. Vor fünfzehn Jahren waren es noch fast 133 Milliarden Stück gewesen. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Zigarettenindustrie von knapp 11.700 auf gut 9300 gesunken. Britisch American Tobacco hatte schon vor Jahren angekündigt, sein Werk in Bayreuth stark zu verkleinern. Große Fabriken gibt es hingegen weiter in Langenhagen und Trier, wo die Wettbewerber Reemtsma und Japan Tobacco International produziert.

          Grund für den Rückgang im Markt sind schärfere Regeln für den Verkauf von Tabak und ein allgemein höheres Gesundheitsbewusstsein. Philip Morris als einer der größten Zigarettenhersteller der Welt und Marktführer in Deutschland hat daher schon vor Monaten angekündigt, Zigaretten komplett durch „rauchfreie Alternativen“ ersetzen zu wollen, die gleichzeitig neue Arbeitsplätze schaffen sollen. So seien etwa 600 Jobs für die Vermarktung und den Vertrieb der hauseigenen E-Zigarette Iqos entstanden.

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